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Kleine Firma, großes Risiko

Kleine Firma, großes Risiko

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  • 26.11.2019

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Ausgabe 12/2019

Seite 1086

Prof. Dr. Dolores Schendel

Das Biotech-Unternehmen Medigene mit 140 Mitarbeitern und Sitz in Martinsried bei München arbeitet ebenfalls auf Hochtouren an Gentherapien gegen Krebs – und das ohne die Vorteile eines Big-Pharma-Konzerns. „Wir legen den Fokus auf innovative Ansätze und haben den Vorteil, im kleinen Team flexibler agieren zu können“, sagt Prof. Dr. Dolores Schendel, Vorstandsvorsitzende sowie Forschungs- und Entwicklungsvorstand.

Frau Prof. Schendel, die Begeisterung über die allerersten Gentherapien vor einigen Jahren war schnell verflogen, als die damaligen Pioniere ihre Mittel vom Markt nehmen mussten, größtenteils aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch wegen der zu großen Nebenwirkungen. Erleben wir jetzt einen erneuten Boom der Gentherapien?

Forschungen zu individualisierten Immuntherapien, gerade im Bereich der Onkologie, laufen schon sehr lange. Ich selbst forsche als Immunologin bereits seit 40 Jahren auf dem Gebiet der T-Zellen. Doch erst seit Kurzem gibt es bei klinischen Anwendungen in der Krebsimmuntherapie teilweise spektakuläre Therapieerfolge. Bei einigen als austherapiert geltenden Krebspatienten ist nun von Heilung die Rede. Das Prinzip ist dabei immer, den Krebs nicht mit einem Wirkstoff, wie etwa Chemotherapien zu bekämpfen, sondern das körpereigene Immunsystem in die Lage zu versetzen, Tumorzellen wiederzuerkennen. Als erste Therapieform hierfür sind vor Kurzem die ersten beiden Mittel mit sogenannten CAR-T-Zellen zugelassen. Weitere Ansätze befinden sich in verschiedenen Entwicklungsstadien, teils an Universitäten teils in Unternehmen. Man kann hier von einer Renaissance der Gentherapien sprechen, von einem Boom.

Medigene arbeitet ebenfalls an Krebsimmuntherapien. Was unterscheidet Ihren Forschungsansatz von den bisher zugelassenen CAR-T-Zelltherapien?

Bei den zugelassenen CAR-T-Therapien docken die hochaktiven T-Zellen mit einem Antikörperfragment an die Tumorzelle an. Sie können auf diese Weise aber nur Proteine erkennen, die sich auf der Oberfläche von Krebszellen befinden. Medigene verfolgt einen weitergehenden Ansatz, und zwar mit der T-Zell-Rezeptor-Therapie. Im Gegensatz zu Antikörpern, können T-Zell-Rezeptoren kleinste Bruchstücke von Proteinen erkennen, egal ob diese von der Zelloberfläche oder aus dem Zellinneren stammen. Der Angriffsbereich von T-Zellen wird damit erhöht, weil der T-Zell-Rezeptor auch in eine Zelle schauen kann, um fehlerhafte Veränderungen zu erkennen und zu bekämpfen. Wenn man sich einen Apfel vorstellt, dann erkennen die bislang zugelassenen CAR-T-Therapien Krebszellen auf der Schale. Unsere Therapien sollen auch Zellstrukturen im Apfelinneren erkennen können. In diesem Bereich leisten wir Pionierarbeit.

Wie weit sind Sie damit?

Mit unserer TCR-Immuntherapie gegen verschiedene Blutkrebserkrankungen, wie zum Beispiel die akute myeloische Leukämie, befinden wir uns jetzt in einer Phase-I-Studie. Wir arbeiten hier mit acht klinischen Zentren zusammen, den Unikliniken Regensburg, Erlangen, Würzburg, Freiburg, Heidelberg, Mainz, Leipzig und Dresden.

 Sie sind ein kleines Unternehmen mit 140 Mitarbeitern. Anders als die großen Pharmafirmen setzen Sie mehr oder weniger alles auf eine Karte, indem Sie an wenigen Ansätzen und Produkten arbeiten. Was, wenn das nicht klappt?

Das ist mehr oder weniger das Schicksal aller kleineren Biotech-Firmen: Bis ein Produkt wirklich am Markt und erfolgreich ist, ist es ein Zuschussgeschäft und auch ein großes wirtschaftliches Risiko. Aber wir sehen darin vor allem die Chance, sehr innovative Forschung zu machen, auch flexibler agieren zu können als ein großer Konzern. Wenn wir in einer Studie bemerken, dass ein Prozess hakt oder etwas nicht so funktioniert, können wir darauf schnell reagieren und etwas verbessern. Zusätzlich verfügen wir über hoch spezialisierte Geräte und bieten unsere Technologien auch anderen Unternehmen an. Mithilfe unserer Technologieplattformen können wir für andere Unternehmen nach den für Therapien geeigneten T-Zellstrukturen suchen. Das bietet zusätzliche Sicherheit. Unsere Technologie ermöglicht es uns auch, uns nicht auf nur einen Therapieansatz auszurichten, sondern an verschiedenen sogenannten Andockstellen für unsere modifizierten T-Zell-Rezeptoren zu forschen.

Braucht ein kleines Unternehmen für eine Marktein­führung dann doch einen großen Pharmakonzern als Partner oder wie finanzieren Sie die hohen Forschungskosten?

Bis dahin dauert es ja noch etwas. Wir forschen und beobachten noch und verbessern unsere Ansätze. Mein Ziel ist es, Krebspatienten langfristig die harte Prozedur einer Chemotherapie oder Knochenmarkstransplantation zu ersparen. Bei unserer T-Zell-Rezeptor-(TCR-)Therapie werden T-Zellen aus dem Blut des Patienten so modifiziert, dass sie gezielt Krebszellen erkennen und attackieren, gesundes Gewebe im Körper des Patienten wird jedoch nicht angegriffen. Diesen Ansatz wollen wir für verschiedene Krebsarten entwickeln und eine nachhaltige Pipeline aufbauen. Dabei ist unsere Strategie, dass wir unsere Technologien für ausgesuchte Indikationen und Patientenpopu- lationen unternehmensintern selbst weiterentwickeln. Weitere Indikationen und vor allem größere Märkte wollen wir gemeinsam mit Partnern weiterverfolgen. Über Partnerkooperationen können wir zum Teil unsere Forschungskosten decken, allerdings sind wir nach wie vor auf Investoren angewiesen. Dennoch gibt es auch in der Immunonkologie jede Menge Konkurrenz und es werden verschiedene T-Zell-Therapien entwickelt. Es könnte auch passieren, dass ein anderes Unternehmen Sie überholt. Ich spreche sehr ungern über Konkurrenz. Es gibt so viele Möglichkeiten, T-Zell-Therapien zu entwickeln. Medigene will dabei Patienten mit unterschiedlichem genetischen Hintergrund behandeln. Es macht einen Unterschied, ob ein Patient aus Asien oder Amerika kommt. Wir wollen unsere TCR-Therapie künftig auch bei anderen Krebsarten einsetzen, nicht nur bei Blutkrebs. Und wir sind überzeugt von unserem Ansatz, der eine Weiterentwicklung zu den bisher zugelassenen CAR-T-Therapien darstellt, weil er möglicherweise mit weniger schweren Nebenwirkungen einhergehen könnte. Der wichtigste Punkt, der uns von anderen unterscheidet, ist, dass wir unsere T-Zell-Rezeptor-Sequenzen aus dem Repertoire normaler gesunder Spender entnehmen. Also von Personen, deren Immunsystem noch nie Krebs ausgesetzt war und noch die Fähigkeit haben sollte, Entartungen wirklich als „fremd“ zu erkennen. Andere Unternehmen isolieren ihre Rezeptoren aus Patienten. Unsere Rezeptoren sind in keiner Weise mutiert; sie alle zirkulieren im Körper eines gesunden Spenders. Und da wir nur die DNA des T-Zell-Rezeptors in die T-Zellen des Patienten übertragen, kann es zu keiner Abstoßung kommen. Um diese Rezeptoren zu finden, haben wir den Ent- deckungsprozess mit ausgeklügelten Robotersystemen automatisiert und damit das funktionelle Hochdurchsatz-Screening von T-Zell-Rezeptoren zu einem wesentlichen Bestandteil unserer Plattformtechnologie gemacht. So ein Hochdurchsatz-Screening kann bis zu 145.000 T-Zellklone pro Jahr untersuchen. Ohne Roboter schaffte man etwa 600 T-Zellklone jährlich.

Haben es kleinere Biotech-Unternehmen mit medizinischen Entwicklungsschwerpunkten in Deutschland schwerer als beispielsweise in den USA?

Ich würde nicht unbedingt schwerer sagen, vielmehr gibt es vielleicht in Deutschland etwas weniger Erfahrung in der Einführung klinischer Studien für Zelltherapien, als in den USA. Aber dafür sind die Kosten für klinische Studien nicht so hoch wie in den USA und wir verfügen hier über eine hervorragende technologische Basis und sehr effiziente Prozesse.

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