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Ethisches Handeln ohne Algorithmus

Ethisches Handeln ohne Algorithmus

  • f&w
  • Technologie
  • 02.01.2018

f&w

Ausgabe 1/2018

Seite 86

Bernd Christoph Meisheit

Nach derzeitigen Berechnungen wird im Laufe des Jahres 2050 die Summe der künstlichen Intelligenz erstmals größer sein als die Summe der menschlichen. Diese Information sollte man nicht als Spielerei eines rechnerisch begabten Computer-Nerds abtun. Denn diese Jahreszahl markiert den Wendepunkt der Beziehung zwischen Mensch und Maschine – und beinhaltet Hausaufgaben, die wir nicht mehr aufschieben, sondern lieber gleich angehen sollten. Denn noch können wir uns den wichtigen Fragen ohne Druck widmen.

Die zu erwartenden Folgen der Digitalisierung sind nämlich nicht nur technisch vielfältig. Sie halten auch ethische Fragestellungen bereit, die eben gerade nicht von einem Algorithmus gelöst werden können. Jüngst hat die Gesellschaft darauf einen Vorgeschmack bekommen, als der Ethikrat intensiv darüber diskutierte, wie sich ein selbst fahrendes Auto in einer Grenzsituation wohl entscheiden sollte: Soll es lieber den Grundschüler oder den Rentner überfahren, wenn keine Alternative dazu mehr existiert? Was passiert aber, wenn der Computer im Bruchteil einer Sekunde erfährt, dass der Rentner Krebs im Endstadium hat? Und das Kind eine Erbkrankheit, die den Steuerzahler in den nächsten 50 Jahren viele Millionen kosten kann?

Mit diesen und noch weitaus anspruchsvolleren ethischen Fragestellungen müssen wir uns im Gesundheitswesen künftig viel intensiver beschäftigen und Spielregeln für eine gewinnbringende Kooperation festlegen. Idealerweise, bevor 2050 die Computer mangels – oder bis dahin vielleicht schon wieder abtrainierter – Empathie entscheiden, dass ein 95-jähriger multimorbider Demenzkranker keine lebenserhaltenden Maßnahmen mehr erhält, weil die Daten auf Grundlage der vorhandenen Algorithmen ihm sowieso nur noch eine kurze Lebensdauer bescheinigen, der gesellschaftliche Nutzwert allerdings in diesem Zeitfenster gleich null ist. Oder, weniger drastisch: Wir sollten nicht zulassen, dass besagter 95-Jähriger wegen potenzieller Druckstellen alle zwei Stunden von einer Maschine im Bett gewendet wird wie eine Sache, die man eben von Position A nach B verschiebt.

Wir haben die Chance, den Maschinen rechtzeitig beizubringen, dass trotz immenser Datenmengen, perfekter Algorithmen und präzisester digitaler Technik auch die Empathie entscheidet, für die es vielleicht keine datenbasierte Berechnungsgrundlage gibt. Medizin und Pflege können von digitalen Techniken massiv profitieren. Patienten haben einen großen Nutzen von diesen Erkenntnissen, und es werden sich neue Berufsfelder entwickeln, die neue Chancen bieten. Aber wir müssen verhindern, dass gesunde Menschen irgendwann Angst davor haben, krank zu werden, weil das ihren Algorithmus verschlechtert und sie dann befürchten müssen, durch das System zu rauschen. Richtiges ethisches Handeln war, solange Menschen denken können, eine stets herausfordernde Angelegenheit. Aber inzwischen denkt auch die Maschine – was eine Beschäftigung mit dem Thema nicht einfacher macht. Wir müssen deshalb jetzt beginnen, Grenzen einzuziehen, die von der Technik respektiert werden – weil wir nicht zulassen können, dass am Ende des Tages die Maschine eine Entscheidung über das individuelle Schicksal eines Menschen trifft.

Bernd Christoph Meisheit ist Geschäftsführer der Sana IT Services Gmbh und Kolumnist für f&w - führen und wirtschaften im Krankenhaus. 

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