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Die Risiko-Wende

Mehr Sicherheit durch Beschaffungsmanagement

Mehr Sicherheit durch Beschaffungsmanagement

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  • Technologie
  • 01.03.2017

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Ausgabe 3/2017

Seite 106

Das klinische Risikomanagement lenkt seinen Blick immer stärker auf die Details des Klinikalltags: ein Kampf gegen kleine Fehlerteufel mit großer Wirkung. Das moderne Beschaffungsmanagement unterstützt dieses Vorhaben durch eine bessere Auswahl an Medizinprodukten, die in den oft hektischen Krankenhausprozessen schon durch kleine Verbesserungen sicherheitsfördernd wirken können.

Lange Zeit spielte im Gesundheitswesen die Kommunikation über Behandlungsfehler in Medizin und Pflege weder intern noch extern eine wesentliche Rolle, obgleich die Prozesse in Diagnostik, Therapie und pflegerischer Versorgung seit jeher risikobelastet waren. Die Situation hat sich in den vergangenen 15 Jahren allerdings grundlegend geändert. Ausgelöst wurde der Paradigmenwechsel international durch die viel zitierten amerikanischen „Malpractice Studies“, die zu dem Ergebnis kamen, dass vermeidbare Behandlungsfehler eine relevante Todesursache im Gesundheitswesen darstellen – ein Impuls mit weitreichenden Folgen.

Klinisches Risikomanagement (KRM) befasst sich mit den Risiken in Diagnostik, Therapie und Pflege und mit der Prävention dagegen. Dabei stützt es sich nicht nur auf verfügbare Informationen, Zahlen, Daten und Erkenntnisse, sondern reagiert auch auf Entwicklungen in Medizin und Pflege sowie auf gesundheitsökonomische und demografische Veränderungen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) verabschiedete 2014 einen Mindeststandard zum klinischen Risikomanagement, der 2016 mit den Handlungsempfehlungen des Aktionsbündnisses Patientensicherheit operationalisiert wurde.

Risiko Mensch

Die kaufmännische, medizinische und pflegerische Leitung in Krankenhäusern sorgen gemeinsam für den Aufbau und die Aufrechterhaltung eines klinischen Risikomanagementsystems. Das APS-Modell macht die Bedeutung des Beschaffungsmanagements zur Förderung der Patientensicherheit explizit deutlich.

Unerwünschte Ereignisse durch fehlerhafte Interventionen sind eine ernsthafte Bedrohung für Patienten. Eine systematische Aufarbeitung der Fehlerquellen, eine differenzierte Ursachenanalyse und eine darauf aufbauende Prozessgestaltung haben in der vergangenen Dekade aber auch dazu geführt, dass in vielen Hochrisikobereichen die Schadenquote nachweisbar gesenkt werden konnte.

In der Anästhesiologie beispielsweise führte ein systematisches Monitoring, kombiniert mit Qualifikationsmaßnahmen, zu einem drastischen Rückgang von zu spät bemerkten Fehlintubationen. In der Sturzprävention wurden mit technischer Unterstützung Erfolge erzielt; die gerade für betagte Patienten oft mit fatalen Folgen verbundenen Sturz-ereignisse gingen merklich zurück. Darüber hinaus sorgen intelligente Infusomaten und Perfusoren mit Alarmvorrichtungen schon seit einiger Zeit für mehr Arzneimitteltherapiesicherheit.

Patientensicherheit lässt sich also durch Geräteoptimierung, Gestaltung von Arbeitsprozessen und Training fördern. Fachübergreifend müssen dafür Erkenntnisse von Klinikern, Sicherheitsexperten, Designspezialisten, Psychologen und Ergonomen genutzt werden.

70 bis 80 Prozent aller Fehler in Medizin und Pflege werden dem „Human Factor“ zugeschrieben, dem Faktor Mensch. Durch ein systematisches und zielgerichtetes Team oder Crew Resource Management Training können 80 Prozent dieser Fehler vermieden werden. Im Zusammenhang mit der Anwendung von Medizintechnik spricht man von Benutzerfehlern und menschlichem Versagen. Allerdings wissen wir auch, dass es sich in vielen Fällen nicht um einen Benutzerfehler (User Error), sondern um einen Benutzungsfehler (Use Error) handelt. Ein Benutzungsfehler ist definiert als eine Handlung oder Unterlassung einer Handlung, die eine andere Reaktion des Medizinproduktes bewirkt, als vom Hersteller vorgesehen und vom Benutzer erwartet. Benutzungsfehler und menschliches Versagen können – quantitativ wie qualitativ – schwerwiegende Folgen für den Patienten haben, umso mehr in einer Zeit der Personalverknappung.

IT kann helfen, ist aber kein Allheilmittel. Elektronische Verordnungssysteme zur Förderung der Arzneimitteltherapiesicherheit können Medikationsfehler reduzieren, sind allerdings komplex, erfordern eine kontinuierliche Aktualisierung und müssen konsequent im interprofessionellen Zusammenspiel umgesetzt werden. Ein solches System macht nicht an Sektorengrenzen halt, sondern muss prästationäre, stationäre und poststationäre Prozesse vernetzen.

Ganz allgemein lassen sich die Anforderungen an sicherheitsfördernde Me- dizinprodukte und -geräte wie folgt definieren.

  • Unlogische und zeitaufwendige Handlungsabläufe sind zu vermeiden
  • Warn- und Alarmfunktionen sind visuell, taktil und auditiv in angemessener Form installiert
  • Möglichst barrierefreie Statusinformationen und Benutzerführung
  • Eindeutige und klar ersichtliche Funktionen
  • Symbole, Beschriftungen oder Kodierungen sind selbsterklärend
  • Vereinheitlichte Terminologien
  • Schutzvorrichtungen führen zur Vermeidung von Fehlbedienungen
  • Gebrauchsanleitungen sind gut lesbar, landessprachlich formuliert und weitgehend selbsterklärend
  • Eindeutig gekennzeichnete Produkte und Verpackungen

Medizinprodukte müssen in der Anwendung einfach und intuitiv erfassbar gestaltet sein, damit sie auch in Stresssituationen, wie es sie in der medizinischen Versorgung immer wieder gibt, sachgerecht gehandhabt werden können. Produktentwickler sollten einen Entwicklungsprozess etablieren, der sich an der Gebrauchtauglichkeit orientiert und dabei die potenziellen Anwendergruppen einbezieht.

Patientensicherheit entsteht durch ein Zusammenspiel von professionellem Engagement, fachlichen Kenntnissen, Gespür für die Situation und sachgerechter Anwendung technischer Unterstützungsmöglichkeiten. Patientensicherheit ist somit ein multifaktorielles Geschehen und weniger struktur- als vielmehr prozessorientiert zu betrachten. Daher wird die Beschaffungswirtschaft immer den Anwender in seiner prozessualen Umgebung und eine Beschaffung zur Optimierung von Medizin und Pflege aus Patientensicht im Blick haben müssen.

Die Patientenversorgung in unseren Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen ist ohne Frage 2017 so sicher wie nie, gleichwohl noch viel Luft nach oben besteht. Das Beschaffungsmanagement kann viel dazu beitragen, die Patientensicherheit zu fördern sowie die Professionalität und auch die Zufriedenheit der Mitarbeitenden zu unterstützen, muss dabei aber keinesfalls ökonomische Rahmenbedingungen vernachlässigen. Patientensicherheit ist keine Frage des Preises, sondern eine Frage des Bewusstseins.

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