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Orientierungswert von Susanne Müller

Ein Plus an Arztzeit

  • Orientierungswerte

Immer mehr Ärzte, aber immer weniger Arztzeit. Wie passt das zusammen? Wer MVZ als Arztzeit-Diebe brandmarkt, verkennt den Wandel der Arbeitswelt, kritisiert Susanne Müller vom Bundesverband MVZ (BMVZ).

"Die Zahl der Köpfe steigt nicht schnell genug."
(Pressemitteilung der Bundesärztekammer vom 29. März 2019)

"Mehr angestellte Ärzte, weniger Versorgungszeit."
(ÄrzteZeitung vom 19. März 2019)

"Durch MVZ droht Versorgungslücke"
(MDR Aktuell vom 2. Mai 2019)

Nur drei Überschriften von vielen, die der Tonlage nach beklagen, dass in der ambulanten Versorgung ein Umbruch im Gange ist. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat im Winter dazu öffentlichkeitswirksam die rückwärts laufende Arztzeituhr erfunden. Im Mittelpunkt steht der Trend zu Anstellung, also der Fakt, dass zwar insgesamt immer mehr Ärzte ambulant tätig sind, während die Zahl der Niederlassungen jährlich um ein paar hundert absinkt.

Die Schuldfrage scheint geklärt: Weil Ärzte lieber angestellt arbeiten als sich niederzulassen, fehlt es trotz mehr Ärzten an Arztzeit. Als Schuldige werden häufig die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) ausgemacht, da mit ihnen der Anstellungstrend kausal verknüpft scheint. Es folgt für viele der Umkehrschluss: Keine MVZ, keine Probleme.

Aber kann die Welt wirklich so einfach sein? Die Ärztestatistik der Bundesärztekammer zeigt, dass in der Tat auch 2018 die Zahl der angestellten Mediziner weiter auf 39.800 gestiegen ist. Ihr Anteil an allen ambulanten Ärzten beträgt nun ziemlich genau ein Viertel. Weniger als die Hälfte von ihnen ist jedoch in einem MVZ tätig. Größter Arbeitgeber ist vielmehr seit Jahren die Gruppe der Berufsausübungsgemeinschaften (BAG) und Praxen mit angestellten Ärzten. Denn, auch dies gehört unbestreitbar zu den Fakten: MVZ sind zwar aus heutiger Sicht kaum ohne Anstellung denkbar; aber der Trend zur Anstellung ist ein davon unabhängiges Momentum dieser Zeit. 

Ohne die Leier von der Work-Life-Balance zu bemühen: Die Ärzte von heute lassen sich auch einfach deshalb anstellen, weil sie es können. Der Vergleich zu früher hinkt, schlichtweg weil eine adäquate Möglichkeit damals nicht bestanden hat. BÄK-Präsident Frank-Ulrich Montgomery hat bei der Veröffentlichung obiger Zahlen angemerkt, dass der Nachwuchs nicht mehr bereit sei, über seine Belastungsgrenzen zu gehen. Das beschreibt ziemlich gut, worauf das System "der guten, alten Zeit" baute: Die zeitliche und physische Selbstausbeutung der Ärzte.

Ist das - offen gefragt - gut oder schlecht, dass wir heute auch für Ärzte Arbeitsbedingungen ermöglichen, die andere Berufsgruppen ganz selbstverständlich für sich in Anspruch nehmen? Und was ist die Alternative: Wir zwingen wieder alle Ärzte in die Niederlassung als einzige Alternative zum Krankenhaus, und alles wird gut? 

Natürlich stellt diese Veränderung eine nicht kleine Herausforderung dar, mit der vor allem die Kassenärztlichen Vereinigungen umgehen müssen. Nur eines sollte jedem klar sein: Aussitzen funktioniert nicht. Das Mehr an Optionen, dass sich Ärzten heute auftut, ist denn auch im Grunde vor allem ein begrüßenswertes Mehr an Freiheit bei der Arbeitsplatzwahl. 

Man kann das aus Prinzip anders sehen. Oder auch bemerken, dass es eben nicht nur um junge Ärzte geht. Dass die neuen Strukturen vielmehr auch ältere Kollegen oft noch lange über die Praxisabgabe hinaus im Job halten; Krankenhausärzte, die sonst nie einen Fuß in den ambulanten Bereich gesetzt hätten, in Teilzeit ihre Erfahrungen einbringen lassen, und ja, auch Medizinern mit kleinen Kindern Jobchancen bieten, die sonst noch ein, zwei Jahre gar nicht ärztlich tätig gewesen wären. Insgesamt – wie paradox – ein Plus an Arztzeit, oder?

Die wirkliche Frage ist also an dieser Stelle nicht, wie sehr MVZ der Patientenversorgung Zeit stehlen, um die Eingangsthese auf diese zugespitze Formulierung zu vereinfachen, sondern wie die ambulante Versorgungswelt ohne angestellte Kollegen aussähe. Es darf – so viel sei verraten – bezweifelt werden, dass der Wandel der Wertebalance zwischen Familie, Arbeit, Freizeit und Einkommen an der Medizinerwelt spurlos vorübergegangen wäre. Veränderungen sind immer auch eine Chance. Man muss sie nur auch sehen wollen.    

Autor

 Susanne Müller

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