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Innovative Beschaffungsmodelle vermeiden Risiko des falschen Einkaufszeitpunktes

Clevere Kliniken kaufen Strom täglich an der Börse

Clevere Kliniken kaufen Strom täglich an der Börse

  • Strategie
  • Strategie und Organisation
  • 01.01.2008

Die Preisschwankungen an der Strombörse verunsichern auch die Einkaufsverantwortlichen der Krankenhäuser. Wer in einer Hochpreisphase einen neuen Liefervertrag abschließen muss, verliert bares Geld. Die kontinuierliche Beschaffung an der Strombörse European Energy Exchange (EEX) eröffnet einen Ausweg. Mittlere und größere Energieversorger bieten ihren Kunden zunehmend solche Einkaufsmodelle an. Unser Beispiel: Zwei Berliner Kliniken nutzen den Energiehandel der Stadtwerke Hannover.

Der Stromverbrauch geht tendenziell weiter herunter, die Kosten trotzdem hoch." Das ist die Erfahrung nicht nur von Reinhard Ternick, Technischer Leiter am katholischen Sankt Gertrauden- Krankenhaus in Berlin-Wilmersdorf. Viele Kliniken und andere soziale Einrichtungen bemühen sich, durch technische Modernisierungen den Ausgabenanstieg für elektrische Energie wenigstens zu begrenzen. „Das genügt nicht. Man muss auch gute Lieferverträge haben", sagt Ternick, der seit einem Jahr ein neuartiges Modell des Stromeinkaufs nutzt. Er kauft die Energie des nächsten Jahres täglich Stück für Stück an der Leipziger Strombörse EEX, besser gesagt, sein Stromversorger tut dies für ihn.

Aktuell verbraucht das Sankt Gertrauden- Krankenhaus mit seinen 410 Betten und den ambulanten Einrichtungen jährlich 6 400 Megawattstunden (MWh) an elektrischer Energie. Reinhard Ternick hat die Chancen des liberalisierten Strommarktes von Anfang an genutzt. Große Konzerne lud er ebenso zu Wettbewerbsangeboten ein wie Stadtwerke aus verschiedenen Regionen Deutschlands. 2003 war es so weit: Das Sankt Gertrauden- Krankenhaus wechselte vom angestammten Lieferanten zu den Stadtwerken Hannover mit ihrer Strommarke Enercity.

Das war zu einem Zeitpunkt, als – nach der Konsolidierung des Strommarktes – der kontinuierliche Preisanstieg einsetzte. Da war es günstig, möglichst früh und für lange Zeit das Preisniveau festzuschreiben. Zuletzt zeigte die Fieberkurve an der Strombörse immer stärkere kurzfristige Ausschläge nach unten und oben. „Krankenhäuser, die nun ihren Jahresbedarf zum ,falschen‘ Stichtag einkauften, verloren eine Menge Geld", sagt Martin Alberg von den Stadtwerken Hannover. „Im Frühjahr 2006 sank der Strompreis binnen weniger Tage um über zehn Euro je Megawattstunde, um dann fast ebenso rasch wieder anzusteigen." Für ein durchschnittliches Krankenhaus mit einem Jahresverbrauch von 5 000 MWh bedeutete dies eine Preisdifferenz von 50 000 Euro. Die Stadtwerke Hannover reagierten auf das ständige Auf und Ab mit verschiedenen Modellen des börsenbasierten Stromeinkaufs für ihre Großkunden.

Bei der Variante „Strom & Partner" (nutzbar für Kunden ab 3 000 MWh) wird der Jahresbedarf in kleine Chargen gesplittet, die an jedem der etwa 220 Börsentage einzeln gekauft werden – und zwar über ein Jahr im Voraus. So ergibt sich als Preis der Mittelwert der Börsennotierungen. Für Sankt Gertrauden begann diese erste zwölfmonatige „Anspar- phase" im Juli 2005, die Belieferung mit dem „börsennotierten" Strom startete am 1. Januar 2007. Die Vorteile liegen für Reinhard Ternick auf der Hand. „Der Preisanstieg flachte sich durch den täglichen Einkauf deutlich ab, und wir kennen unseren Strompreis für das nächste Jahr bereits sechs Monate im Voraus." Sankt Gertrauden zahlt natürlich mehr für den Strom als im Jahr zuvor. „Das wird auch 2008 so sein", räumt Ternick ein. „Aber was wäre denn, wenn wir einen Jahresvertrag mit festem Einkaufszeitpunkt hätten?"

Wachsender Zuspruch für innovative Einkaufsmodelle

Nach und nach schwenken mehr Träger großer sozialer Einrichtungen auf solche innovativen Einkaufsmodelle um. Martin Alberg von den Stadtwerken Hannover hat bereits zehn Häuser registriert. Darunter seit Mitte 2006 auch das Evangelische Johannesstift in Berlin-Spandau. Auf dem weitläufigen Gelände befinden sich zahlreiche Einrichtungen der Behindertenhilfe, Geriatrie und Altenhilfe und der Jugendhilfe. „Unsere größten Stromverbraucher sind das Wirtschaftsgebäude mit der zentralen Küche, das Hallenbad, die Pflegeheime und natürlich das Krankenhaus", erläutert Theo Herting, Leiter Objektbetrieb im Johannesstift. Über 5 000 MWh Strom fließen im Jahr durch die Leitungen auf dem Stiftsgelände. „Der größte Vorteil ist, dass wir nicht mehr tagtäglich selbst die Börsenpreise beobachten müssen. Dafür haben wir einfach keine Personalkapazitäten", sagt Herting. Früher sei er das ganze Jahr unruhig gewesen: „Hätte ich vielleicht jetzt kaufen sollen?"

Das Risiko, dass die Preise ausgerechnet dann auf Rekordniveau sind, wenn der Liefervertrag ausläuft, fällt jetzt weg. Seit 1. Januar 2008 fließt nun der Börsen-Strom. Herting ist mit dem „Strom & Partner"- Modell zufrieden: „Aus meiner Sicht haben wir für 2008 einen guten Mittelpreis erzielt." Wie sich dieser entwickelte, konnte Herting in einem geschützten Internetbereich auf www.enercity.de kontinuierlich verfolgen. Bei der Strompreisbildung kommt den Krankenhäusern zugute, dass sie im Vergleich zu vielen anderen Unternehmen einen relativ homogenen Lastgang haben – tagsüber, nachts und auch am Wochenende. „Der Anteil des preisgünstigeren ‚Base- Stroms‘ liegt bei bis zu 90 Prozent", erklärt Martin Alberg.

Für den Einkauf an der Leipziger Strombörse bündeln die Energiehändler der Stadtwerke Hannover die einzelnen Chargen ihrer Kunden, um weitere Preisvorteile zu erzielen. Für besonders große Kliniken oder für Einkaufsverbünde kommt auch das Modell „Strom & Chance" in Frage (ab 12 000 MWh Jahresverbrauch). Dabei wird der Strom monats- oder quartalsweise eingekauft. Trendanalysen ermöglichen es, „Preistäler" noch besser zu nutzen. Nach Beobachtungen von Alberg schließen sich immer mehr Krankenhäuser zu Einkaufsverbünden zusammen, um größtmögliche Vorteile auch bei der Beschaffung von Energie zu erzielen.

Thomas Krüger ist freier Journalist in Minden. 

Zehn Schritte zum Stromeinkauf an der Börse

1. Informationen einholen: Fachpresse Klinikbranche sowie Gebäudemanagement, Krankenhausverbände, Energieberater
2. Jährliches Verbrauchsvolumen ermitteln, gegebenenfalls Einkaufsgemeinschaften bilden
3. Lastgang vom bisherigen Versorger anfordern
4. Restvertragslaufzeit prüfen (ab wann kann frei eingekauft werden?)
5. Regionale und überregionale Versorger mit eigenem Energiehandel für Angebotslegung auswählen
6. Anbieter frühzeitig kontaktieren (mindestens zwölf Monate vor Belieferungsbeginn; beispielsweise bei Enercity ist aber auch unterjähriger Einstieg in die erste Beschaffungsphase möglich)
7. Angebotsprüfung, Vertragsabschluss mit Versorger
8. Versorger: Beschaffungsphase an der Börse (in der Regel zwölf Monate)
9. Beginn der physischen Belieferung
10. Parallel Beschaffungsphase für Folgejahr

 

 

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