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Versuchsfeld Templin

Versuchsfeld Templin

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  • 27.04.2018

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Ausgabe 5/2018

Seite 408

Sana Krankenhaus Templin

In die Uckermark fließen Mittel aus dem Innovations- und dem Strukturfonds, um aus einem Kreiskrankenhaus ein Ambulant-Stationäres Zentrum zu machen. Der Weg ist steinig, aber vielleicht entsteht hier die Blaupause für einen sektorenübergreifenden Leistungserbringer im ländlichen Raum.

Uckermark. Heimat von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel. Nicht gerade Boomregion. Immer noch 12,7 Prozent Arbeitslosigkeit. Brennglas Demografie: Bis 2030, so prognostiziert es selbst der Landkreis, wird die Bevölkerung um 25 Prozent schrumpfen. Dann werden hier weniger als 100.000 Menschen leben. 1990 zählte der Landkreis noch 169.255 Einwohner. Kaum sonst wo im Land schlägt die demografische Entwicklung so hart durch wie hier. Bis 2040 könnte der Anteil der Über-65- Jährigen von heute schon 34 Prozent auf 43 Prozent anwachsen.

Die Region im nördlichen Brandenburg prägen Kleinstädte. Eine davon: Templin, drittgrößte Stadt der Uckermark mit gut 16.000 Einwohnern (1990: 19.092). Im Zentrum steht ein schmuckes Rathaus. Der Kaffeegarten Seeblick bietet einen wunderbaren Blick über den Templiner See. Im kalten März 2018 herrscht hier zwar noch Leere, aber im Sommer strömen großstadt-geplagte Ausflügler aus Berlin in die Brandenburger Natur. Tourismus wird zum Wirtschaftsfaktor. Für einen echten Aufschwung und eine Trendwende in der strukturschwachen Region reicht das aber nicht. Die ökonomische Tristesse lässt sich auch nicht hinter dem Slogan „Urlaubsregion“ verbergen.

Bei vielen Einwohnern herrscht offenkundig Resignation. Bei der Bundestagswahl 2017 erreichte die zunehmend offen rassistisch und völkisch auftretende Partei „Alternative für Deutschland“ hier 20,8 Prozent – Platz zwei hinter der CDU (28,2 Prozent), vor der Linkspartei (18,6 Prozent) und der SPD (16,9 Prozent). Kein Wunder, dass die rot-rote Landesregierung in Potsdam nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen will und den Rückbau der Infrastruktur im ländlichen Raum begrenzt. Bereits 2013 bekannte die damalige Gesundheitsministerin Anita Tacke (Linke) für Brandenburg: „Wir werden alle 52 Krankenhäuser an ihren 62 Standorten erhalten.“ Die Agenda der heutigen Ministerin Diana Golze lautet Umbau statt Rückbau.

Das RegioMed-Programm

„Medizinische Angebote müssen dem Bedarf angepasst werden“, erklärte sie Anfang des Jahres bei einem Besuch in Templin und sprach von einer „großen Herausforderung vor allem in den eher ländlich geprägten Regionen in Brandenburg“. Die Ministerin kündigte an: „In Templin wird es uns gelingen, ein Krankenhaus der Grundversorgung zu einem ambulant-stationären Gesundheitszentrum der Zukunft weiterzuentwickeln, davon bin ich überzeugt.“ Damit habe Templin „Modellcharakter“ für ganz Brandenburg. Und nicht nur das. Die bundesdeutsche Gesundheitspolitik blickt auf die Kleinstadt in der Uckermark. In den zurückliegenden Jahren war Hermann Gröhe (CDU) – bis Mitte März Bundesgesundheitsminister – mehrmals zu Besuch.

Aus dem Sana Krankenhaus mit derzeit 122 Betten und 179 Mitarbeitern soll ein ambulant-stationäres Gesundheitszentrum werden. Ungleiche Partner tun sich zusammen; nicht immer scheint das leichtzufallen, aber die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB) und der private Klinikträger haben den festen Willen, dass das Projekt gelingt. Das Ziel: eine sektorenunabhängige und bedarfsgerechte wohnortnahe Versorgung der Bevölkerung. Der Weg dorthin begann bereits 2014 mit dem RegioMed-Programm. Die KVBB schuf in den Räumen des Krankenhauses eine ambulante Geriatrie-Praxis als Eigeneinrichtung. Tageweise arbeiten hier Hausärzte mit geri­atrischer Qualifika­tion aus der Region. Sie erstellen Therapiepläne für ambulante Patienten. Dabei können sie auf die fachliche Expertise des geriatrischen Chefarztes am Sana Klinikum zurückgreifen; KVBB und Sana haben dazu einen Kooperationsvertrag geschlossen. Als Fallmanager unterstützen qualifizierte Pflegekräfte (AgnesZwei) die Mediziner. Das Konstrukt erinnert an die Vorschläge des Sachverständigenrats Gesundheit von 2014 zur Versorgung im ländlichen Raum (Seite 399).

Bis zu 15 Patienten können tagesklinisch für drei Wochen mit einer Komplextherapie in der Templiner RegioMed-Praxis behandelt werden. Ältere Patienten werden bei Bedarf mit einem eigenen Patientenbus befördert, um die Distanz zwischen Wohnort und Praxis zurückzulegen. Die Krankenkassen Barmer und AOK Nordost unterstützen das sektorenübergreifende Angebot mit einem speziellen Versorgungsvertrag nach § 219 SGB V.

„Mit der Geriatrie in unserem KV- RegioMed-Zentrum haben wir in Templin schon erfolgreich gezeigt, wie ein neuer, sektorübergreifender Ansatz regelhaft in der Versorgung etabliert werden kann“, sagte der frührere langjährige KVBB-Vorstandsvorsitzende Dr. Hans-Joachim Helming im November 2016 stolz. Damals hatte er gemeinsam mit dem Krankenhaus gerade den Zuschlag für eine Förderung des beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) in Berlin angesiedelten Innovationsfonds erhalten. „Dank der Finanzmittel aus dem Innovationsfonds können wir nun für viele andere Patientengruppen auch sinnvolle und finanzierbare Lösungen in einer bislang so in Deutschland nicht vorhandenen Struktur aufbauen“, ergänzte er.

Wenige Wochen später zog sich Helming von der KVBB-Spitze zurück. Ruhestand? Nein. Der Mediziner übernahm die Leitung des Innovationsfonds-Förderprojekts „StimMt“ (Strukturmigration im Mittelbereich Templin), ei- nes Produkts der Initiative „Innovative Gesundheitsversorgung in Brandenburg“ (IGiB), die wiederum ein Joint Venture von KVBB, AOK Nordost und Barmer ist.

Der Umbau des Krankenhauses in Templin zu einem ambulant-stationären Gesundheitszentrum gilt als bundesweites Pilotprojekt und wird mit insgesamt 24,5 Millionen Euro großzügig gefördert:

  • 14,5 Millionen Euro fließen, verteilt auf vier Jahre, aus dem Innovationsfonds.
  • Dazu kommen zehn Millionen Euro aus dem Krankenhaus-Strukturfonds der Krankenkassen (zur Hälfte finanziert vom Land Brandenburg), wie Helming auf Anfrage sagt.

Mit dem Geld aus dem Strukturfonds soll der Raum in dem Ambulant-Stationären Zentrum (ASZ) einschließlich des KV-RegioMed-Zentrums auch für weitere Fachbereiche neben der Geriatrie geschaffen werden. „Entscheidend für die Behandlung ist künftig der Behandlungspfad, also das indikationsspezifische Betreuungssystem“, erklärt Helming und spricht von „radikalen Strukturänderungen“, die nötig seien.

Damit das funktioniere, seien umfangreiche Umbauten am Klinikum nötig, erklärt John Jander, Direktor des Sana Krankenhauses Templin. Jander steht in der Geriatrie-Station seines Krankenhauses. Von dort führt eine Tür in einen anderen anliegenden Trakt, der noch außer Betrieb ist. „Sie sehen, der Bereich hier ist noch im Rohbauzustand“, sagt Jander. Künftig soll hier das KV-RegioMed-Zentrum seine Räume erhalten, das bisher im Untergeschoss des Klinikums ansässig ist. „Dafür und für weitere Umbauten nutzen wir die zehn Millionen Euro aus dem Strukturfonds“, erklärt Jander.

Sektorenübergreifende Ansätze, ein gemeinsam getragenes Leistungsangebot von KV und Krankenhaus, gelten vielfach als vermintes Gebiet. In Templin versucht man es trotzdem und ist zuversichtlich, dass es gelingt – freilich ohne die Probleme kleinzureden. Helming verweist auf das Sozialrecht und die unterschiedlichen Entgeltsysteme im ambulanten und im stationären Sektor, die den Aufbau sektorenübergreifender Einheiten so schwer machen. „Die DRG-Systematik passt genauso wenig wie der EBM der KVen zu den neuen Strukturen, die wir dringend benötigen“, stellt Helming klar. Die müssten nun zügig entwickelt werden, damit am 1. Januar 2021 nicht Schluss sei mit dem Aufbau neuer Strukturen in Templin. Dann endet die Förderung durch den Innovationsfonds. Bis dahin müsse auch eine neue Trägerstruktur stehen, sind sich Helming und Jander einig. Weder die KV noch Sana können das geplante Ambulant-Stationäre Zentrum allein betreiben. „Da ist vieles denkbar, da müssen wir jetzt etwas entwickeln“, sagt Jander. „Viele Fragen sind offen.“ Nötig sei vor allem „eine eigene Finanzierungssystematik“.

Das gilt nicht nur für Templin, sondern bundesweit, zumal Deutschland das Potenzial der Ambulantisierung der Medizin nicht ausnutzt. „Patienten, die heute im Krankenhausbett liegen, aber ambulant behandelt werden könnten, sollten ambulant behandelt werden“, sind sich Helming und Jander einig. Nur weil niedergelassene Fachärzte fehlten oder alleinstehende Patienten in den eigenen vier Wänden keine hauswirtschaftliche Versorgung erhielten, sollten sie nicht im Krankenhaus liegen müssen. Es sei deshalb auch zu früh, um in großem Stil über die Schließung von Krankenhausstandorten zu diskutieren. „Erst wenn die ambulanten Versorgungsstrukturen tragen, sollten wir über den Abbau stationärer Kapazitäten diskutieren“, findet Helming, sagt aber auch, dass es weniger um „Abbau“ gehe, sondern um den „Umbau zu anderen Leistungsbereichen“.

Überregionale Reichweite

Wie aber soll die Struktur nun konkret aussehen, wenn beispielsweise Ärzte sowohl im KV-System als auch in den Krankenhäusern fehlen? Die Idee: Das künftige ASZ stellt Räumlichkeiten zur Verfügung, hochwertige Medizingeräte sowie Personal, beispielsweise Medizinische Fachangestellte oder Pflegefachpersonen. Tageweise kommen Fachärzte aus umliegenden Praxen oder anderen Regionen – oder im Fall Templin aus dem Sana-Verbund – und bieten spezielle Sprechstunden an, zum Beispiel montags ein Kardiologe, dienstags ein Neurologe und mittwochs ein Dermatologe. Dahinter steckt der Gedanke, dass die medizinische Nachfrage für die einzelnen Fachbereiche in dünn besiedelten Gebieten – wie der Uckermark – nicht ausreicht, damit sich eine volle Arztstelle finanzieren lässt; zugleich ist es schwer, Mediziner Vollzeit in die strukturschwache Region zu locken. Unterstützt werden soll diese überregionale Nutzung von Kompetenz und Kapazität durch Einbindung der Telemedizin.

„Bereits jetzt bieten wir ein Mal pro Woche eine Herzsprechstunde im Krankenhaus an“, berichtet Jander. Dafür komme eine niedergelassene Internistin mit kardiologischer Weiterbildung ins Krankenhaus und nutze das im Aufbau befindliche ASZ. Ab Mai gebe es darüber hinaus wöchentlich eine Inkontinenz- und eine Dysplasie-Sprechstunde mit einem niedergelassenen Gynäkologen. Hier können delegierbare Leistungen künftig auch entsprechend qualifizierte und weitergebildete Pflegekräfte übernehmen. Das gebe der Profession zugleich eine Karriere-Perspektive, sagt Heiming und ergänzt: „Wir bauen etwas völlig Neues, jenseits von klassischem Krankenhaus, Medizinischem Versorgungszentrum oder Praxisklinik.“ Auch die strikte Trennung zwischen Klinikärzten, die Patienten nur stationär behandeln, und niedergelassenen Medizinern müsse fallen.

Taugt die Uckermark als Blaupause für die gesamte Republik? Die Investitions- und Anschubkosten wären enorm, ein zweistelliger Milliardenbetrag wäre wohl nötig, um solche Strukturen flächendeckend in ganz Deutschland zu errichten. Die bisher getrennten Töpfe für die Entgeltsysteme im stationären und ambulanten Sektor müssten zusammengeführt werden, ebenso wie die Bedarfsplanung. Immerhin haben CDU, CSU und SPD in ihrem Koalitionsvertrag verabredet, dass eine Bund-Länder-AG hierfür ein Konzept erarbeiten soll.

„Wir müssen in den ländlichen Raum investieren“, fordert der Bundestagsabgeordnete Jens Koeppen (CDU). Sein Wahlkreis ist die Uckermark. Zwar unterstützt der Parlamentarier grundsätzlich den Umbau des Sana Krankenhauses Templin zu einem ASZ und lobt: „Wichtig ist, dass hier alle an einem Strang ziehen: Politik, Krankenhaus, niedergelassene Ärzte sowie Krankenkassen – und die neue Kooperation als Chance sehen, insbesondere für Patienten im strukturschwachen ländlichen Raum.“ Jedoch warnt er davor, einfach Strukturen weiter zu reduzieren und kritisiert Rot-Rot in Brandenburg: „Die Landesregierung stellt nicht infrage, ob es Möglichkeiten gibt, die demografische Entwicklung zu verändern und den ländlichen Raum zu beleben.“ Prognosedaten zur Einwohnerzahl seien „völlig überholt“, der Bevölkerungsschwund sei zuletzt nicht in dem Maß eingetreten, wie das die Landesregierung lange vorhergesagt habe. „Es lohnt sich doch, darüber nachzudenken, wie wir die Infrastruktur, etwa Krankenhäuser und Schulen, erhalten und ausbauen können. Das gilt vor allem für die Digitalisierung, für schnelles Internet“, sagt Koeppen.

Seinen Wahlkreis gewann er 2017 mit 30,6 Prozent der Erststimmen – 13.298 Stimmen mehr als der zweitplatzierte Kandidat der AfD. Dass die Rechtspopulisten daraus Kapital schlagen können, wenn im ländlichen Raum Strukturen abgebaut werden – etwa Krankenhäuser –, haben sie bewiesen. Die Politik muss neue Wege gehen, um dem zu begegnen. Die Sicherstellung der Daseinsvorsorge in der Gesundheit gehört dazu. Templin kann zeigen, wie das geht. Am Geld sollte das nicht scheitern – zumindest nicht hier, im Labor der Uckermark.

Bereitschaftspraxis in Klinik

Den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) fällt es vielerorts immer schwerer, ihren Auftrag zu erfüllen und die ambulante Notfallversorgung über ihre Bereitschaftsdienste auch am Abend und am Wochenende sicher­zustellen. Das gilt vor allem für den ländlichen Raum. In der Uckermark übernimmt nun das Sana Krankenhaus Templin offiziell einen wesentlichen Teil des Leistungsangebots. Seit dem 3. April erhalten Patienten hier medizinische Hilfe bei akuten, aber nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen in den Zeiten, zu denen die Arztpraxen in der Regel geschlossen sind. Die KV Brandenburg (KVBB) betreibt die Praxis. Das Sana Krankenhaus stellt die Räumlichkeiten zur Verfügung sowie das nicht ärztliche Personal. Es organisiert auch die ärztliche Besetzung, wie es in einer Pressemitteilung der KVBB heißt. Damit ergänzt die Praxis die Maßnahmen zur Verbesserung der medizinischen Versorgung im Mittelbereich Templin durch das Projekt IGiB StimMT, das den Klinikstandort zu einem ambulant-stationären Zentrum machen will.

Die neue Bereitschaftspraxis ist laut KVBB die siebte ihrer Art im Land Brandenburg. In Templin ist sie unter der Woche an drei Tagen ab 19.00 Uhr abends, Mittwoch und Freitag bereits ab 13.00 Uhr und an Wochenenden und Feiertagen ab 7.00 Uhr morgens geöffnet.

Dazu erläutert Dipl.-Med. Andreas Schwark, stellvertretender Vorsitzender der KVBB: „Die ambulante Betreuung der Patienten in der Region Templin durch die niedergelassenen Kollegen wird nun durch die ärztliche Bereitschaftspraxis ergänzt. Patienten, die außerhalb der üblichen Sprechzeiten die 116117 anrufen, werden von Mitarbeitern der KVBB beraten und bei Bedarf in die ärztliche Bereitschaftspraxis gesteuert.“

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