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St. Franziskus-Klinik-Gruppe beliefert niederländische Krankenhäuser

Ein westfälischer Grenzgänger

Ein westfälischer Grenzgänger

  • Strategie
  • Strategie und Organisation
  • 01.03.2008

Die Internationalisierung des deutschen Gesundheitswesens schreitet rasch voran. Die katholische St. Franziskus-Stiftung aus Münster und ihre Tochterunternehmen kooperieren über die Grenze zu den Niederlanden hinweg, nicht nur, um Patienten aus dem Nachbarland zu versorgen, sondern auch, um das Beschaffungswesen der katholischen Gruppe zu internationalisieren.

Die St. Franziskus-Stiftung mit Sitz in Münster nutzte ihre Kontakte in die angrenzenden Niederlande, um gemeinsam Möglichkeiten und Chancen einer grenzüberschreitenden Medicalprodukteversorgung zu diskutieren und zu entwickeln. In einem ersten Schritt ging es um Transparenz der wirtschaftlichen Rahmendaten in einem internationalen Versorgungsmodell. Anschließend wurden die Strukturkomponenten der Versorgung niederländischer Krankenhäuser entwickelt. Die Analyse ergab folgende Erkenntnisse:

 Die Preisunterschiede sind deutlich höher als erwartet

In der politischen Diskussion um die Kosten des Gesundheitswesens in Deutschland wird regelmäßig die Kostensituation in den Niederlanden als Beispiel für eine kostengünstige medizinische Versorgungsstruktur angeführt. Das Ergebnis der Preisanalyse hat deutlich überrascht. So können niederländische Krankenhäuser im Bereich der Medicalprodukteversorgung durch einen internationalen Einkauf, beispielsweise über Deutschland, zwischen 15 und 20 Prozent sparen. Das hat vielfältige Gründe. Die Industrie bietet den niederländischen Kunden zum Beispiel einen besseren Service. Bei Herzschrittmacherwechseln ist regelmäßig ein Mitarbeiter der liefernden Firma im OP anwesend, um die Revision zu begleiten. Aus deutscher Sicht ist dies ein völlig ungewöhnliches Verfahren und im Wesentlichen in Deutschland noch unbekannt. Dass dies Geld kostet, liegt auf der Hand. Ein wesentlicher Punkt ist auch, dass die international agierende Industrie in nationalen Märkten eigene Preisbildungsprozesse vorangetrieben hat, um das Marktpotenzial national abschöpfen zu können. Diese Verfahren sind durch die internationale Ausrichtung der Einkaufsstrukturen natürlich massiv bedroht.

Niedrigste Preise für Medicalprodukte

Diese Entwicklung löst in der Industrie wiederum Diskussionen aus. Die differenzierte Preispolitik in nationalen Märkten wird zu Ende gehen. Deutschland als ein Markt mit den niedrigsten Preisen für Medicalprodukte in Europa könnte zum Maßstab für das gesamte Preisniveau, zumindest in der Europäischen Union, werden. Das würde für die Industrie problematische Auswirkungen haben. Insofern war es für uns in der St. Franziskus-Stiftung wichtig, diese Vorgänge in weitestgehender Kooperation mit der Industrie zu verfolgen. Dazu haben intensive Gespräche in enger Zusammenarbeit mit der Einkaufsgemeinschaft clinicpartner eG in Gladbeck, der medical- ORDERservices GmbH (mOs) und den niederländischen Krankenhäusern stattgefunden. Teilweise wurden gute Lösungen gefunden. So kann mittlerweile in einigen Krankenhäusern der angesprochene Service gegen eine separate Vergütung angefordert werden.

Die Umstellung war problemlos

Die Umstellung in den niederländischen Krankenhäusern auf die Produkte, die aus Deutschland heraus geliefert werden, konnte relativ problemlos vollzogen werden. Sie vollzog sich im Wesentlichen in drei Stufen. In der ersten Stufe wurden die Produkte umgestellt, die sowohl auf dem niederländischen wie auf dem deutschen Markt identisch angeboten worden sind. Hier war keine Umstellung in der Anwendung im ärztlichen oder im pflegerischen Dienst notwendig. In der zweiten Stufe wurden die Produkte umgestellt, die ebenfalls produktidentisch auf beiden Märkten angeboten worden sind, für die jedoch von Seiten der niederländischen Krankenhäuser noch Abnahmeverpflichtungen im Rahmen vertraglicher Bindungen existierten. Hier war der Zeitfaktor die limitierende Grenze der Abwicklung des Verfahrens. In der dritten Stufe ging es um Produkte, die sehr anwenderspezifisch waren und die unter Umständen mit einem Lieferantenwechsel auf ein deutlich preiswerteres Kostenniveau gebracht werden mussten. Dies waren beispielsweise Herzschrittmacher oder Implantate.

Hier hinderte das Problem, dass die Anwendung dieser Produkte in niederländischen Krankenhäusern durch die Ärzte bestimmt wurde, die jedoch fast ausschließlich als Belegärzte beschäftigt waren. Die Motivation, sich konzeptionell und prozesstechnisch auf neue Produkte umzustellen, war nur begrenzt. Als besondere Problematik stellte sich zudem auch in Zeiten des EU-Binnenmarktes die Gestaltung des innergemeinschaftlichen Warenverkehrs dar. Hier ging es insbesondere darum, zu vermeiden, dass sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden die Umsatzsteuer bezahlt werden musste, sodass es damit zu einer doppelten Besteuerung gekommen wäre. Hier mussten relativ komplizierte und detaillierte Vertragsgestaltungen entwickelt werden.

Eine gemeinsame Lösung mit der Industrie

Die Umstellung der Belieferung der niederländischen Krankenhäuser vollzog sich in vier Phasen. In der ersten Phase wurden die Umsätze der niederländischen Lieferanten, die Lieferbedingungen und weitere spezifische Eigenarten der niederländischen Krankenhäuser in ihrer Versorgung erfasst. Die Stammdaten, Preise und Mengen wurden analysiert und in einer ersten Pro- gnose der Einsparpotenziale quantifiziert. Inklusive des sich daran anschließenden Vertrages wurden für diese Vorbereitungsphase etwa drei Monate benötigt. In der zweiten Phase wurden die identischen Artikel umgesetzt.

Wir vollzogen die Anbindung an das Web- Shop-Bestellsystem und beschafften die nötigen Investitionsgüter. Für diese Phase wurden ebenfalls zwei bis drei Monate kalkuliert. In der dritten Phase wurden nach und nach die Artikel umgesetzt, die zuvor noch wegen fester Liefervereinbarungen mit der Industrie in niederländischen Krankenhäusern nicht getauscht werden konnten. In der vierten Phase – und damit zum Abschluss der Umstellung – wurden die internen Entscheidungen über die Umstellung der kritischen Artikel, wie zum Beispiel Herzschrittmacher und Implantate, getroffen. Dieser Prozess war zeitlich nur in enger Zusammenarbeit mit den niederländischen Krankenhäusern und den dortigen Anwendern zu vollziehen, weil hier sehr viel Überzeugungsarbeit geleistet werden musste.

Die St. Franziskus-Stiftung festigt ihre Marktposition international

Seit der Umsetzung dieser Prozess-Schritte werden auch große niederländische Krankenhäuser nur dreimal pro Woche aus Deutschland heraus mit Waren versorgt. Durch die Einbindung in die Einkaufsgemeinschaft clinicpartner eG erreichen wir auch international eine Marktposition, die es erlaubt, im Gespräch mit der Industrie eine gemeinsame Lösung zu erreichen, und die nicht dazu führt, dass der niederländische gegen den deutschen Markt oder umgekehrt ausgespielt werden kann. Die Versorgungssicherheit der niederländischen Krankenhäuser kann nur in entsprechender Lagerkapazitätsausweitung im medicalORDERcenter erzielt werden. Die bisherigen Erfahrungen in der Versorgung niederländischer Krankenhäuser sind als durchweg positiv zu beurteilen. Sowohl Vertragsverhandlung, Vertragsabstimmung als auch die alltägliche Problembewältigung in der Versorgung der Krankenhäuser funktionieren gut in einer angenehmen Kommunikation. Die Zusammenarbeit soll auf dieser Basis weiter ausgebaut werden.

Anschrift des Verfassers:

Joachim Stapper-Müer, Geschäftsführer medicalORDERservices GmbH, Kruppstraße 37, 59227 Ahlen Geschäftsführer St. Vincenz-Gesellschaft mbH, Robert-Koch-Straße 28, 59227 Ahlen

 

Krankenversorgung in Deutschland und den Niederlanden

Einzelne Krankenhäuser in unmittelbarer grenznaher Lage haben Kooperationen über die deutsche Landesgrenze hinweg geschlossen, um beispielsweise niederländische Patienten in deutschen Krankenhäusern zu versorgen. Eines dieser Krankenhäuser ist das St. Bernhard-Hospital in Kamp-Lintfort. Es gehört zur St. Franziskus-Stiftung in Münster, die ihrerseits mit 13 Krankenhäusern und mehreren Einrichtungen der Alten- und Behindertenhilfe als größter konfessioneller Krankenhausträger Nordwestdeutschlands agiert. Neben dem Kerngeschäft, dem Betrieb von Krankenhäusern und Einrichtungen der Alten- und Behindertenhilfe, hat sich die St. Franziskus-Stiftung frühzeitig damit auseinandergesetzt, wie Leistungen außerhalb der Kernkompetenz durch eigene Tochtergesellschaften wirtschaftlich und marktnah erbracht werden können, auch um dem allseits spürbaren Zwang zum Outsourcing mit eigenen strategischen Lösungen zu begegnen.

Wachstum im Facility-Management und im Versorgungswesen

Insbesondere entwickelte die Stiftung Strategien für das Facility-Management und das Versorgungswesen. Für das Facility-Management gründete die Klinikgruppe die FAC’T. Letztere hat sich mittlerweile gut am Markt profiliert und in Krankenhäusern, Einrichtungen der Sozial- und Gesundheitsversorgung wie auch in der gewerblichen Wirtschaft und in privaten Klinikgruppen das Facility-Management im umfassenden Sinne von der Projektplanung über die Baubetreuung bis hin zur laufenden Versorgung übernommen. Ein zweites Wachstumsfeld ist die Neuorganisation des Versorgungswesens von Krankenhäusern. Hintergrund der Überlegungen war der Gedanke, dass für die Qualität des medizinischen und pflegerischen Behandlungs- und Versorgungsprozesses neben der fachlichen und sozialen Qualifikation der Mitarbeiter die Bereitstellung der für die Behandlung und Versorgung notwendigen Sachmittel zur richtigen Zeit, in der richtigen Qualität und Ausprägung sowie in der richtigen Menge entscheidend ist. Gleichzeitig sollte diese Versorgungsstruktur in der Gesamtheit, das heißt über den Produktpreis und die Gesamtkosten der Beschaffung bis hin zur Anwendung, möglichst günstig sein. Nicht entscheidend für die Qualität ist es jedoch, von welchem Ort aus der Versorgungsprozess organisiert wird und wo die Waren lagern.

Das Medical-Order-Center versorgt Nordwestdeutschland

Aus diesen Überlegungen heraus entstand das medicalORDERcenter in Ahlen. Aus dem Versorgungszentrum werden mittlerweile alle Einrichtungen der St. Franziskus-Stiftung, von Bremerhaven im Norden bis zum Rheinland im Südwesten, aber auch zahlreiche Krankenhäuser versorgt, die nicht in Trägerschaft der Stiftung stehen. Bestandteil des medicalORDERcenters sind eine Krankenhausapotheke des St. Franziskus- Hospitals in Münster, das Unternehmen „medicalORDERinstruments“, ein Unternehmen, das Zentralsterilisationsdienstleistungen für Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte und Ambulatorien erbringt, sowie das Unternehmen „medical- ORDERservices“, das die gesamte Medicalprodukteversorgung für Krankenhäuser und sonstige Einrichtungen übernimmt. Die Logistik und Lagerbewirtschaftung übernimmt das Unternehmen F-Log med, ein Tochterunternehmen der Fiege-Gruppe aus Greven.

Rahmenverträge mit der Industrie bilden den Anfang

Die Kundeneinrichtungen werden mehrstufig versorgt. In einer ersten Stufe werden in enger Zusammenarbeit mit der Einkaufsgemeinschaft „clinicpartner eG“ in Gladbeck, der mittlerweile mehr als 80 Krankenhäuser und zahlreiche weitere Einrichtungen angeschlossen sind, Rahmenverträge mit der Industrie geschlossen. Diese bilden den Handlungsspielraum für die medicalORDERservices GmbH (mOs). Die der mOs angeschlossenen Kunden können diesen Handlungsspielraum im Rahmen der dargebotenen Artikel ausschöpfen. Sie bestellen dazu per Web-Shop die ausgewählten Artikel bei mOs und nicht mehr bei der Industrie. Das versetzt mOs in die Lage, die eigene Lagerwirtschaft zentral zu führen und als Warenhandelsgesellschaft zu agieren. mOs tritt als Besteller und Abnehmer der Industrie gegenüber auf und versorgt ihrerseits die angeschlossenen Kundeneinrichtungen.

Die Lagerhaltung in diesem System unterscheidet sich signifikant von anderen Logistikzentren, da im medicalORDERcenter die Waren nicht nach Kunden sortiert sind, sondern die Waren zentral gelagert werden und aus einem zentralen Bestand heraus die Kundenversorgung organisiert werden kann. Dass dies eine deutliche Lageroptimierung ermöglicht, beispielsweise im Hinblick auf Mindestbestände, liegt auf der Hand. Der damit verfolgte Systemansatz konnte mittlerweile erfolgreich am Markt platziert werden. Er bietet neben reinen Kostenvorteilen große organisatorische Möglichkeiten, um in der Einrichtung selbst die Wirtschaftlichkeit zu verbessern.

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