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2. Nationales Reha-Forum

„Uns fehlt die Lobby“

  • Reha-Forum 2018

Der Koalitionsvertrag steht, doch Rehabilitation kommt darin kaum vor. Dass Rehabilitation im Vergleich zu anderen Bereichen des Gesundheitssystems, eine kleine Rolle zu spielen scheint, unterstrichen die Referenten auf dem 2. Nationalen Reha-Forum heute in Berlin. Lediglich in einem Punkt sei Reha im Koalitionsvertrag präsent, sagte Thomas Bublitz vom Bundesverband Deutscher Privatkliniken (BDPK) bei der Eröffnung der Podiumsdiskussion „Reha-Politik nach der Wahl“: „Wenn es darum geht, pflegenden Angehörigen einen besseren Zugang zur Reha zu ermöglichen.“ Das sei wichtig, man müsse jedoch grundsätzlich über Zugangswege zur Reha nachdenken, die medizinische Notwendigkeit für Rehaleistungen endlich stärker gewichten, sagte Bublitz.

„Noch immer ist der Grundsatz Reha vor Pflege reine Theorie, denn es gibt keinen niederschwelligen Zugang zur Reha, um eine Erwerbsfähigkeit zu erhalten“, sagte Peter Borges, Geschäftsführer der Aktiva, Beratung im Gesundheitswesen GmbH. Auf Basis einer Analyse des Reha-Marktes legte Borges dar, wie groß der politische Handlungsbedarf in der Rehabilitation tatsächlich ist. „Reha-Leistungen entwickeln sich unterproportional. Wir haben einen deutlichen Anstieg der Fallzahlen im Bereich Krankenhaus und Pflege. Doch bei der Reha verläuft die Entwicklung über die Jahre flach.“ Aufgefächert nach den Kostenträgern Deutsche Rentenversicherung (DRV) und gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zeige sich, dass die zögerlichen Genehmigungen von Reha-Maßnahmen der GKV sogar zu einem Rückgang der Rehaleistungen führen. Auch die Gesundheitsausgaben von 2006 bis 2016 würden zeigen: Für Reha wird absolut und relativ am wenigsten Geld ausgegeben. Gleichzeitig sei der Markt stark in Bewegung und als kleiner Markt relativ fragil, gerade kleinere Einrichtungen müssten schließen. Ein weiteres akutes Problem: der Investitionsstau. „Viele Kliniken können hier und da mal etwas ausbessern, für größere notwendige Maßnahmen fehlen jedoch die Mittel“, so Borges. 

Auch Fehlallokation sei ein großes Thema: Traditionelle befinden sich Rehakliniken oft in peripheren Gebieten – und fehlen so in Ballungsgebieten und dort, wo die Akutkliniken sind. Borges: „Würde man das heute neu strukturieren, würde man deutlich näher an Ballungsgebiete und an Akuthäuser herangehen. Dafür muss man jedoch investitionsfähig sein.“ 

Diesen Punkt wollte Katharina Nebel, Geschäftsführerin der Private Kliniken Dr. Dr. med. Nebel, korrigiert wissen: „Ich bezweifle, dass Rehakliniken für eine zeitgemäße Reha in den Ballungsgebieten liegen müssen“, sagte sie. Bei einer ambulanten Reha gäbe es einen Hol- und Bringdienst, dabei würden Fahrten auch in Ballungsgebieten oft sehr lange dauern – eine Belastung für Patienten. Am Koalitionsvertrag bemängelte auch Nebel: „Wir werden zwar wahrgenommen, aber uns fehlt die Lobby.“ Auch Krankenhäusern würden inzwischen rehabilitative Behandlungen übernehmen, beispielsweise im Bereich der Geriatrie mit der akutgeriatrischen Komplexbehandlung. Diese kostet im Krankenhaus jedoch das Doppelte von einer geriatrischen Rehabehandlung. „Das liegt daran, dass Rehaleistungen unter dem Bewilligungsradar laufen. Dabei belegen Untersuchungen, dass eine geriatrische Rehabehandlung nachhaltiger wirkt, als eine geriatrischen Akutbehandlung.“

Anpacken müsse man das Thema Steuerung: „Der behandelnde Arzt muss direkt in die Rehaklinik einweisen. Nun soll der Zugang zur Reha für pflegende Angehörige erleichtert werden. Warum? Entweder hat er einen Rehabedarf, dann muss er auch eine Maßnahme erhalten. Oder er hat keinen, dann braucht er auch keine Reha. Es muss natürlich möglich sein, den pflegenden Angehörigen mit in die Reha zu bringen“, so Nebel.

Für die Bundestagsabgeordnete Heike Baehrens (SPD) ist das Thema Reha im Koalitionsvertrag durchaus präsent: „Wir haben bereits in der letzten Legislaturperiode wurde einiges getan mit dem Präventionsgesetz, dem Flexirentengesetz und dem Bundesteilhabegesetz. Nun heißt es im Koalitionsvertrag, die Verbesserungen im Bereich der Reha sollen weiterentwickelt werden. Das bedeutet doch, dass Reha-Budgets nicht weiter gedeckelt werden sollen.“ Ganz wichtig sei es, vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen mehr in den Fokus zu rücken und für diese passgenauere Reha-Angebote zu entwickeln. Ebenfalls im Koalitionsvertrag findet Behrens einen Passus, dass  gesundheitsvorsorgliche Angebote für Migranten als Zielgruppe ausgebaut werden sollen.

Dass auch die Situation pflegender Angehöriger in Angriff genommen werden soll, befürwortet Behrens: „Hier haben wir doch mal die Direktverordnung verankert. Das wünschen wir uns doch für die Reha. Wenn der Bedarf festgestellt ist, dann soll es direkt zu einer Verordnung kommen, nicht unter Genehmigungsvorbehalt“, sagte sie. Doch auch Pflegepersonal, das stark belastet ist, sollte frühzeitig und vorzeitig eine Reha bekommen, um im Beruf bleiben zu können. 

Für Andreas Konrad von der DRV sendet der Koalitionsvertrag für den Bereich Reha sogar ein starkes Signal aus. „Wenn wir die großen Werke Bundesteilhabegesetz, Flexirentengesetz und Präventionsgesetz weiterentwickeln wollen, müssen wir die Themen Standorte, Zugang, Strukturen, Finanzierung anfassen. Wir müssen uns auch den Problemen des demografischen Wandels und Fachkräftemangels widmen, Digitalisierung vorantreiben“, sagte Konrad. Beim Zugang zur Rehaleistung spiele die Frage eine Rolle, wer genehmigen darf. Dies müsse über Haus- und Fachärzte laufen. Die DRV wiederum werde sich dem Thema Erwerbsminderungsrente widmen. „Wenn belegt ist, dass jeder Zweite hat keine Reha erhalten hat, bevor er in eine Erwerbsminderung geht, müssen wir versuchen, an diese Personen heranzukommen.“ 

Thomas Bublitz schlug vor, etwas Neues auszuprobieren, um Hürden auf dem Weg zur Reha abzubauen: „Wenn wir sehen, dass wir mit Anträgen und Bürokratie Entscheidungen provozieren, die einer vernünftigen Entwicklung entgegenlaufen, wäre es da nicht eine Möglichkeit, mit wissenschaftlicher Begleitung neue Projekte auf den Weg zu bringen, die den Zugang zur Reha nach präventiven Gesichtspunkten ausrichten? Hierbei könnte man auch Hausärzte mit einbeziehen, um frühzeitig zu handeln.“ 

Diesem Vorschlag stimmte Heike Behrens zu: „Das muss über Hausärzte laufen – die kennen den Patienten am besten.“ Offen zeigte sich Andreas Konrad, sollte es zu einer Erhöhung der Tariflöhne für Pflegekräfte kommen: „Wenn Tariflöhne gestiegen sind, sind wir doch immer ins Gespräch gekommen und haben uns über Vergütungssätze für Rehakliniken unterhalten. Das wäre jetzt wieder so.“ Bei den gesetzlichen Krankenkassen, von denen kein Vertreter an der Podiumsdiskussion teilnehmen wollte, sei dies etwas anders, räumte Bublitz ein. „Hier haben wir einen Trittbrettfahrer im System, der sich nicht an höhere Vergütungen hält“, sagte Borges.  

Autor

 Lena Reseck

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