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Orientierungswert: ARD-Film "Götter in Weiß"

Halbgötterdämmerung

Halbgötterdämmerung

  • Orientierungswerte
  • 15.11.2017

Mittwoch, 15.11.2017: ARD strahlt unter dem Titel „Götter in Weiß“ einen Spielfilm aus, der das Thema „Krankenhaushygiene“ noch einmal auf die Tagesordnung bringen könnte. Der Film ist überzeugend gedreht. Eine Ärztin, toll gespielt von Claudia Michelsen, muss im Verlauf des Films feststellen, dass in ihrem Krankenhaus (ländlich gelegen in der Mecklenburgischen Seenplatte) Patienten in lebensbedrohliche Situationen geraten, weil es irgendwo gefährliche Krankenhauskeime gibt. Und sie muss erfahren, dass ihre Kollegen schon länger von diesem Krankenhauskeim wissen, dies aber vertuschen, geschweige denn die erforderlichen Konsequenzen daraus ziehen. Alle befürchten, dass eine öffentliche Debatte über Keime dem Krankenhaus nur schaden könne. Der engagierte Kampf der Ärztin gegen diesen Missstand bekommt ihr am Ende nicht gut.

Ordnet man die Geschichte medizinhistorisch ein, dann handelt es sich um eine Art Semmelweis-Sequel. Dem österreichisch-ungarischen Arzt Ignaz Semmelweis war damals aufgefallen, dass die Sterblichkeit an Kindbettfieber am Allgemeinen Krankenhaus in Wien in jener Abteilung signifikant höher war, in der die Frauen von Ärzten untersucht wurden. Die Nachbarabteilung, wo dies durch Hebammen geschah, hatte erheblich weniger Todesfälle zu beklagen. Semmelweis konnte zeigen, dass es die mangelnde Händedesinfektion nach vorangehender Untersuchung in der Pathologie war, die die tödliche Infektion verursacht. Seine Botschaft, „Die Ärzte bringen den Tod.“, wurde im Kollegenkreis mit derartiger Feindseligkeit aufgenommen, dass Semmelweis später in die Psychiatrie eingewiesen wurde und unter nicht geklärten Umständen im Alter von 47 Jahren verstarb.

Der ARD-Spielfilm ist weniger drastisch. Aber es ist eine Heldengeschichte (genauer: eine Heldinnengeschichte). Und wie fast alle Heldengeschichte hat er etwas Rückwärtsgewandtes: Wir geben unser Schicksal in die Hand eines Helden. Und es entspricht ganz dem traditionellen Muster, dass die Rettung bei mangelnder Hygiene im Krankenhaus durch eine Person mit Approbationsurkunde erfolgt. Denkbar wäre ja inzwischen auch ein Drehbuch, in dem eine Patientin oder eine Mutter, deren Kind in Gefahr geraten ist, den Kampf aufnimmt. Dass es ausgerechnet eine Ärztin ist, mag wohl der Grund dafür sein, dass der Preview vor Journalisten von der Berliner Ärztekammer organisiert wurde.

Die Ärztekammer war mittelbar am Drehbuch beteiligt und hatte – so die Begleitmaterialien – eine klare Botschaft: Die Urkatastrophe sei die Privatisierung kommunaler Kliniken gewesen. Es ist die Ökonomisierung der Medizin, die aus eigentlich edlen Ärzten skrupellos gewinnorientierte „Patientengefährder“ werden lässt. Es sind also Menschen, wie der typische Bibliomed-Kolumnenleser, die dafür verantwortlich sind, dass Ärzte wissentlich die Gefährdung von Patienten in Kauf nehmen.

Das ist der Moment, in dem vielleicht noch einmal kritisch nachgedacht werden sollte. Privatisierung als Grund für Hygienemängel? Es soll ja schon Krankenhauskeime in Ländern gegeben haben, in denen keine kommunalen Kliniken privatisiert worden sind – und nicht nur in den Zeiten von Ignaz Semmelweis. Manchenorts war die Privatisierung ja ein Segen. Man stelle sich die Versorgungskatastrophe vor, würden die Berliner Krankenhäuser so arbeiten wie die Berliner Verwaltung, die mehrere Monate benötigt, um eine Geburtsurkunde auszustellen.

Der eher düstere Film mit dem Titel „Götter in Weiß“, in dem es um den Niedergang der Halbgötter geht, lässt im deutschen Sprachraum unwillkürlich an „Götterdämmerung“ denken, jene letzte Oper von Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“, die wie kaum ein anderes Werk für Kapitalismuskritik steht. Da greift Wotan nach der Weltherrschaft und baut drei Opern lang ein Familienimperium auf, das dann nach viel Lug und Trug in der Götterdämmerung zusammenbricht. Am Ende gibt Brünnhilde, die starke Heldin, den geraubten Ring, also das Symbol für Gier und Ökonomisierung, den Rheintöchtern zurück. Die Konzernzentrale Walhall geht in Flammen auf. Erlösungsmotiv nach Ende des antikapitalistischen Dramas.

Und was lehrt uns das? Schluss mit Privateigentum etwa? Mit dem Film „Götter in Weiß“ ist es ähnlich wie mit Wagners „Ring“: Eine schlüssige dramatische Inszenierung macht noch lange kein schlüssiges gesellschaftspolitisches Konzept. Man kann am Ende aber eines empfehlen: Unbedingt den Film ansehen. Und am Folgetag ganz analytisch nüchtern den Kampf gegen die verdammten Keime im Krankenhaus wieder aufnehmen.

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