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Bibliomed-Klinik-Stresstest

Schere zwischen Theorie und Praxis

Schere zwischen Theorie und Praxis

  • f&w
  • Titel
  • 28.02.2017

f&w

Ausgabe 3/2017

Seite 214

Geburtsstationen rechnen sich erst ab einer Menge von 700 Geburten pro Jahr, heißt es. Schließt man alle, die darunter liegen, müssten werdende Eltern nicht nur lange Fahrtzeiten in Kauf nehmen, sondern manche Regionen wären auch dramatisch unterversorgt. Ein Dilemma um theoretische Mengen, reale Versorgungssituationen und eine mangelnde Finanzierung kleiner Kliniken, dargestellt im Bibliomed-Klinik-Stresstest.

Das deutsche Gesundheitssystem leidet unter Zentritis. So zumindest nennt es Dr. Josef Düllings, Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD). Eine wie von den Krankenkassen gewünschte ungesteuerte Zentralisierung von Krankenhausleistungen an wenigen Standorten werde „enorme Auswirkungen auf die Häuser der Regelversorgung durch Ausdünnung des Leistungsspektrums“ haben, warnte Düllings zu Anfang des Jahres. Wie der aktuelle Bibliomed-Klinik-Stresstest zeigt, trifft das auch und gerade auf Geburtshilfen zu. In der Krankenhausbranche gilt als Common Sense, dass eine Geburtsstation mit weniger als 700 Geburten im Jahr kaum wirtschaftlich zu betreiben ist, und das ist ein sehr konservativer Wert. Experten wie Ingo Morell gehen sogar davon aus, dass der Wert mittlerweile im Durchschnitt etwas höher liegt. Morell ist Vizepräsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), stellvertretender Vorsitzender des Katholischen Krankenhausverbandes Deutschland (KKVD) und Sprecher der Geschäftsführung der Gemeinnützigen Gesellschaft der Franziskanerinnen (GFO-Kliniken) zu Olpe.

Was würde es bedeuten, wenn es in Deutschland nur noch Geburtshilfen gäbe, die die wirtschaftliche Mindestmenge von 700 pro Jahr erfüllen würden? In weiten Teilen der Republik würde sich die Fahrtzeit zum nächsten Krankenhaus massiv erhöhen. Die Folgen für die Versorgung wären spürbar. Prof. Richard Berger, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Marienhauses Neuwied, sagt im Interview (Seite 216 in dieser Ausgabe von f&w führen und wirtschaften im Krankenhaus), dass die Fahrtzeit ins nächste Krankenhaus mit einer Geburtshilfe nicht länger als 30 Minuten betragen solle.

Zentritis führt zu Unterversorgung

„Legt man diese beiden Faktoren im Klinik-Stresstest zugrunde – Mindestmenge von 700 Geburten pro Jahr und maximale Fahrtzeit von 30 Minuten – färbt sich ein ziemlich großer Teil der Deutschlandkarte orange bis dunkelrot“, sagt Dirk Elmhorst, Geschäftsführer des Bibliomed-Partners MEDIQON beim Klinik-Stresstest. In diesen Postleitzahl-Gebieten entstünde Unterversorgung, wenn die Krankenhäuser nur Geburtsstationen betreiben würden, die sich finanziell rechnen. Die Krankheit Zentritis würde zum Symptom Unterversorgung mit langer Fahrtzeit führen.

Also mindestens 700 bis 800 Geburten im Jahr? „Kliniken auf dem Land schaffen das nicht“, sagt Thomas Lippmann, Geschäftsführer der Krankenhäuser im Landkreis Weilheim-Schongau. Die kommunale Klinik-GmbH im Süden des Freistaats Bayern betreibt zwei Stationen mit jeweils 400 Geburten jährlich. „Insgesamt führt das zu einer finanziellen Unterdeckung von bis zu einer Million Euro pro Jahr“, sagt Lippmann. Die beiden Geburtsstationen in Weilheim und Schöngau liegen 26,2 Kilometer auseinander, Fahrtzeit laut Google Maps 28 Minuten. Warum Lippmann die beiden Häuser nicht zusammenlegt und Skaleneffekte hebt? „Die Politik und ich sehen die Geburtsstation als tragende Säule eines Krankenhauses in der ländlichen Region“, sagt Lippmann. „Wir haben uns zu einer wohnortnahen Versorgung bekannt und nicht zu Spielereien am Reißbrett zulasten der werdenden Eltern im Landkreis hinreißen lassen.“ Zwar würde laut Bibliomed-Klinik-Stresstest, gemessen an der Fahrtzeit, keine unmittelbare Unterversorgung entstehen, wenn einer der beiden Standorte geschlossen würde. Aber ausgerechnet der Kliniksimulator des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-SV), der etwas andere Daten zugrunde legt als der Bibliomed-Klinik-Stresstest, kommt zu dem Schluss, dass rund 29.000 Einwohner eine mehr als 30-minütige Fahrt zum nächsten Krankenhaus in Kauf nehmen müssten, wenn etwa die Klinik in Schongau schließen würde. Die Zeit wäre also länger, als medizinisch sinnvoll.

Wirklich dramatisch ist die Lage in weiten Teilen Ostdeutschlands. Abgesehen von den großen Ballungsräumen, etwa um Berlin herum, erreichen dort viele Krankenhäuser die wirtschaftliche Mindestgröße nicht. Die Zentritis würde zum Versorgungsproblem. „Es gibt eine ganze Reihe von Häusern mit 300 bis 400 Geburten, da wird sich die Politik Gedanken machen müssen, ob diese aus Versorgungsgründen besser am Netz bleiben“, sagt denn auch DKG- und KKVD-Vizechef Morell.

Wie aber soll die Finanzierung aussehen? Helfen höhere DRG? Geschäftsführer Lippmann sieht das als nicht realistisch an. „Wir benötigen eine neue Debatte über Sicherstellungszuschläge für Kliniken in ländlichen Regionen“, sagt er.

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