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Die Aufgaben zwischen Ärzten und Pflegenden müssen neu justiert werden

Sachlichkeit statt Emotion

Sachlichkeit statt Emotion

  • Strategie
  • Personalentwicklung
  • 01.04.2008

 

 

Die Diskussion über die Delegation ärztlicher Tätigkeiten ist durchsetzt von Emotionen. Gefordert sind dagegen Sachlichkeit und Fakten. Fakt ist, dass sowohl die Zahl der Ärzte als auch der Personalaufwand für diese in den Krankenhäusern stetig gestiegen sind, während in der Pflege in den vergangenen zehn Jahren etwa 50 000 Stellen abgebaut wurden. Für die Kliniken wird es im Kampf um die Zukunft entscheidend sein, insbesondere der Pflege in der Personalentwicklung Beachtung zu schenken. Der Prozess der Delegation ärztlicher Aufgaben, aber auch der Übernahme von mehr Verantwortung in der Patientenbetreuung hat längst begonnen (Abb. 1).

Die Krankenhäuser sind zunehmend angehalten, wirtschaftlich mit ihren Ressourcen umzugehen. Der große Personalkostenblock von etwa 65 Prozent zieht die Blicke der Ökonomen auf sich. Um Kostenvorteile zu erzielen, muss der Personaleinsatz effizient organisiert sein. Abbildung 2 zeigt, dass der Pflegedienst zwar mit 43 Prozent die zahlenmäßig größte Gruppe bildet, diese aber nur 34 Prozent der gesamten Personalkosten verursacht. Der Ärztliche Dienst mit 14 Prozent aller Vollkräfte (VK) verursacht 25 Prozent der Kosten. Die ärztliche Tätigkeit ist damit die mit weitem Abstand „teuerste" im Krankenhaus. Um gegenüber seinen Konkurrenten einen Kostenvorsprung erzielen zu können, ist es daher besonders wichtig, die Ressource Arzt, unter Beibehaltung der Behandlungsqualität, so effizient wie möglich einzusetzen. Alle Tätigkeiten, die nicht zwingend von Ärzten ausgeführt werden müssen, sind an andere Berufsgruppen zu delegieren. Die Krankenpflege nimmt hierbei eine privilegierte Rolle ein, da sie die größte Schnitt- menge der Tätigkeiten mit dem Ärztlichen Dienst, im Vergleich zu anderen Berufsgruppen, aufweist. In einem weiteren Schritt gilt es auch, zu hinterfragen, welche Tätigkeiten von Pflegekräften auf Service- oder Hilfskräfte übertragen werden können.

 

Die Delegation ärztlicher Tätigkeit ist ökonomisch relevant

Die Delegation ärztlicher Tätigkeiten ist vor allem aus ökonomischer Perspektive relevant (Abb. 3). Die Kosten für den ärztlichen Bereich sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, nicht zuletzt bedingt durch die aktuelle Ärzteknappheit, ungeachtet ihrer Ursachen. Eine Auseinandersetzung mit dem Thema „Delegation ärztlicher Tätigkeiten" ist daher nicht zuletzt aufgrund einer notwendigen Prozessorientierung in den deutschen Krankenhäusern unausweichlich. Dies führt auch zu einer Verbesserung der Patientenorientierung, da das Pflegepersonal die Berufsgruppe ist, welche die meiste Zeit direkt beim Patienten verbringt, und durch die Übernahme bestimmter Tätigkeiten die Kontinuität in der Versorgung optimiert werden kann. Es lassen sich zwei Gruppen von Tätigkeiten, die an das Pflegepersonal delegiert werden können, unterscheiden: Tätigkeiten, die keine besondere Weiterbildung des Pflegepersonals erfordern, Tätigkeiten, die eine akademische Weiterbildung erfordern.

Wenn Schwestern Blut abnehmen, spart das fast eine Arztstelle je Station

Beispiele für Tätigkeiten, die keine besondere Weiterbildung erfordern, sind Blutabnahmen, Legen von intravenösen (i.v.-)Zugängen, Verabreichen von i.v.-Medikationen oder das Entfernen von Drainagen. Diese Tätigkeiten werden zumindest theoretisch in der Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger, zur Gesundheits- und Krankenpflegerin gelehrt. Sie erfordern ein „handwerkliches Geschick", welches durch Übung und Erfahrung erlernt werden kann. Bei der Verabreichung von Medikamenten sind fundierte fachliche Kenntnisse über Wirkung und Nebenwirkungen sicherzustellen. Ein Blick in die Praxen niedergelassener Ärzte zeigt, dass Arzthelferinnen Blut abnehmen, ohne dass sich Qualitätsprobleme ergeben. 2006 startete die Uniklinik Münster ein Pilotprojekt auf zwei Stationen. Dort nehmen die Pflegekräfte Blut ab und verabreichen i.v.-Medikationen. Durch diese Umverteilung der Arbeit sparte das ärztliche Personal pro Station täglich insgesamt sieben Stunden und 42 Minuten an Zeit. Durch den Einsatz des „günstigeren" Pflegepersonals für bestimmte Tätigkeiten aus dem ärztlichen Bereich lässt sich also ein erheblicher Kostenvorsprung gegenüber Konkurrenten erzielen.

Neue Berufsfelder dringen in die Aufgaben der Ärzte ein

Delegierbare Tätigkeiten, die eine akademische Weiterbildung erfordern, dringen tief in den originär ärztlichen Bereich ein. Es handelt sich hierbei um neue Tätigkeitsfelder und Berufsbilder, die sich Pflegekräfte durch ein zusätzliches Hochschulstudium erschließen. An der Steinbeis- Hochschule in Berlin wird seit 2005 der Studiengang „Bachelor of Science in Physician Assistance" angeboten. Er richtet sich vor allem an Fachpflegekräfte und OTA, die spezielle, standardisierte Assistenzaufgaben übernehmen sollen. Abbildung 5 zeigt den Aufgabenbereich eines „Physician Assistant", der Tätigkeiten ausführen soll, die bislang von Assistenzärzten durchgeführt werden. „Die Zielsetzung ist deutlich: Steigerung der Effizienz des Personaleinsatzes für operative Basisaufgaben durch die Verringerung der Assistenzleistung ärztlichen Personals."1 Physician Assistants bieten einen Lösungsvorschlag zum effizienten Einsatz der Ressource Arzt. Fraglich sind jedoch die Karrierechancen, die ein solcher Studiengang den Absolventen bietet. Eine akademische Ausbildung ist jedoch die Voraussetzung für die Akzeptanz des neuen Berufsbildes von ärztlicher Seite. Gleichwohl sind Fragen nach der Haftung und der Aufklärung zu beantworten.

Die Aufgaben neu verteilen und die Qualität sichern

Die finanziellen Vorteile einer effizienten Aufgabenverteilung im Krankenhaus sind nicht von der Hand zu weisen. Hier gilt es jedoch, immer wieder zu betonen, dass die Qualität bei der Delegation von Tätigkeiten stets sichergestellt werden muss, etwa mithilfe standardisierter Prozesse. Eine effiziente Aufgabenverteilung setzt finanzielle Mittel frei, die im Sinne des Patienten eingesetzt werden können, zum Beispiel für Investitionen. Vor allem die Schnittstellenproblematiken können durch qualifiziertes Personal etwa in der Überleitungspflege angegangen werden.

Delegation von Tätigkeiten senkt die Personalkosten

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen beruft sich in seinem 2007 erschienenen Gutachten auf eine von der britischen Regierung in Auftrag gegebene Studie, in der beschrieben wird, dass künftig „in der Gesundheitsversorgung 20 Prozent der ärztlichen Arbeit an examinierte Pflegekräfte und 12,5 Prozent der Tätigkeiten von examinierten Pflegekräften an Hilfskräfte übergehen sollten".2 Basierend auf diesen Angaben stellen wir eine Beispielrechnung an und unterstellen, dass sich die Delegation ärztlicher Tätigkeiten im Krankenhaus auf die Arbeit von Assistenzärzten und eventuell Fachärzten bezieht. Des Weiteren werden für die Berechnung folgende Annahmen getroffen: Krankenhaus: 200 Betten beschäftigte Assistenzärzte (VK): 16 beschäftigte Pflegekräfte (VK): 90 beschäftigte Hilfskräfte (VK): 0 Lohnkosten pro VK (inklusive Arbeitgeberanteil) für ärztlichen Dienst: 75 000 Euro pro Jahr Lohnkosten pro VK (inklusive Arbeitgeberanteil) für Pflegedienst: 45 000 Euro pro Jahr Lohnkosten pro VK (inklusive Arbeitgeberanteil) für Hilfspersonal: 30 000 Euro pro Jahr. Die angegebenen Lohnkosten sind als Durchschnittswerte zu verstehen, die je nach Personalstruktur variieren können.

Beim Hilfspersonal ist außerdem zu bedenken, dass in diesem Bereich viele geringfügig Beschäftigte tätig sind, wodurch der Durchschnittsverdienst noch höheren Schwankungen unterliegen kann. In allen Bereichen wird mit einer Wochenarbeitszeit von 40 Stunden kalkuliert. Abbildung 6 fasst die Ergebnisse zusammen. Dank einer effizienten Aufgabenverteilung, die der Qualifikation der jeweiligen Aufgabenträger entspricht, können in einem Krankenhaus mit etwa 200 Betten jährlich gut 250 000 Euro eingespart werden. Unterstellt wurde, dass Krankenhäusern dieser Größenordnung ein Budget von etwa 15 Millionen Euro zur Verfügung steht und die Personalkosten den größten Kostenblock von bis zu 64 Prozent vor allem in diesen kleinen Einheiten bilden.

Anschrift der Verfasser:

Dr. Jochen Baierlein

Markus Ungar-Hermann

Patrick Da-Cruz

Rainer Schommer

Prof. Dr. Dr. h. c. Peter Oberender, Nürnberger Straße 38, 95448 Bayreuth, E-Mail: info@oberender-online.de, www.oberender-online.de

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