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4. Global Ministerial Summit on Patient Safety

Gipfel für Patientensicherheit

Gipfel für Patientensicherheit

  • f&w
  • Politik
  • 29.03.2019

f&w Beilage

Ausgabe 4/2019

Seite 318

Beim Thema Patientensicherheit gibt es weniger ein Erkenntnis-, sondern vielmehr ein Umsetzungs­problem. Die Staatengemeinschaft muss alles dafür tun, diese Lücke zu schließen, berichtet unser Autor vom 4. Global Ministerial Summit on Patient Safety, der am 1. und 2. März 2019 in Jeddah, Saudi-Arabien, tagte.

Die Patientensicherheit im Gesundheitswesen ist in den vergangenen Jahren zu einem ernsthaften globalen Anliegen geworden. Obwohl sich die Gesundheitssysteme von Land zu Land unterscheiden, haben viele Bedrohungen für die Patientensicherheit ähnliche Ursachen und können mit ähnlichen Lösungen angegangen werden. Der Gipfel in Jeddah Anfang März brachte internationale Experten für Patientensicherheit, politische Entscheidungsträger und andere Interessengruppen zusammen, die an der weltweiten Bewegung für mehr Patientensicherheit beteiligt sind, und verstand sich als Fortsetzung der Ministertreffen in London (2016), Bonn (2017) und Tokio (2018, siehe auch f&w 9/2018 „Im Zeichen von Tokio“).

Eingeleitet hatte der Direktor des Saudi Patient Safety Center, Dr. Abdulelah Al Hawsawi, den Kongress mit seiner aufrüttelnden Aussage, dass laut Schätzung der OECD 26 Millionen Menschen pro Jahr in Ländern mit niedrigem und mittlerem Volkseinkommen (LMIC – Low and middle income countries) an den Folgen von Behandlungsfehlern sterben. Dies sei der Grund, dem Summit im Königreich Saudi-Arabien einen entsprechenden thematischen Schwerpunkt zu geben. LMIC tragen zwei Drittel der weltweiten Last der Patientenschädigungen.

Der britische Außenminister Jeremy Hunt erinnerte an den ersten Gipfel, den er 2015 noch in seiner Funktion als Gesundheitsminister gemeinsam mit Hermann Gröhe ausgerichtet hat. Er geht nach wie vor davon aus, dass zehn Prozent aller Patienten im Vereinigten Königreich durch vermeidbare Fehler geschädigt werden. Er skizzierte allerdings auch ein Umdenken in seinem Land, das dadurch erreicht werden konnte, dass durch ein System des Public Reportings im NHS nicht primär schlechte Kliniken angeprangert, sondern Krankenhäuser öffentlich ausgezeichnet werden, die eine außergewöhnlich gute Ergebnisqualität (Excellence) erzielen. Dieses Prädikat motiviere sehr viel stärker als die Sorge, zu den Schlechten zu gehören.

Wissen wird nicht angewendet

Eindrucksvoll war die Rede von Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, dem amtierenden Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Der Äthiopier zeigte auf, wie „Save Care“ Kosten im Gesundheitssystem drastisch senken kann. Defizite der Patientensicherheit sieht er auch heute im fehlenden Wissen (knowledge gap), dem Missachten von Standards und Vorgaben (policy gap), der Nichtanwendung von evidenzbasierten Methoden und Best Practice (design gap) und in der unzureichenden Kommunikation zwischen den Gesundheitsdienstleistern (communication gap). Tedros skizzierte das dritte globale WHO-Projekt zur Patientensicherheit „Medication without Harm“ und kündigte die WHO-App „My five med-safe moments“ an, in Analogie zu den beiden WHO-Initiativen zur „Handhygiene“ und zur „OP-Checkliste“. Im Mai werde die WHO-Gesundheitsvollversammlung den 17. September jeden Jahres nun auch offiziell zum Internationalen Tag der Patientensicherheit deklarieren.

Prof. Dr. Victor Dzau, President of the United States National Academy of Medicine, benannte die Korruption im Gesundheitswesen, insbesondere in vielen Ländern Afrikas, als eine zentrale Herausforderung. Ohne Beseitigung dieses Problems würden zahlreiche Initiativen zur Förderung der Patienten­sicherheit in LMIC scheitern.

Sabine Weiss, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, skizzierte die Chancen der Digitalisierung im Gesundheitswesen für die Patientensicherheit und thematisierte in ihrer Rede auch die Problematik des unbefugten Zugriffs auf sensible Gesundheitsdaten. Nach ihrer Einschätzung setzen die Gesetzesvorlagen in Deutschland für mehr Arzneimitteltherapiesicherheit und der elektronische Medikationsplan Maßstäbe für die Patientensicherheit.

In seinem Vortrag kündigte Pascal Strupler, Direktor des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) der Schweiz, an, dass in Abstimmung mit der WHO der 5. Global Ministerial Summit on Patient Safety am 27. und 28. März 2020 in Montreux stattfinden wird. Hier soll das Thema Digitalisierung eine zentrale Bedeutung bekommen und insbesondere die Erfahrungen mit anderen sicherheitsaffinen Branchen ausgetauscht werden. 

Der Gipfel endete mit der Veröffentlichung der „Jeddah Declaration on Patient Safety“, die an die Erklärung des 4. Global Summit in Tokio anknüpfte (Textkasten).

Die Jeddah Declaration ist ein Aufruf an die Akteure auf allen Ebenen der Gesundheitsversorgung – von der Pflege und Ärzteschaft über das Management bis zur Politik. Sie basiert auf dem zugrunde liegenden Geist, dass die Wirksamkeit der derzeitigen Praktiken ständig evaluiert werden muss und eine gemeinsame Vision für nachhaltige und skalierbare Implementierungsstrategien einer Sicherheitskultur vonnöten ist.

Im Rahmen der Expertentagung zur Erarbeitung der Empfehlungen für die Ministerkonferenz stellte der Autor in der Arbeitsgruppe „Universal Health Coverage & Economics on Patient Safety“ Elemente der Umsetzung von Patientensicherheitsstrategien in Deutschland vor. Mit einem Patientenrechtegesetz, einem künftigen nationalen Gesundheitsziel Patientensicherheit, mit Initiativen der Fachgesellschaften, der konstruktiven Forderungen der Versicherungswirtschaft und insbesondere mit der Operationalisierung internationaler Empfehlungen durch das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) seit 2005 können wir uns international sehen lassen. Wir müssen aber auch zur Kenntnis nehmen, dass wir uns weltweit nur im Mittelfeld befinden.

 

Zusammenfassung der Jeddah Declaration on Patient Safety

  1. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge führen unsichere Medizin und Pflege in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMIC) jedes Jahr zu 134 Millionen unerwünschten Ereignissen. Daher ist es wichtig, Initiativen weltweit zu unterstützen und Patientensicherheit insbesondere in diesen Ländern zu fördern. 
  2. Digital Health kann die Patientensicherheit global unterstützen. Saudi-Arabien schlägt die Einführung einer virtuellen Plattform vor, welche die Zusammenarbeit zwischen Angehörigen der Gesundheitsberufe aus Ländern mit hohem Einkommen und LMICs koordiniert.
  3. Nationale Gesundheitssysteme sollen in noch stärkerem Maße Patienten und ihre Angehörige ermutigen, praktische „Empowerment“-Strategien zu entwickeln. Dadurch lassen sich Gesundheitskompetenz und gemeinschaftliches Engagement stärken.
  4. Um das Verständnis des Ausmaßes unerwünschter Ereignisse (Adverse Events – AE) zu verbessern und eine bessere internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD) zu fördern, wird empfohlen, den ICD-Entwicklungsprozess zu nutzen, um eine internationale Klassifikation von AE zu ergänzen, ICAE. Diese wird dazu beitragen die Taxonomie unerwünschter Ereignisse zu vereinheitlichen. 
  5. Die Implementierung und Aufrechterhaltung nationaler Berichterstattungs- und Lernsysteme für die Patientensicherheit (institutionell, lokal, national und global) ist zu fördern. 
  6. Auch die Sicherheit der Mitarbeiter im Gesundheitssystem ist Treiber für die Patientensicherheit. Die Arbeitsplatzsicherheit ist von zentraler Bedeutung. Daher ist es wichtig, dass die Länder angemessene Personal- und Qualifikationsvorgaben definieren, das Thema Patientensicherheit zum curricularen Gegenstand der medizinischen, pflegerischen und gesundheitswissenschaftlichen Ausbildung machen und innovative Ansätze für die Organisationsentwicklung den Angehörigen der Gesundheitsberufe zukommen lassen. In diesem Zusammenhang kommt der Thematik „Second Victim“ eine zentrale Rolle zu. Das zweite Opfer eines Behandlungs- oder Pflegefehlers, der Verursacher oder die Verursacherin, bedürfen der besonderen Fürsorge der Leitung und des Teams in Gesundheitseinrichtungen.
  7. Die nationalen Gesundheitssysteme werden ermutigt von „Best Practices in Safety“ anderer Branchen zu lernen (Luft- und Raumfahrt, Kernkraft, Öl/Gas, Auto). Das Saudi Patient Safety Center ist Initiator einer Kollaborationsplattform, in der Sicherheitsexperten Erfahrungen austauschen und voneinander lernen können.
  8. Die dritte globale Initiative der WHO, „Medication without Harm“, soll Arzneimittelsicherheit weltweit unter Einbeziehung der Patienten verbessern.
  9. Medizinprodukte und „Human Interfaces“ sind entscheidende Faktoren für die Patientensicherheit. Es sind Strategien zu entwickeln, um Resilienz zu fördern und unerwünschte Ereignisse im Zusammenhang mit der Anwendung medizinischer Geräte zu minimieren. 
  10. Strategien zur Verhinderung von Infektionen (Infection Preven­tion Control – IPC) und antimikrobiellen Resistenzen (AMR) sind zu fördern, wobei insbesondere die Forderung erhoben werden muss, den Zugang zu Antibiotika ohne Rezept in LMIC zu verbieten. 
  11. Interventionen zur Patientensicherheit mit gesicherter Wirksamkeit sind auf nationaler und globaler Ebene voranzu­treiben. Um die Patientensicherheit in den nächsten 20 Jahren nachhaltig zu verändern, ist es unerlässlich, dass sich die Gesundheitssysteme auf Umsetzungsstrategien konzentrieren, um so das genannte „Translation Gap“ zu schließen.

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