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Orientierungswert von Bernadette Rümmelin

Gewagtes Experimentierfeld Notfallversorgung

Gewagtes Experimentierfeld Notfallversorgung

  • News des Tages
  • 01.10.2018

Bernadette Rümmelin

Die hitzige Debatte um die Notfallversorgung ebbt nicht ab und es wird Zeit, jetzt in die politische Handlungsfähigkeit zu kommen. Im Gutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) ist dazu eine weitgehende „Patientenumerziehung“ vorgesehen. Ob dieses Experiment glückt, hängt in der Folge von vielen Parametern, letztlich aber von einer guten Strukturierung und pragmatischen Umsetzung ab. Fakt ist: Der Status Quo der Notfallversorgung ist für alle Beteiligten hochgradig unbefriedigend: Für die Patienten, denen sich komplizierte Versorgungspfade nicht genügend erschließen, für die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen), die formal die Versorgungsverantwortung haben, faktisch aber viele Patienten nicht erreichen. Und für die Krankenhäuser, die in der Folge als „Lückenbüßer“ ambulante Fälle deutlich unterfinanziert übernehmen müssen und unter der Extrembelastung schon lange ächzen. Die Krankenhäuser behandeln pro Jahr und 20 Millionen ambulante Fälle, davon entfallen rund fünf Millionen allein auf die katholischen Träger.

Der SVR schlägt in seinem Gutachten vor, die Notfallversorgung umzubauen und die Sektoren stärker miteinander zu verbinden. Dies ist aus Sicht der Krankenhäuser ein begrüßenswerter Schritt. Über die Frage des „Wie“ wird man sich allerdings kräftig auseinandersetzen müssen. Aktuell stimmen die Patienten mit den Füßen ab und setzen sich lieber stundenlang in den Wartebereich eines Krankenhauses, da sie wissen, dass ihnen dort geholfen wird. Soll sich an diesem Vorgehen etwas ändern, ist die Voraussetzung, dass die Patienten ein gutes Versorgungsgefühl bekommen müssen und die Gewissheit, dass sie mit ihren unterschiedlichen Erkrankungsformen und Versorgungsbedarfen in die passenden Behandlungspfade geschickt werden. Es ist fraglich, ob dies durch die vom SVR als „edukative“ Maßnahmen beschriebenen Strukturelemente wie Zwangsgebühren und längere Wartezeiten bei nicht erfolgter vorheriger Kontaktaufnahme mit den Leitstellen ohne Weiteres zu erreichen ist.

Das SVR-Modell ist in seiner Ausprägung stark technokratisch und geht von dem Idealfall aus, dass eine Telefonhotline per Ferndiagnose Patienten in die richtigen Kanäle weisen kann. Die praktische Erfahrung zeigt, dass – da wo die KV-Telefonnummer 116 117 heute schon genutzt wird – die Diensthabenden  allzu häufig auf die Krankenhäuser verweisen, da sie die Verantwortung für eine telefonische Diagnose nicht übernehmen wollen. Überhaupt müssen Haftungsfragen bei der Triagierung und der Weiterleitung der Patienten erst noch weiträumig geklärt werden. Auch der Vergleich mit anderen Ländern und der Wunsch, die Systematik etwa des dänischen Modells als Blaupause zu nehmen, hinkt: Dort steht ein komplett anderer Apparat hinter der Notfallversorgung. Diese Strukturen müssen in Deutschland – vor allem bei der digitalen schnittstellenkonformen Datenübertragung oder bei der Qualifizierung von speziell geschulten Fachkräfte, die eine Telefontriagierung in der sogenannten Integrierten Leitstelle überhaupt durchführen können – erst noch entwickelt werden.

Die besondere Wertschätzung für die Qualität der Krankenhäuser und das Sicherheitsgefühl der Patienten drückt sich auch in Zahlen aus: Laut einer Forsa-Umfrage im KKVD-Auftrag wählen 53 Prozent der Befragten das Krankenhaus in Notfällen als erste Anlaufstelle, weit vor dem Hausarzt (35 Prozent). Dies überrascht nicht, denn insbesondere in ländlichen Regionen wollen immer weniger Hausärzte eine Praxis übernehmen, ältere Kolleginnen und Kollegen scheiden aus und finden keinen Nachfolger. An der ärztlichen Basis entlädt sich der Frust über die gesetzlich geplante Ausweitung der wöchentlichen Sprechzeit von 20 auf 25 Stunden. 

Als christliche Krankenhäuser ist es unser Auftrag, die zu uns kommenden Patienten bestmöglich zu versorgen und dabei wirtschaftlich zu handeln. Ohne eine vorherige Anamnese dürfen kein Arzt und keine Pflegekraft einen Patienten wegschicken. Zumal, wenn dies außerhalb der ärztlichen Sprechstundenzeiten geschieht. Um die Daseinsvorsorge vor Ort zu gewährleisten, haben katholische Krankenhäuser mit den niedergelassenen Kollegen an vielen Orten gut funktionierende Kooperationsmodelle in Form von Bereitschaftsdienstpraxen in den Häusern installiert – wie beispielsweise in Rheinland-Pfalz, NRW und Niedersachsen. Von  einem „Lagerdenken“ und von Verteilungskämpfen zwischen KV- und Krankenhausbereich, wie dies häufig auf Bundesebene der Fall ist, ist hier nichts zu spüren. Die im SVR-Gutachten vorgesehenen Integrierten Notfallzentren (INZ) sollen nicht mehr an jedem Krankenhaus angesiedelt werden. Das könnte bedeuten, dass die bereits bestehenden guten Kooperationsmodelle zerstört würden. In Kombination mit dem stationären Notfallstufenkonzept des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) lässt dies befürchten, dass die Versorgung in ländlichen Räumen weiter abnimmt. 

Sinnvoller wäre es stattdessen, pragmatische Ansätze aus der sektorenübergreifenden Zusammenarbeit genauer anzuschauen und von den positiven Erfahrungen zu profitieren. Die Länder sollten sich hier stärker einbringen und die Bedarfsplanung über die Sektoren hinweg aktiv mitgestalten. Dazu ist auch die Entwicklung eines auskömmlichen Finanzierungsmodells notwendig, das die Kosten für Notfallleistungen abdeckt. Ob es hingegen langfristiges Ziel sein sollte, Patienten über Eigenleistungen stärker zur Kasse zu bitten, wodurch „Gesundheit“ immer stärker zu einer sozialen Frage wird, ist fraglich.

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