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Vordenkerreise 2018 nach Indien

Tuk-Tuk-Stau vor der Klinik

Tuk-Tuk-Stau vor der Klinik

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  • Titel
  • 29.11.2018

f&w

Ausgabe 12/2018

Seite 1076

Optimale Prozesse, effiziente Kommunikation und niedrige Preise – so wollen Indiens Krankenhäuser den 1,3 Milliarden Menschen auf dem Subkontinent Zugang zu Gesundheitsleistungen sichern. Sie arbeiten in vielerlei Hinsicht noch nicht auf deutschem Stand, sind in manchem aber auch deutlich weiter. Deutsche Klinikmanager können vor Ort einiges lernen.

Eine Hupe. Eine laute Hupe. Der Fahrer in dem braunen Hemd und der braunen Hose lenkt sein grünes motorisiertes Dreirad mit dem typischen gelben Dach durch den dichten Verkehr. Tuk Tuk neben Tuk Tuk, dazwischen unzählige Mopeds und Motorräder der Marken Honda oder Royal Enfield. Der Fahrer nutzt jede Lücke zwischen Lastwagen, Autos, Zweirädern und Bussen, die schwarzen Ruß aus ihren Auspuffen stoßen und deren Abgase die europäischen Insassen des offenen typischen indischen Vehikels an den Rand einer Kohlenmonoxidvergiftung bringen. Während andernorts die Betätigung der Hupe meist mit rotem Kopf und oftmals wüsten Schimpftiraden einhergeht, entgleist dem Inder im Straßenverkehr kein böses Wort. Er sitzt ruhig am Steuer und hupt. Alle hupen. Ständig.

So auch vor der Notfallambulanz des Safdarjung Hospital in Neu-Delhi. Wobei: Krankenhaus? Es handelt sich eher um eine Krankenhausstadt. Menschenmassen säumen die Straßen zwischen den Gebäuden. Verkehr wie auf einer deutschen Hauptverkehrsachse. Tuk Tuk reiht sich an Tuk Tuk. Es knattern die Motoren der Zwei- und Viertakter. Und es hupt. Ununterbrochen. Menschen liegen an den Straßenrändern, sie hoffen auf eine baldige Behandlung oder warten auf Freunde und Angehörige. Ein Mann hält den Tropf eines Familienmitglieds, der bewusstlos auf einer Fahrtrage liegt. Gemeinsam schiebt er mit einem weiteren Angehörigen den bewusstlosen Patienten vorbei an Autos und Tuk Tuks, die drei schlängeln sich durch den dichten Verkehr auf dem Klinikgelände. Für den Patiententransport steht offenkundig kein Personal des Krankenhauses zur Verfügung. Das ist damit befasst, die Massen an Menschen zu versorgen, die im Safdarjung-Krankenhaus Hilfe suchen.

Massenbetrieb im Sechsbettzimmer

Überall Menschen, doch alle fügen sich ruhig in die Warteschlangen, sind froh, hier überhaupt Hilfe zu finden. Asiatische Gelassenheit. Armut und der Anspruch, allen zu helfen, treffen aufeinander. Die vielleicht beeindruckendste Zahl: 27.000 Geburten pro Jahr, fünf Mal so viele wie an der Charité, Deutschlands größtem Krankenhaus. Die Ärzte hier berichten, dass Frauen, die morgens ihre Kinder zur Welt bringen, abends die Klinik verlassen. Schließlich stünden nur wenige Betten bereit; wer über Nacht bleibt, muss sich ein Bett teilen. Ein Blick in das Patientenzimmer: Hier stehen sechs metallene Betten. Jeweils eine Frau liegt zusammengekauert auf ein paar Decken vor jedem Bett, eine weitere Frau in dem Bett. So teilen sich mindestens zwölf Frauen ein Sechsbettzimmer.

Insgesamt 1.531 Betten stehen auf dem Klinikgelände, Gebäude für weitere 1.300 sind in Bau. Immer größer, für immer mehr Menschen, dieses Motto zieht sich durch sämtliche Kliniken Indiens. Allein am Safdarjung Hospital versorgen die Ärzte und Nurses 10.000 ambulante Patienten pro Tag. Wer hier herkommt, teils aus entfernten ländlichen Gebieten, ist darauf angewiesen, dass das öffentliche Krankenhaus – finanziert durch die in­dische Regierung – ihn kostenlos behandelt. Und es kommen Tausende. Um den Ansturm zu bewältigen, sind die gerade einmal 5.500 Mitarbeiter – Ärzte, Pflegekräfte und andere Professionen addiert – hier eingeschworen auf absolute Effizienz.

Ein Toter liegt auf einer Bahre vor der Notaufnahme. Klinikmitarbeiter bringen den Leichnam zu einer Art Leichenwagen, laden ihn in eine Kiste. Sobald die Trage frei ist, gehen sie zu einer älteren Dame, die vor dem Krankenhaus liegt, heben sie auf ebendiese Trage, auf der gerade noch ein toter Mann lag, und bringen sie in die Klinik. Kein Raum für Sentimentalitäten, aller Fokus liegt auf darauf, so vielen Menschen wie möglich zu helfen. Denn trotz der Armut, trotz der Massen: Die Versorgung hier finde auf „hohem medizinischen Niveau“ statt, konstatiert beispielsweise Dr. Nikolai von Schroeders, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Medizincontrolling (DGfM), während der Bibliomed-Vordenker-Reise nach Indien. Von Schroeders bescheinigt eine „unglaubliche Effizienz“. Die medizinischen Geräte seien auf modernem Stand der Technik. „Auch als Europäer würde man sich dort behandeln lassen und den Menschen vertrauen“, sagt von Schroeders, attestiert eine „gute Ausbildung“.

Qualität und Sicherheit werden wichtiger

Dass es nicht nur um Masse geht, sondern auch um Qualität, zeigt sich erst recht in den vielen privaten Krankenhäusern Indiens, die aber keineswegs nur reichen Indern offenstehen, sondern auch einer wachsenden Mittelschicht. Patientensicherheit und Hygiene werden großgeschrieben. Am BLK Super Speciality Hospital in Neu-Delhi deutet Dr. Peter Gausmann, Geschäftsführer der Gesellschaft für Risiko-Beratung GRB in Detmold, auf eines der Schilder zur Patientensicherheit in den Gängen des Krankenhauses. „Interessant ist, dass unten auf den Schildern eine 24-Stunden-Hotline genannt wird, über die sich jeder Patient über die genannten und visualisierten Themen informieren kann“, sagt Gausmann.

Das Motto indischer Krankenhäuser fasst ein Schild im Niramai Hospital in Bangalore zusammen: „Healthcare is all about Process, Protocol an Price“. Optimale Prozesse, effiziente Kommunikation und niedrige Preise – dieser Dreiklang prägt Indiens Krankenhäuser. Und diesen Anspruch personifiziert eine Person: Dr. Devi Shetty.

Vor 18 Jahren gründete der Kardiologe das Narayana Health Hospital, pro Monat werden hier 30.000 Patienten ambulant behandelt. Jeden Tag operieren die Ärzte hier 40 Patienten am Herzen. Eine Zahl, die kein deutsches Krankenhaus erreicht. Landesweit 32 Krankenhäuser gehören Shetty mittlerweile, eines auf den Cayman Islands. Von Indien aus exportiert er seine medizinische Philosophie damit auch in die selbst ernannte erste Welt, bietet vor allem Amerikanern auf der Karibikinsel günstige Operationen an, eine Herz-OP zum halben Preis wie in den USA sonst üblich.

Shettys Sohn Dr. Varun

Shettys Sohn Dr. Varun sitzt im blauen Arzt-Outfit im geräumigen Büro seines Vaters. Eine einzige Herausforderung verfolge der seit zwei Jahren börsennotierte Krankenhausbetreiber: niedrige Kosten, günstige Preise und damit den Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen für möglichst viele Menschen. Das Geheimnis: möglichst hohe Skaleneffekte, viele Eingriffe, die volle Auslastung von Personal und medizinischem Gerät. „Wir wollen künftig 80 Herzoperationen am Tag durchführen, aber das geht nur mit Technologie“, sagt Shetty. 

Ärzte sollen keine Zeit darauf verwenden, lange E-Mails zu tippen oder zu lesen. Standardisierte Eingabemasken sind die Lösung. „Ein Arzt braucht nur ein Gerät“, sagt Shetty, „sein Smartphone.“ Ein eigener Computer? Überflüssig, ebenso wie ein stationäres oder tragbares Festnetztelefon. Eine eigens entwickelte App sorgt dafür, dass die Ärzte auf den Touchscreens ihrer Mobiltelefone nur Menüpunkte auswählen müssen, drag and drop, touch, drop down und select statt selbst formulieren und tippen. Ärzte sollen sich Patientendaten nicht mühsam besorgen müssen, die Daten sollen von alleine zum Arzt kommen, wenn er sie benötigt.

Da es im Prinzip lediglich 2.500 Krankheiten gebe, sei Standardisierung leicht möglich, sagt Shetty. Was Amazon im Einzelhandel geschafft habe, gelte es im Gesundheitssystem zu verwirklichen. „Einzelhandel ist viel komplizierter als Gesundheitsversorgung“, sagt er, schließlich gebe es im Einzelhandel unendlich viele Artikel. „Beeindruckend ist, dass in einem relativ armen Land eine super Versorgung mit Herzchirurgie und Kardiologie durch die schiere Anzahl von Operationen möglich wird, denn das bringt Skaleneffekte, Economics of Scale“, sagt Dr. Gerhard M. Sontheimer, Geschäftsführer des fränkischen Klinikverbunds ANregiomed.

Und die nächste Stufe sei, die Ärzte virtuell zu den Patienten zu bringen, wo – etwa auf dem unterentwickelten Land – keine Mediziner zu finden seien. „Es ist nicht wichtig, jeden Patienten real vor sich zu haben und zu berühren“, sagt Shetty. „Technologie ist ein enormer Hebel.“ So lasse sich per telemedizinischer Ferndiagnose leicht entscheiden, welche Behandlung oder Medizin ein Patient brauche.

Während unter deutschen Ärzte Telemedizin und virtuelle Sprechstunden noch immer weitgehend als infame Häresie gelten, setzt Indien voll auf derlei Technologie. Und anders als in Deutschland wiegt die Lösung von Problemen mehr als datenschutzrechtliche Bedenken. Am privaten Non-Profit-Krankenhaus Sri Shankara in Bangalore wurden seit Gründung vor zehn Jahren bereits Daten von 1,4 Millionen Patienten gesammelt. Aus der Kombination von Lebensverhältnissen, erblicher Veranlagung und Krankheiten sollen schon in zweieinhalb Jahren Empfehlungen an die Politik im Kampf gegen die stark wachsende Zahl von Krebskranken in Indien formuliert werden. Welche Rolle spielt der umfangreiche Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft? Welche Folgen hat die hohe Luftverschmutzung in den Städten? Was bewirkt eine immer fleischlastigere Ernährung der traditionell eher vegetarisch essenden Inder?

Jedem, der hier Hilfe suche, werde geholfen, beteuert der Onkologe Dr. Srinath. Deshalb solle die Zahl der Betten in den kommenden zwei bis drei Jahren nochmals verdoppelt werden, dann hätte das auf die Behandlung von Krebserkrankungen spezialisierte Haus 600 Betten. Doch Srinaths Ziel sind nicht mehr Patienten, sondern weniger Kranke und erst recht weniger Tote.

Deshalb stehen vor seiner Klinik zwei Busse, ausgestattet mit moderner Diagnostik beispielsweise für das Screening von Patienten auf dem Land. Innerhalb eines Jahres seien bereits 13.000 Patienten in 185 Dörfern gescreent worden. „Mich beeindruckt, dass dieses Haus weiter geht als wir in Europa“, sagte Dr. Henrik Pfahler, Bereichsleiter Medizinsteuerung der Insel Gruppe AG, zu der unter anderem das Universitätsspital Bern gehört.

Infolge des großflächigen Screenings identifizierte das Sri Shankara Hospital im vergangenen Jahr 30 Landbewohner, denen eine frühzeitige Behandlung ihrer bis dato unentdeckten Krebserkrankung Heilung versprechen könne. „Und das auf einem Niveau – mit Telemedizin und Digitalisierung –, wie man es sich in Europa teilweise wünschen würde“, so Pfahler.

Humanität und Effizienz

Selbstbewusst wollen Indiens Ärzte humanitäre Ansprüche mit wirtschaftlicher und technologischer Effizienz vereinen. Und dabei setzen sie auf neue Wege und junge Start-ups wie die Firma Niramai Health Analytix. Die Mission von Gründerin und CEO Dr. Geetha Manjunath: Frauen vor und mit Brustkrebs retten. Sie setzt dabei auf Früherkennung. Statt Mammografien, deren medizinische Zuverlässigkeit in den zurückliegenden Jahren weltweit immer wieder diskutiert wurde, setzt Manjunath dabei auf Wärmebildkameras. In zwei Wochen könne man auf diesem Weg so viele Frauen testen wie ein Krankenhaus in zwei bis drei Monaten. Investoren aus den USA und der indische IT-Gigant Infosys hätten bereits in ihre Firma und die Technik investiert, berichtete sie den Teilnehmern der Bibliomed-Vordenker-Reise in Bangalore. Immer bessere Kameras und moderne Software, die selbstlernend Muster erkenne und ihre Diagnostik so verbessere, sollen für die Überlegenheit dieser Methode sorgen. „Diese Technologie kann uns wirklich dabei helfen, das Screening qualitativ zu verbessern“, sagt Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff, Professor für Krankenhausmanagement an der Universität Münster (siehe auch Fachartikel).

 

Auch hier wieder: Es geht einerseits um Effizienz – darum, Indiens 1,3 Milliarden Einwohnern Zugang zu Gesundheitsleistungen zu gewähren. Andererseits ist das nur möglich, wenn die Kosten sinken. Deshalb setzt das Land zwischen Himalaya im Norden und dem Indischen Ozean im Süden, zwischen arabischem Meer im Westen und dem Golf von Bengalen im Osten, auch auf günstige Arzneimittel. Generika und Biosimilars, lauten die Stichworte. Ganz vorne dabei: die Firma Biocon. Wenn sie ihre Nachahmerprodukte auf den Markt bringe, sänken die Kosten für die Behandlung der Patienten im Schnitt um 30 Prozent, heißt es in der Firma. Dieser Spirit treibt die Mitarbeiter der Firma; der Enthusiasmus unter den jungen Indern ist schier grenzenlos ob solcher Erfolgsgeschichten.

Indien ist eine der großen Apotheken der Welt, die Medikamente von Biocon haben Zulassungen in Europa und der Welt. „Wir sind weltweit der viertgrößte Hersteller von Insulin“, erklärte Senior Director Dr. Javed Sipai den Teilnehmern der Vordenker-Reise. In 120 Ländern seien die Produkte von Biocon erhältlich. Doch man will nicht nur kopieren und nachmachen. Als erstes indisches Unternehmen habe man ein eigenes Krebsmittel entwickelt, sagte Sipai. „Produktion ist mittlerweile überall auf der Welt auf höchstem Niveau möglich“, stellte Prof. Dr. Björn Maier, Vorsitzender des deutschen Vereins für Krankenhaus-Controlling (DVKC) und Studiendekan an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, fest.

 

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