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Die Qualität von Ärzten und Kliniken messen zu können, wird immer wichtiger. An Ansätzen und Methoden mangelt es nicht.

Auf der Jagd nach guten Ärzten

Auf der Jagd nach guten Ärzten

  • Politik
  • Qualitätsmanagement
  • 01.06.2008

Qualität messbar zu machen, daran haben immer mehr Akteure im Gesundheitssystem ein Interesse. Ärzte und Kliniken wollen und müssen mit der Qualität ihrer Leistungen werben, Kassen und Kassenärztliche Vereinigungen wollen ihr Geld an der richtigen Stelle ausgeben, und Patienten wollen sich in sicheren Händen wissen. Instrumente zur Qualitätsbemessung gibt es viele, mit unterschiedlicher Validität.

Der gesamte Gesundheitssektor will sie finden. Die Ausschreibung lautet: Gesucht sind die besten Ärzte Deutschlands. Wer sich bewerben will, muss eine Reihe von Qualitätskriterien erfüllen. So sind Kliniken verpflichtet, alle zwei Jahre einen Qualitätsbericht zu erstellen und ihre Daten jährlich an die Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) zu schicken. Zudem schreibt der Gesetzgeber Krankenhäusern sowie ab 2009 auch niedergelassenen Ärzten vor, ein Qualitätsmanagement (QM) einzuführen und weiterzuentwickeln. Ärzte selbst müssen regelmäßig an Fortbildungen teilnehmen. Indes wird auch der Patient befragt oder auf Online-Portalen um eine Bewertung von Ärzten und Kliniken gebeten. Dennoch: „Qualität kann man nicht verordnen. Man braucht dazu das ‚richtige‘ ärztliche Selbstverständnis!", sagt Uwe Schwenk, Leiter des Programms „Versorgung verbessern, Patienten informieren" der Bertelsmann Stiftung. „Im Mittelpunkt sollte immer die Versorgung stehen, nicht die Kontrolle." Die Grenzen der Qualitätsmessung sieht Schwenk im finanziellen und bürokratischen Aufwand: „Nicht alles, was prinzipiell methodisch möglich ist, sollte auch gemacht werden."

Und ein weiterer Aspekt müsse berücksichtigt werden: „Qualitätssicherung, öffentliche Qualitätsberichterstattung oder Pay for Performance (p4p) verfolgen nicht nur unterschiedliche Zielsetzungen, sie bergen auch das Risiko der Fehlanreize." So könnten die Leistungserbringer nur noch auf das achten, was gefordert oder honoriert werde. Keinesfalls dürften die verschiedenen Konzepte in der Umsetzung arglos miteinander vermischt werden. „Die Herausforderung ist, die richtige Balance zwischen angemessenem Vertrauen auf die ärztliche Ethik und der berechtigten Forderung nach Rechenschaftslegung zu finden", sagt Schwenk.

Mit einem klaren Ziel ist im September 2008 die „Initiative Qualitätsmedizin" (IQM) gestartet. Sieben Klinikträger setzen auf Transparenz von Behandlungsergebnissen und einen offensiven Umgang mit Fehlern in der Medizin. „Denn für Patienten zählt am Ende die Frage: Ist das nun ein gutes oder weniger gutes Krankenhaus", sagt Dr. Francesco De Meo, Vorsitzender der Geschäftsführung (CEO) der Helios Kliniken GmbH – eine der Initiatoren der Initiative. Deren Mitglieder verpflichten sich, in ihren Kliniken drei Grundsätze anzuwenden: Qualitätsmessung mit Routinedaten (Abrechnungsdaten), Veröffentlichung der Ergebnisse auf einer trägerübergreifenden Plattform und „Peer-Review-Verfahren". „Auf Grundlage validierter Daten gibt die Plattform Auskunft über die Behandlungsqualität in Krankenhäusern für Patienten, Ärzte sowie Kostenträger – und als Beitrag Evidenz-basierter Versorgungsforschung", sagt De Meo. 

Das Geld soll der Leistung folgen

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) versucht indes seit 2006 mit dem Projekt „Aquik – Ambulante Qualitätsindikatoren und Kennzahlen" die Qualität von Ärzten messbar zu machen. Pressesprecher Dr. Roland Stahl sagt: „Wir wollen damit eine Lücke schließen. Die Struktur- und Prozessqualität können wir schon sehr gut messen. Mit Aquik wollen wir auch die Ergebnisqualität messbar machen." Gemeinsam mit Fachgesellschaften und Wissenschaftlern hat die KBV Indikatoren entwickelt, die optimale Behandlungsabläufe beschreiben sollen. „Ein Patient ist keine Schablone, sondern ein Individuum", sagt Stahl. „Deshalb messen wir, ob die Behandlung medizinisch ‚state of the art‘ ist." Ärzte, die die geforderten Behandlungsabläufe befolgen, gelten demnach als hochqualifiziert. In 100 Arztpraxen werden die Indikatoren derzeit auf ihre Praxistauglichkeit getestet.

Der BKK-Landesverband Bayern beschreitet nach eigener Aussage als erster einen neuen Weg: Gute Ärzte sollen ein höheres Honorar bekommen. „Das Geld soll der Leistung folgen, daran arbeiten wir seit Jahren", sagt Manuela Osterloh, Pressesprecherin des BKK-Landesverbandes Bayern. Zum Juli dieses Jahres wurde die Umverteilung in einem Modellprojekt realisiert: Ein Vertrag zwischen BKK-Landesverband und der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bayern legt die Vergütung der Fachärzte mit einem leistungsorientierten Anteil fest. Als Qualitätskriterien dienen unter anderem absolvierte Fortbildungen und die technische Ausstattung der Praxis. „Die qualitätsorientierte Vergütung bei Fachärzten soll eine Leistungssteuerung sein. Wer beispielsweise mit veralteten Geräten arbeitet, soll die entsprechende Leistung möglichst nicht anbieten beziehungsweise lieber freiwillig an einen Kollegen verweisen, weil es sich fürihn weniger rechnet", sagt Osterloh. Bei Sonografie-Geräten stellt die KV Bayern beispielsweise Mindestanforderungen an die Bildauflösung des Geräts. Denn schlecht aufgelöste Bilder können eher zu Fehldiagnosen und kostenintensiven Nachfolgeuntersuchungen führen. Rund 40 Prozent der Fachärzte in Bayern kommen für die Qualitätsinitiative in Frage. Der Vertrag umfasst ein Honorarvolumen von rund 100 Millionen Euro, von dem ein Teil qualitätsabhängig ausgeschüttet wird. Das Gesamtbudget der KV-Vergütung bleibt davon unberührt.

Die Vermarktung kommt auch den Ärzten zugute

Als erster privater Krankenversicherer will die Deutsche Krankenversicherung (DKV) ein Netz von Partnerärzten aufbauen und so die besten Mediziner an sich binden. Bis Ende 2008 plant die Versicherung in 15 Städten rund 300 Fachärzte aus sieben Fachrichtungen wie Dermatologie, Innere Medizin und Frauenheilkunde zu gewinnen. Die Vorteile für die Mediziner: die bevorzugte Vermarktung als Arzt von „besonders hoher, geprüfter Qualität". „Sie stehen mit allen Praxisdetails auf der Empfehlungsliste der DKV und werden bei Anfragen am Beratungstelefon genannt", sagt Christian Heinrich, Pressesprecher der Ergo Versicherungsgruppe, zu der auch die DKV gehört. Die Aussicht auf zusätzliche neue Privatpatienten soll die Ärzte in das Netz locken.

Dafür müssen sie jedoch bestimmte Qualitäts- und Servicekriterien erfüllen: „Jährlich müssen sie anonymisierte Daten zur Qualitätssicherung an die Verwaltung des Netzes senden sowie akzeptieren, dass ihre Patienten zu deren Zufriedenheit befragt werden", sagt Heinrich. Versicherte sollen dann von einem verbesserten Service profitieren: mit schneller Terminvergabe innerhalb von maximal zwei Tagen und Wartezeiten nicht länger als 30 Minuten. „Durch solche Ärztenetze verzichten Patienten auf die freie Arztwahl, bekommendafür aber auch Qualität zugesichert", stellt der Gesundheitsökonom Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Oberender aus Bayreuth fest. „Grundsätzlich ist es für Ärzte schwierig, mit ihrer Qualität zu werben. Das Heilmittelwerbegesetz (HWG) macht ihnen oftmals einen Strich durch die Rechnung." Auf der anderen Seite dürfen sich Patienten nicht täuschen lassen: „So ist QM ein Zeichen für die organisatorische Bewusstheit einer Praxis, gibt aber keine Gewähr für die ärztliche Güte", sagt Oberender.

Um den Patienten einen Anhaltspunkt für die Qualität eines Arztes zu liefern, plant die KBV das „Deutsche Qualitätssiegel". Es soll in den nächsten Jahren eingeführt werden und qualitativ hochwertige Ärzte auszeichnen. Patienten wüssten dann, bei welchem Arzt sie gewisse Standards erwarten können. „Das Siegel ist für die Breite angelegt", sagt Stahl. „Wir machen keine Rankings wie der ‚Focus‘." Das Nachrichtenmagazin arbeitet bereits seit 15 Jahren an seinen Ärztelisten. Doch lange schon haben diese keine Monopolstellung mehr. Auch andere Zeitschriften und lokale Zeitungen haben sich auf die Suche nach guten Ärzten und Krankenhäusern begeben. So etwa „Der Tagesspiegel" mit seinem Klinik-Führer Berlin. „Wir machen bewusst kein Ranking", sagte Chefredakteur Lorenz Maroldt auf dem Kommunikationskongress der Gesundheitswirtschaft im Oktober in Hamburg, „denn die perfekte Klinik gibt es nicht, da die Bedürfnisse der Patienten immer unterschiedlich sind".

Die Patienten suchen und bewerten online

Vermehrt suchen Patienten auch online nach guten Ärzten und Kliniken. Neben Verzeichnissen sind Arzt-Bewertungsportale wie Topmedic.de, Imedo.de oder für Kliniken Medmonitor.de eine Anlaufstelle geworden. Hier empfehlen oder kritisieren Patienten anonym ihre Ärzte. „Patienten haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was eine gute Praxis ausmacht", sagt Topmedic-Geschäftsführer Bodo Kröger. „Deshalb unterteilen wir die Bewertung in fünf Kategorien: Organisation und Service, Erscheinungsbild, Personal, Arzt/Ärztin und Weiterempfehlen." Da viele Portale nur vereinzelte Bewertungen vorweisen können, erhalten Patienten kein ausreichend differenziertes Bild. Um die Informationen zu bündeln, hat die gemeinnützige Stiftung Gesundheit in Hamburg deshalb einen Bewertungspool ins Leben gerufen. Unter diesem Dach kooperieren mehrere Portale; alle Empfehlungen und Bewertungen werden gesammelt, und die Portale bedienen sich gleichermaßen aus dem Pool, um den Usern mehr Inhalte zu bieten. Anhand dieser ermittelt die Stiftung außerdem den Faktor „Patientenzufriedenheit". Diesen und andere Basisindikatoren können sich Patienten in der Arzt-Auskunft (www.arzt-auskunft.de) ansehen.

„Arzt-Profil" heißt das neue Projekt. Neben der Patientenzufriedenheit gibt es dort auch den Indikator „Patientenservice" – dazu gehört eine Vielzahl praktischer Faktoren wie etwa der Zugang für Rollstuhlfahrer, die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Parkplätze und dergleichen mehr. Der Indikator „Qualitätsmanagement" zeigt an, ob eine Praxis QM vorbereitet, gerade einführt oder schon zertifiziert hat. Und erstmals bildet ein Portal die medizinische Reputation ab: Die Stiftung Gesundheit befragt dazu zyklisch Ärzte in ganz Deutschland, zu welchem ihrer Kollegen sie selbst im Bedarfsfall gehen würden. Daraus ergibt sich die medizinische Reputation – der fachliche Ruf unter den Kollegen. Weitere Faktoren wie die Wahl für Leitungsfunktionen in Fachgesellschaften fließen dort mit ein.

„Alle wollen wissen, wer die guten Ärzte sind: die Patienten, die Krankenkassen und natürlich auch die Ärzte selbst", sagt Dr. Peter Müller, Vorstand der Stiftung Gesundheit. „Aber Güte ist nicht so einfach in Zahlen oder Sternchen darzustellen. Mit dem Arzt-Profil versuchen wir, uns diesem Vorhaben auf seriösem Weg zu nähern." Die vier Indikatoren setzen sich aus vielen Einzelinformationen zusammen. Sie werden gebündelt, damit es für die Patienten übersichtlich bleibt. „Auch das Arzt-Profil kann immer nur eine Hilfestellung sein", erklärt Müller. „Das entscheidende Kriterium für Patienten bleibt: Habe ich Vertrauen zu meinem Arzt?"

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