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Orientierungswert KW 24/2016

Bitte keinen Blindflug!

Bitte keinen Blindflug!

  • Orientierungswerte
  • 13.06.2016

Thomas Bublitz

Die Diskussion um verbindliche Personalstrukturen in den Krankenhäusern hat Hochkonjunktur. Eine Expertenkommission unter Leitung von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe befasst sich mit dem Thema. Der Gemeinsame Bundesausschuss legt Personalmindeststandards für Perinatalzentren, die ab 01.01.2017 anzuwenden sind, fest. Ab dem Jahr 2020 sollen ausweislich des Referentenentwurfs des Gesetzes zur Weiterentwicklung der Versorgung und der Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen verbindliche Personalvorgaben vom G-BA für psychiatrische und psychosomatische Krankenhäuser gelten. Glühender Verfechter der verbindlichen Personalstandards im Krankenhaus ist die Gewerkschaft Verdi. Nachvollziehbar ist deshalb auch die große Freude, die der Abschluss des Verdi-Tarifvertrages mit der Berliner Charité ausgelöst hat. Festgelegt wurde dort, die Personalbesetzung für die Intensivstation. Der Startschuss für diese gefährliche Debatte ist längst gefallen.

Genau in diese Zeit fällt nun die Veröffentlichung des Gutachtens" Zukunft der Pflege im Krankenhaus" des renommierten gesundheitsökonomischen Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen. Die Gutachter haben sich im Auftrag der Techniker Krankenkasse intensiv mit der Entwicklung der Pflege in deutschen Krankenhäusern auseinandergesetzt. Die Ergebnisse dieser Studie dürften die euphorische Grundstimmung der Verfechter von verbindlichen Personalmindeststandards einen deutlichen Dämpfer versetzen.

Eine Analyse der verfügbaren Datenquellen der Jahre 2002 und 2014 soll bei der Beantwortung folgender Fragen helfen: Wie wird die pflegerelevante Leistungsmenge definiert? Wie stark ist die Zahl der Pflegekräfte von der Zahl der behandelten Patienten und der Zahl der Belegungstage abhängig? Welcher Pflegeaufwand ist „fallfix" welcher „fallvariabel"? Wie hat sich die pflegerelevante Leistungsmenge in den vergangenen Jahren verändert und welche Belastung ergibt sich daraus für die Pflege? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Pflege und Versorgungsqualität für den Patienten? Lässt sich eine Verschlechterung in der medizinischen Qualität oder der Patientenzufriedenheit in den letzten Jahren erkennen? Ist die Ursache dafür in einer Reduktion der Zahl der Pflegekräfte zu suchen?

Die Ergebnisse dieser Studie überraschen:

  • zwischen 2004 und 2014 sank die Zahl der Pflegekräfte um 4 %
  • bei einer angenommenen Gewichtung der Einflussfaktoren „Fallzahl" (40 %) und „Belegungstage" (60 %) ist die Zahl der Pflegekräfte je relevanter Pflegeleistungsmenge sogar um 1 Prozent gestiegen
  • über die Entwicklung des Pflegeaufwandes ist nur wenig bekannt. Dies gilt insbesondere für die Einflussfaktoren Fluktuation der Pflegekräfte, Aufgabenspektrum, Grad der Digitalisierung, neue Anforderungen durch Patientensicherheit und Hygiene, Bürokratie sowie die Auswirkungen der Delegation pflegenaher Hilfstätigkeiten wie Patiententransportdienste, Essensausgabe, Bettenmachen und Körperpflege auf Assistenzkräfte.
  • Der leichte Anstieg des Krankenstandes des Pflegepersonals in Krankenhäusern entspricht der gleichen Entwicklung in anderen Branchen.
  • Ungeachtet der Veränderungen in der Pflege ist keine Verschlechterung der Versorgungsqualität zu beobachten. Objektive Qualitätsindikatoren von AQUA, BQS und QSR zeigen gar Verbesserungen bei Qualität und Patientensicherheit, bei Dekubitus und postoperativen Wundinfektionen.
  • Die Patientenzufriedenheit ist dort am größten, wo die Zusammenarbeit zwischen Pflege und ärztlichen Dienst gut und partnerschaftlich funktioniert.
  • Eine Erhöhung der Zahl der Vollzeitkräfte im Pflegedienst pro Fall um 10 % würde zu einer Verringerung der Mortalitätsrate um nur 0,001 Prozentpunkte führen.
  • Es konnte kein Zusammenhang zwischen der Menge an Pflegekräften und Patientenzufriedenheit sowie Pflege und QSR-Indikatoren nachgewiesen werden.

Das alles soll nicht heißen, dass in der Pflege im Krankenhaus alles gut ist. Aber es ist eben auch nicht alles so schlecht wie es gerne als Begründung für verbindliche Personalzahlen beklagt wird. Es bleiben für die Krankenhäuser und die Pflege große Herausforderungen zu lösen: wie schaffen wir es, Arbeitsprozesse im Krankenhaus patientenorientiert zu gestalten? Welche Möglichkeiten gibt es, älteren Pflegekräften ein Verbleiben im Job zu ermöglichen? Wie organisieren wir partnerschaftliche Kommunikation und flache Hierarchien zwischen Ärzten und Pflegekräften? Wie gelingt es uns, die hohe Teilzeitquote von Mitarbeitern in der Pflege in eine höhere Vollzeitquote umzuwandeln? Wie decken wir den Bedarf an Fachkräften in der Pflege?

Personalvorgaben würden keine dieser wirklichen Herausforderungen lösen. Sie sind Planwirtschaft und die hat sich noch nie als innovations- und leistungsfördernd erwiesen. Der Fokus würde dann nämlich nicht mehrt darauf gerichtet, die Qualität und die Prozesse zu verbessern, sondern die Köpfe zu zählen. Allen Befürwortern der Personalstandards halte ich entgegen. „Schlecht organisierte Arbeitsprozesse in der Pflege werden nicht besser, wenn man sie auf mehr Schultern verteilt!" Also bitte keinen Blindflug mit planwirtschaftlichen und auch teuren Personalmindeststandards deren Effekt nur vermutet wird. 

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