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Patientensicherheit

Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern

Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern

  • f&w
  • Management
  • 29.11.2018

f&w

Ausgabe 12/2018

Seite 1116

Vor genau 20 Jahren hat Dr. Peter Gausmann gemeinsam mit Dr. Ralf-Michael Schmitz in f&w einen Artikel zum Thema „Incident Reporting“ veröffentlicht. Wie müssen die Aussagen des Textes von 1998 heute bewertet werden? In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Situation deutlich verändert, findet unser Autor heute. 

Interprofessionalität (1998)

„Zu beteiligen sind generell alle Mitarbeitenden der therapeutischen Teams, also neben Ärzten und Pflegenden auch Physiotherapeuten und ärztliches Assistenzpersonal.“

Ein Critical Incident Reporting System (CIRS) ist grundsätzlich zur interprofessionellen Nutzung angelegt. Der, anders als in den Anfangsjahren, mittlerweile flächendeckend vorhandene Zugang über Krankenhausinformationssysteme (KIS) ermöglicht die Eingabe am Bildschirmarbeitsplatz. Einige Systeme können via CIRS-App auch extern, das heißt außerhalb der Arbeitsumgebung, genutzt werden. Diese Option erweitert den Einsatzradius, erhöht die Anonymität und ermöglicht die Reflexion einer kritischen Situation in potenziell entspannterer Atmosphäre.

In der Praxis sind Pflegekräfte die Hauptnutzer eines CIRS. Sie melden Zwischenfälle häufiger als Ärzte – auch wenn man herausrechnet, dass sie die stärkste Berufsgruppe im Krankenhaus stellen. Das schadet dem inhalt­lichen Spektrum zwar nicht, da die Pflegeberufe aufgrund ihrer Nähe die für Patienten relevanten Risiken gut identifizieren können. Gleichwohl muss mit Blick auf die Interprofessionalität gerade die Ärzteschaft stärker dazu motiviert werden, das System zu nutzen. Andere Professionen wie Physiotherapeuten, klinische Pharmakologen oder Servicekräfte gehen ebenfalls eher verhalten damit um.

Anonymisierung (1998)

„Zwischenfallberichte werden anonym erfasst. Personalien der Patienten sowie der erfassenden Personen werden grundsätzlich nicht angegeben. Erfahrungsgemäß ermöglicht erst eine solche Anonymisierung Vertrauensschutz und Offenheit.“

Diese Aussage trifft vollumfänglich nach wie vor zu. Die Zusicherung der Anonymität für den Meldenden ist sowohl Voraussetzung als auch Erfolgsfaktor. Krankenhausbetreiber garantieren die Anonymität in entsprechenden Betriebsvereinbarungen. Die technische Funktion IT-gestützter Systeme ermöglicht bei vollem Schutz des Meldenden gleichwohl eine individuelle Rückmeldung via Ticket-System.

Ein CIRS-Redaktionsteam bearbeitet standardisiert jede Ereignismeldung. Diese wird klassifiziert, analysiert und fließt je nach Priorisierung in die präventive Organisationsentwicklung ein. Die Originalmeldung wird gelöscht.

Eine Deanonymisierung erfolgt aus- schließlich, wenn der Meldende aktiv handelt. Hat das CIRS eine hohe Akzeptanz im therapeutischen Team, weil die Mitarbeiter wahrnehmen, dass sie ein Sprachrohr für kritische Ereignisse haben und das Unternehmen reagiert, heben sie ihrerseits oftmals die Anonymität auf. Sie geben sich als Meldende zu erkennen und bitten das Auswerterteam explizit um Rückmeldung zu den Folgen ihrer Anzeige. Insofern ist der Grad der Deanonymisierung ein Indikator für den Reifegrad eines CIRS.

CIRS im Schadenfall (1998)

„Mit einem CIRS wird nicht nur der Zwischenfall mit Schadenfolge, sondern werden insbesondere Ereignisse mit potentiellem Gefährdungscharakter identifiziert.“

Hier lag der Autor mit seiner Einschätzung vor 20 Jahren prinzipiell falsch. Ein CIRS erfasst keine Schadenfälle. Haftpflichtversicherer beobachten den Schadenverlauf ihrer Krankenhauskunden sehr genau und bewerten die Nutzung der Verfahren des klinischen Risikomanagements für ihre Prämienkalkulation. Daher ist die Erfassung kritischer Ereignisse ohne Schadenfolge (CIRS) von tatsächlichen Schadenereignissen strikt zu trennen. Diese Differenzierung muss ein Krankenhaus den Anwendern im klinischen Alltag nicht zuletzt in wiederkehrenden Schulungen vermitteln.

Ein Ereignis mit Schadenfolge bedarf einer unmittelbaren Anzeige bei den für den Versicherungsschutz zuständigen Kollegen der Abteilung „Schadenma­nagement“, die den Fall in der Regel in Abstimmung mit ihrem Versicherungsdienstleister dem Haftpflichtversicherer vorsorglich melden. Bei nicht rechtzeitiger Information des Risikoträgers über einen Schadenfall kann sich dieser aus der Haftungsgarantie zurückziehen. Die Nutzung eines Fehlerberichtssystems erfordert somit klare inhaltliche sowie terminologische Vorgaben.

Risikokommunikation (1998)

„Allerdings reicht das bloße Erkennen von kritischen Ereignissen nicht aus. Erst der Risikodialog, die institutionalisierte Kommunikation aus unterschiedlich professionellem Blickwinkel, der Dialog beteiligter Akteure und die gemeinsame Vereinbarung im berufsgruppenübergreifenden Konsens ermöglicht dauerhaft qualitätssichernde Strukturen, Prozesse und somit Erfolge.“

Diese Aussage wiederum hat an Bedeutung nichts eingebüßt und beschreibt das Ziel eines Erfassungssystems kritischer Ereignisse. „Comunicate facts – not opinions“: Ein CIRS ermöglicht den strukturierten Dialog zu konkreten Risiken im Kreis der beteiligten Mitarbeiter im Kontext zu einem kritischen Ereignis. Der Adressatenradius wird erweitert. Das ermöglicht es nicht beteiligten Teams anderer Arbeitsbereiche, für sich zu klären, ob sich das im CIRS identifizierte Risiko im eigenen Umfeld wiederholen könnte.

Dank intelligent gestaltbarer IT-Infrastruktur führen Krankenhäuser zunehmend das CIRS, Beschwerdemanagement, Monitoringsysteme für Sicherheits- und Risiko-Audits sowie Erkenntnisse aus dem Schadenmanagement auf einer gemeinsam nutzbaren Risikomanagement-Plattform zusammen. Somit ist gewährleistet, dass Gesundheitsunternehmen aus all diesen Erkenntnisquellen in vergleichbarer Systematisierung präventive Reorganisationsmaßnahmen ableiten und umsetzen können.

Schon 2006 formulierte eine Arbeitsgruppe „CIRS im Krankenhaus“ des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS), dass Vertraulichkeit und Sanktionsfreiheit der Meldenden eine Grundvoraussetzung sind und dass das Management der Einrichtung das System kontinuierlich und aktiv unterstützen sollte.

Weitere kritische Erfolgsfaktoren sind:

  • Verfügbarkeit des Systems in der klinisch-pflegerischen Arbeitsumgebung,
  • Barrierefreiheit und einfache Bedienung,
  • Risikoverantwortliche sollten Ereignisse zeitnah bearbeiten,
  • Kompetenzträger sollten die Relevanz von Meldungen bewerten,
  • die aus dem System entwickelten Präventionsmaßnahmen sollten dem therapeutischen Team transparent zur Verfügung gestellt werden,
  • Abstimmung der Meldungen mit der Abteilung für das Schaden- und Versicherungsmanagement mit der Fragestellung, ob kritische Ereignisse mit tatsächlichen Schadenereignissen korrelieren,
  • Information des Haftpflichtversicherers über die Funktionalität des CIRS.

Ein CIRS macht noch kein klinisches Risikomanagement. Das System ist neben den Instrumenten der retrospektiven Fallanalyse nach dem London Protocol, einem effizienten Beschwerdemanagementsystem sowie regelmäßigen internen und externen Risiko-Auditierungen zu etablieren und ist in diesem Set eine Voraussetzung für den Aufbau einer Sicherheitskultur.

„Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, nichts hindert mich, weiser zu werden.“ Wir haben Erfahrungen mit einem neuen System gesammelt, wir haben Fehler bei übereilten Einführungen gemacht, wir haben noch nicht alle Berufsgruppen und Kollegen erreicht, aber wir kennen zwischenzeitlich die Erfolgsfaktoren. Mit CIRS konnten Schadenfälle verhindert werden.

Prognostisch wird in Zukunft der Patient selbst Mitgestalter eines CIRS sein, zum Beispiel über ein Patienten-Tablet mit CIRS-App. Nicht klinische Bereiche, wie ambulante Pflegedienste und andere Dienstleister, werden ein CIRS nutzen, und es findet ein gesetzlich geregelter, transsektoraler Austausch über kritische Ereignisse statt. Auf Wiederlesen 2038!

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Den Fachartikel von Dr. Peter Gausmann und Dr. Ralf-Michael Schmitz von 1998 finden Sie hier.

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