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Orientierungswert von Thomas Bublitz

Gute Medizin, böse Ökonomie?

Gute Medizin, böse Ökonomie?

  • News des Tages
  • 06.12.2017

Thomas Bublitz

Am 6. November 2017 war es wieder einmal soweit: Eine wissenschaftliche Studie kommt zu dem Ergebnis, dass bei der Behandlung von Patienten im Krankenhaus viel zu häufig ökonomische Aspekte im Vordergrund stehen. Dies beklagen in einer empirischen Untersuchung der Ökonom Heinz Naegler sowie der Arzt und Soziologe Karl-Heinz Wehkamp. Grundlage ist die anonyme Befragung von 60 Krankenhausmanagern und Krankenhausärzten. Die medienwirksame Diskussion der Studienergebnisse folgte noch am gleichen Tag in der NDR-Sendung „Markt“. Schließlich sollte die Studie im Dezember als Buch erscheinen. Hohe Auflage (und hohe Einnahmen) erzielt man schließlich nicht mit guten Nachrichten.

Die kritische Berichterstattung nahm das rücksichtslos profitorientierte Handeln in Krankenhäusern in den Fokus. Die Begriffe Insolvenzgefahr, Wettbewerb, Kostendruck und Privatisierung liefern die angeblich schlüssige Begründung für mehr Krankenhausaufnahmen, kürzere Krankenhausverweildauern sowie den Trend zu mehr lukrativen Operationen im Bereich der Kardiologie und Orthopädie. Ärzte seien täglich gezwungen, Entscheidungen am Patientenbett ausschließlich nach ökonomischen Gesichtspunkten zu treffen.

Doch was ist dran an den Vorwürfen? Zunächst ist es richtig, dass alle Krankenhäuser gleichermaßen unter wirtschaftlichem Druck stehen und auch pleitegehen können. Dies passiert immer dann, wenn man mehr ausgibt als man einnimmt, weshalb man überall im Leben auf die Kosten achten und seine Einnahmen kennen muss. Das gilt eben auch für Ärzte. Außerdem ist es mitnichten so, dass Ärzte ökonomisches Handeln prinzipiell ablehnen. Die medizinischen Gründe treten beispielsweise immer dann hinter ökonomische Anreize zurück, wenn der Privatpatient kommt. Während der GKV-Patient im Wartezimmer sitzt, marschiert der Privatpatient geradewegs ins Sprechzimmer an ihm vorbei. Im Krankenhaus kümmert sich der Chefarzt um den Blinddarm auf der Privatstation, obwohl andere Patienten von AOK und Ersatzkassen die Hilfe des Chefarztes dringender bräuchten.

Richtig ist die Feststellung der Autoren, dass sich die Krankenhäuser vom Gemischtwarenladen zum Spezialisten entwickeln müssen. Dies fordern Politik und Krankenkassen seit Jahren mit Nachdruck. Nur wer Operationen häufig macht, macht sie gut und sicher. Und wenige aus Politik und von den Krankenkassen haben ein Problem damit, wenn sich die Zahl der Krankenhäuser deutlich reduzierte. Dies würde die Versorgungsqualität eher verbessern, lautet der Konsens.

Ich erinnere mich noch an „die gute alte Zeit“, als tagesgleiche Pflegesätze vereinbart wurden. Das Ergebnis: Patienten lagen aus ökonomischen Gründen viel zu lang im Krankenhaus, obwohl in dieser Zeit nicht wirklich etwas mit ihnen passierte. Gerade ältere Patienten verloren, liegend im Krankenbett mit Vollverpflegung, ihre Selbstversorgungskompetenz.

Warum steigt die Zahl der Krankenhauseinweisungen nun ständig an? Weil die moderne Medizin heute deutlich mehr und bessere medizinische Behandlungen möglich macht, besonders für ältere Patienten. Weniger in der vertragsärztlichen Praxis. Denn die gibt es immer seltener und oft ist sie für die spezialisierte Behandlung gar nicht ausgerüstet. Deshalb werden Patienten ins Krankenhaus überwiesen. Bei aller Kritik an der Ökonomisierung des Gesundheitswesens ist die medizinische Versorgung aller Bürgerinnen und Bürger also heute deutlich besser als noch vor 15 Jahren. Und dieser Fakt überzeugt mich mehr als „die gute alte Zeit“.

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