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Interview

Exzellenz und Armut

Exzellenz und Armut

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  • Titel
  • 29.11.2018

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Ausgabe 12/2018

Seite 1086

Prof. Dr. Jens Scholz ist seit 2009 Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH). 2018 erhielt er auf dem 17. Nationalen DRG-Forum den Vordenker Award verliehen.

Top-Technik auf der einen und bittere Armut auf der anderen Seite prägen Indiens Krankenhäuser. Der Gewinner des Vordenker Award 2018 und Vorstandsvorsitzende des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Prof. Dr. Jens Scholz, über seine Eindrücke der Vordenker-Reise.

Herr Professor Scholz, was nehmen Sie mit aus der Vordenker-Reise 2018, aus einer Woche Indien?

Reisen bildet, das gilt auch für die Vordenker-Reise 2018. Wir haben Krankenhäuser besucht mit einer exzellenten technischen Ausstattung und hervorragend qualifizierten Ärzten. Aber wir waren auch in Krankenhäusern, in denen die Ärmsten behandelt werden und wo es sehr schwierig ist, für all die vielen Menschen ohne Krankenversicherung da zu sein. Das Land steht vor gewaltigen

Herausforderungen, und wir können in Deutschland sehr froh sein, dass es uns so gut geht. Was hat Sie am meisten überrascht?

Mir war nicht klar, wie jung dieses Land ist, wie sehr die Menschen sich weiterentwickeln und ihre Zukunft gestalten wollen und welchen Optimismus sie dabei mitbringen. Das hat mich sehr beeindruckt.

Welches Krankenhaus hat Sie am stärksten beeindruckt?

Am meisten hat mich das Safdarjung Hospital in Delhi beeindruckt, das öffentliche Krankenhaus, in dem vor allem arme Patienten behandelt werden. Da gibt es alleine 27.000 Geburten im Jahr; man fragt sich, wie sich diese enorme Zahl bewältigen lässt. In der Notaufnahme stehen die Menschen Schlange. Sie werden behandelt, auch wenn sie keine Krankenversicherung haben. Der Staat verspricht ihnen das. Es hat mich sehr beeindruckt, wie sich die Mitarbeiter dort dieser Herausforderung stellen.

Auf welchem Stand ist Indien im Vergleich zu Deutschland?

Wir haben Unterschiede gesehen zwischen privaten und öffentlichen Kliniken. Die privaten verfügen über eine deutlich bessere technische Ausstattung und mehr medizinisches und pflegerisches Personal pro Patient. Insgesamt war ich von der technischen Ausstattung sehr angetan; in Indien hat es offenkundig eine große Investitionsoffensive in die Krankenhäuser gegeben. Monitoring, Beatmungsmaschinen oder Infusionspumpen waren sowohl in dem öffentlichen als auch in den privaten Krankenhäusern vergleichbar mit dem, was wir in deutschen Krankenhäusern haben. Unter dem Gesichtspunkt der Hygiene gab es allerdings Mängel, da bauen wir in Deutschland heute anders.

Inwiefern?

Auf neuen Intensivstationen in Deutschland werden die Betten nicht mehr nur durch Vorhänge voneinander getrennt. Wir haben Intensivstationen für Frühchen gesehen, auf denen die Betten sehr dicht nebeneinander standen, was mit unseren Hygienevorschriften nicht vereinbar wäre. Mitarbeiter sind in derselben Kleidung durch das Krankenhaus gelaufen, die sie in sterilen Einheiten getragen haben. Da lässt sich einerseits also vieles noch verbessern. Andererseits: Dass in den indischen Kliniken überhaupt versucht wird, all diese Aspekte zu berücksichtigen, obwohl es doch vor allem gilt, einen gewaltigen Patientenstrom zu bewältigen, ist beeindruckend.

Was kann ein deutscher Klinikmanager oder Arzt hier lernen?

In den indischen Krankenhäusern will man Probleme lösen. Der Fokus liegt nicht darauf, Probleme ausführlich zu beschreiben und dann davor zu verharren. Wir haben sehr viel Pragmatismus erlebt. Wenn ein Arzt täglich mehr als 60 Patienten zu behandeln hat, gilt es zu akzeptieren, dass die mittlere Verweilzeit, in der ein Arzt mit einem Patienten spricht, nur fünf Minuten betragen kann. In fünf Minuten muss der Arzt entscheiden, welche medizinische Behandlung für den Patienten die richtige ist. Er weiß, dass die große Menge an Menschen, die noch vor seiner Tür wartet, andernfalls überhaupt keine Behandlung erhält.

Welche Chancen sehen Sie in der Begeisterung der Inder für neue Technologien?

Das Narayana Hospital von Dr. Devi Shetty hat sich entschlossen, eine eigene App-Lösung zu entwickeln und dafür zweieinhalb Jahre 30 Softwareentwickler beschäftigt. Würden wir das in Deutschland machen, würde uns das 42 Millionen Euro kosten. So viel Geld hat weder Deutschland noch Indien. Aber IT-Experten sind in Indien deutlich günstiger als in Deutschland, deswegen sind solche Entwicklungen möglich. Dazu kommt, dass Indien natürlich viel größer ist als Deutschland, es gibt einen viel größeren Markt für solche Entwicklungen. Ein Krankenhausinformationssystem (KIS) lässt sich viel leichter entwickeln, wenn es in sämtlichen Kliniken eines Marktes für 1,3 Milliarden Menschen einsetzbar ist. Auf dem relativ kleinen deutschen Markt mit lediglich 82 Millionen Einwohnern ist das viel schwieriger. Und auf europäischer Ebene ist es nicht möglich, weil wir 28 unterschiedliche Gesundheits- und Abrechnungssysteme in der EU haben.

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