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Orientierungswert KW 09/2017

Personalanhaltszahlen? - Bitte keine Schnellschüsse!

Personalanhaltszahlen? - Bitte keine Schnellschüsse!

  • Orientierungswerte
  • 20.02.2017

Die Botschaft der Bilder und Berichte, die in den letzten Tagen über die Bildschirme in den deutschen Wohnzimmern ankam, war klar und beunruhigend: In deutschen Kliniken müssen viel zu wenig Pflegekräfte viel zu viel Patienten versorgen. Das Personal ist überlastet, die Sicherheit der Patienten ist gefährdet. - Die Lösung für das Problem liegt auf der Hand: Mehr Pflegepersonal einstellen. Und damit das auch geschieht, sind eben verbindliche Vorgaben erforderlich. Das Gefährliche solcher einfachen Lösungen ist: Sie üben auf Politiker eine große Faszination aus. Das Fatale ist: Sie machen es sich zu einfach und verschlimmern im Endeffekt die Lage.

Ohne Zweifel hat die Arbeitsverdichtung in den deutschen Kliniken gerade für das Pflegepersonal in den letzten Jahren massiv zugenommen. Im internationalen Vergleich sind die Stationen deutscher Kliniken mit deutlich weniger Pflegefachkräften besetzt als anderswo. Die Zahl der Überlastungsanzeigen steigt. Die Unzufriedenheit der Beschäftigten mit diesen Arbeitsbedingungen ist hoch. Dass die Versorgungsqualität sich trotzdem – immer noch - auf hohem Level bewegt, muss allerhöchsten Respekt abnötigen. Damit dieser Level aber gehalten werden kann, muss dringend etwas geschehen, fordern Experten seit langem.

Erforderlich ist zweierlei: Zum einen müssen die Arbeitsabläufe und Prozesse weiter verändert werden mit dem Ziel, die Pflegekräfte zu entlasten und Zeit-, Ressourcen- und Motivationsfresser zu vermeiden. Der Dokumentationsaufwand etwa muss nachhaltig reduziert werden. Und das Potenzial digitaler Instrumente und Prozesse muss entschlossen genutzt und ausgeschöpft werden.

Doch das allein reicht nicht. Wir brauchen mehr Menschen, die sich motiviert und qualifiziert auf unterschiedlichen Kompetenz- und Verantwortungsniveaus der immer komplexer und anspruchsvoller werdenden Versorgung der zunehmend älter werdenden Patientinnen und Patienten widmen und es dabei auch an menschlicher Zuwendung nicht fehlen lassen.

Vor allem unter dem Gesichtspunkt der Risikominimierung, der Vermeidung von Überlastung und der Reaktionsfähigkeit auf außergewöhnliche Anforderungen sollte in bestimmten Versorgungskonstellationen mehr Personal zum Einsatz kommen als heute üblich und möglich. Davon abgesehen sollte grundsätzlich immer genügend Personal zur Verfügung stehen, um die zur Normalität gewordenen Überstunden und den häufigen Rückruf aus der Freizeit zu vermeiden.Zusammenhänge zwischen der Zahl eingesetzter Fachkräfte und der Vermeidung riskanter Situationen sowie dem Auftreten von Komplikationen und Störungen im Behandlungsverlauf bzw. im Versorgungsprozess, insbesondere auf Intensivstationen, im Nachtdienst und in besonders pflegesensitiven Konstellationen, sind international vielfach nachgewiesen und finden ihren Ausdruck zum Beispiel in sogenannten Nurse-to-Patient-Ratios. Unter Verweis auf internationale Vorbilder, wie sie etwa eine aktuelle, von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie aufzeigt, wird die verpflichtende Vorgabe entsprechender Anhaltszahlen nun auch für deutsche Kliniken gefordert.

Sofern ein Zusammenhang zwischen Patientensicherheit und Versorgungsqualität einerseits, Personaleinsatz andererseits schlüssig nachgewiesen werden kann, wird sich nicht nur die Politik entsprechenden Forderungen nicht verschließen können. Wobei die Vorgabe und Einhaltung solcher Patienten beziehungsweise Versorgungskonstellation bezogener Anhaltszahlen für die personelle Besetzung etwas anderes ist als die Vorgabe starrer Betten oder Fachabteilung bezogener Personalquoten.

Die bisher für die Vergütung der Leistungen der Krankenhäuser zur Verfügung gestellten Mittel haben auf die Erfüllung entsprechender Anforderungen keine Rücksicht genommen. Sie reichen auch nicht aus, um solche Anforderungen künftig zu erfüllen. Sie müssen entsprechend erhöht werden. Der Gesetzgeber hat in dieser Hinsicht die Weichen richtig gestellt, indem er die Krankenkassen dazu verpflichtet hat, die in Folge der Umsetzung neuer verpflichtender Qualitätsanforderungen entstehenden zusätzlichen Kosten der Kliniken zu refinanzieren.

Auf einem ganz anderen Blatt steht die Frage, ob und wann das zusätzlich erforderliche Personal überhaupt zur Verfügung steht. Schon heute können Kliniken offene Stellen in der Pflege vielfach nicht zeitnah besetzen, nicht nur in ländlichen Regionen. Vorgaben und Anhaltszahlen, die nicht erfüllt werden können, weil die zu ihrer Umsetzung benötigten Fachkräfte am Arbeitsmarkt oder in der Region überhaupt nicht zur Verfügung stehen, sind kontraproduktiv. Davon betroffene Kliniken müssten die Versorgung entsprechender Patienten einstellen oder einschränken. Und es ist keineswegs ausgemacht, dass andere Kliniken in erreichbarer Entfernung einspringen könnten. Vielmehr wären Versorgungsengpässe und -ausfälle vorprogrammiert. Und das umso mehr, wenn etwaige Vorgaben pauschal und undifferenziert ausgestaltet wären.

In der gegenwärtigen, durch zunehmenden Fachkräftemangel geprägten Situation müssen nachhaltige Maßnahmen zur Überwindung dieses Fachkräftemangels absolute Priorität haben. Erst dann mag man auch über verbindliche Anhaltszahlen nachdenken. Notwendige Voraussetzungen für ihre Umsetzung sind und bleiben genügend verfügbare Fachkräfte und die gesicherte Finanzierung des Einsatzes entsprechenden zusätzlichen Personals. 

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