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Kritik am DRG-System

"Mehr Zeit für Menschen und Medizin"

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Der Aufruf von Ärzten und Verbänden gegen die vermeintliche Dominanz der Ökonomie im Gesundheitssystem hat für Aufsehen gesorgt. Andreas Tecklenburg, Arzt und Vizepräsident der Medizinischen Hochschule Hannover, sagt: "Die Überbetonung der Ökonomie hat dazu geführt, dass wir heute immer unökonomischer arbeiten." 

Herr Dr. Tecklenburg, in der neuesten Ausgabe des Stern kritisieren Hunderte von Ärzten und Verbänden die wachsende Ökonomisierung im Gesundheitswesen. Unterstützen Sie diesen Aufruf?

Die Unterzeichner nennen gute Argumente und stoßen eine wichtige Debatte an. Ich würde die drei genannten Punkte – Reform des DRG-Systems, Ende der ökonomisch gesteuerten Übertherapie sowie Unterversorgung sowie adäquate Ausstattung von Krankenhäusern – um einen weiteren ergänzen: Vergessen wir die Arbeitsbedingungen nicht! Denn eines der größten Probleme ist, genügend Menschen für die Pflege und den Arztberuf zu finden. 

Und das liegt an der Ökonomisierung des Gesundheitswesens?

Nicht nur, aber auch. Wenn Ökonomisierung den wirtschaftlichen Einsatz von Mitteln meint, haben Sie mich sofort auf Ihrer Seite. Allerdings hat die Überbetonung der Ökonomie im Gesundheitswesen dazu geführt, dass wir heute immer unökonomischer arbeiten. Wir setzen immer mehr Personal und Ressourcen in nicht-medizinischen Bereichen ein, die Bürokratie frisst immer mehr Zeit. Ärzte und Pflegekräfte, die sozial arbeiten wollen, haben aber das Bedürfnis, Zeit für andere Menschen und die Interaktion mit diesen zu haben. Stattdessen erleben sie im Krankenhaus eine Entfremdung ihrer Arbeit und eine Misstrauenskultur. Bestes Beispiel sind die MDK-Prüfungen. Wir brauchen endlich wieder mehr Zeit für Menschen und Medizin.

Gibt es eine ökonomisch getriggerte Über- und Unterversorgung im Krankenhaus?

Ja, die gibt es. Krankenhäuser erbringen in vielen Fällen Leistungen, für die sie nicht bezahlt werden, weil sie der MDK wieder streicht. Wenn eine 90-jährige Frau einen Klappenersatz bekommt, dürften wir sie eigentlich erst am Tag der OP aufnehmen. Das ist Unsinn, und obwohl wir wissen, dass der MDK uns den zusätzlichen Tag streicht, nehmen wir die Patientin trotzdem früher auf. Würden Kliniken keine Leistungen mehr erbringen, für die sie nicht bezahlt werden, sähe es düster aus.

Wird in Deutschland zu viel operiert, weil es sich ökonomisch lohnt?

Das System ist dafür sehr offen. Es gibt Fachgebiete, in denen operative Eingriffe etwa am Rücken wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Die Fachgesellschaften haben das in der Vergangenheit zurecht kritisiert. Ich selbst kenne Ärzte, die in Krankenhäusern gearbeitet haben, wo man verlangt hat, dass sie eine Liste bestimmter Untersuchungen bei Privatpatienten abarbeiten. Nicht alle Krankenhäuser tun das, aber es gibt sie. 

Haben die Kritiker Recht: Ist das DRG-System der Kern allen Übels, brauchen wir einen Systemwechsel?

Die Einführung der Fallpauschalen hat Transparenz ins System gebracht und war ein Meilenstein, dazu stehe ich auch heute noch. Aber wie in jedem System gibt es natürlich auch hier Anreize und ein intrinsisches Motivationssystem. Bereits kurz nach der Einführung war jedem klar, wie man das System bestmöglich für sich nutzen kann. Diesbezüglich ist das DRG-System zu anfällig.

Aber viele Studien und Qualitätsdaten kommen zu dem Ergebnis, dass das DRG-System zu keiner Qualitätsverschlechterung geführt hat – im Gegenteil …

Ich halte den Nutzen der aktuell betriebenen Qualitätssicherung für höchst zweifelhaft, denn die Indikationsqualität bleibt dabei völlig außen vor. Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir uns endlich darauf konzentrieren würden, da wir damit viele der nun diskutierten Probleme lösen würden.

Autor

 Florian Albert

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