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Corona-Tagebuch

„Sie haben den ersten Corona-Patienten, das ist nicht mehr zu leugnen!“

  • Coronatagebuch

"Wir sind im kommunikativen Ausnahmezustand - so wie derzeit das ganze Land. Noch größer als die externe ist für uns derzeit der Aufwand für die interne Kommunikation. Arbeitsrecht, Arbeitsabläufe oder Hygienestandards - ständig ändert sich etwas. Auf Fragen, wo man parken kann, wie Mitarbeiter den heruntergefahrenen öffentlichen Nahverkehr nutzen können und  - jetzt zuletzt - welche Konsequenzen die Ausgangssperre für die Arbeitsanfahrt hat, müssen wir schnell reagieren. Wir kommen gar nicht hinterher und manchmal habe ich auch Angst, dass es zu viel ist, was wir kommunizieren. Denn irgendwann blickt keiner mehr durch.

Leider gibt es auch immer wieder Entscheidungen des Krisenstabs, bei denen einige Mitarbeiter - vom Oberarzt bis zur Reinigungskraft - denken, sie könnten das interpretieren. Eine Krise ist aber nicht die Zeit, um Entscheidungen auf Konsensebene zu treffen. Da muss man dann ein 'Das ist jetzt so' durchsetzen. Generell muss unsere Abteilung einiges einfangen. Wenn etwa ein Klinikleiter Mitarbeiter in Quarantäne schickt, obwohl es eine andere Regelung gibt, dann werden andere Leiter unsicher - und wir müssen schnell Klarheit schaffen. Wir haben jetzt auch ein Video mit einer Hygienekraft produziert, die auf einer Covid-19-Station arbeitet. Sie zeigt, wie man einen Mundschutz anlegt und wann er nötig ist."

Leider ist Diebstahl auch bei uns ein Thema. Selbst das Klopapier wird geklaut. Normalerweise haben wir am Tag einen Verbrauch von 8 Paletten, derzeit sind es 30 Paletten. Der Schwund ist so eminent, dass wir ihn nicht mehr tolerieren können. Doch auch hier ist die Kommunikation ein Drahtseilakt. Es soll ja bei den Mitarbeitern nicht ein Gefühl aufkommen nach dem Motto: Wir geben hier alles und dann heißt es auch noch, wir würden klauen.

Bei der externen Kommunikation ist es die Kunst, die Balance zu halten. Wir beantworten alle Fragen, auch wenn die nicht immer besonders intelligent sind, etwa welches Toilettenpapier man derzeit am besten verwenden solle. So langsam wiederholen sich die Fragen aber. Wir vermitteln auch weiterhin unserer Experten. Gefährlich ist, dass Aussagen in einer Woche schon nicht mehr stimmen können und man zurückrudern muss. Es wäre für viele besser auch mal zu sagen: 'Ich weiß es nicht'. Das kann man sich gern auch öffentlich öfter mal eingestehen. Unsere Ärzte argumentieren mit ihrer Redefreiheit. Es geht aber im Krisenfall nicht, dass wir als Uniklinik völlig unterschiedliche Meinungen kundtun.

Eine wirklich kuriose Situation hatten wir ganz zu Anfang der Krise. Da war der Südwestdeutsche Rundfunk (SWR) bei uns und hat sich von unseren Intensivkräften zeigen lassen, wie man im Ernstfall mit Schutzkleidung behandelt. Plötzlich rief ein Redakteur der Badischen Zeitung an und sagte, wir hätten den ersten Corona-Patienten, das sei nicht mehr zu leugnen und sie würden das jetzt bringen. Der Haken an der Sache: Ein Patient hat die Aktion mit dem SWR gesehen und sofort bei der Zeitung angerufen - und so eine Falschmeldung produziert.

Meine Abteilung beantwortet auch die Anfragen der Ministerien und anderer Stakeholder, allein das sind mehrere am Tag. Meine ganze Abteilung macht seit Wochen nichts außer Corona und keiner hat einen 8-Stunden-Tag. So einen wochenlangen Ausnahmezustand habe ich noch nie erlebt und ich bin schon über 10 Jahre dabei." 

Autor

 Benjamin Waschow

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