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Unsere Nachbarn machen es uns vor

Die Gesundheitswirtschaft braucht eHealth

Die Gesundheitswirtschaft braucht eHealth

  • Innovation
  • Medica
  • 01.06.2008

Eine der größten Herausforderungen der deutschen Gesundheitswirtschaft dürfte die Versorgung der immer älter werdenden Bevölkerung sein. Damit einher geht eine Zunahme chronischer Erkrankungen. Eine Fortschreibung der heutigen Hospitalisierungsraten würde die Gesellschaft nicht verkraften. Ziel muss es sein, die älteren Menschen sicher und so lange wie möglich in ihren Wohnungen zu versorgen. Dazu bedarf es neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Das vernetzte Gesundheitswesen (eHealth) steht in Dänemark, Finnland, aber auch Schweden ganz oben auf der Agenda. Nutzen wir die Medica, um Lösungen zu diskutieren und voneinander zu lernen.

Die Handlungsfelder

eHealth beschäftigt sich mit mehreren Handlungsfeldern, die es alle Schritt für Schritt abzudecken gilt:
- eAdministration (Verwaltung von Gesundheitsdaten) 
- eSurveillance (medizinische Dokumentation, zum Beispiel die zentrale Lösung der Elektronischen Patientenakte)
- eCare (medizinische Fernbetreuung)
- eLearning (Schulung, Aufklärung, Bildung).

Es fällt nicht schwer, diese Handlungsfelder mit der Herausforderung der kontinuierlichen Betreuung chronisch Kranker in Verbindung zu bringen. Da an der Versorgung dieser Patientengruppe mehrere Dienstleister – bis hin zum Gesundheitstourismus – beteiligt sind, stellt die Patientenaktedie Informationsdrehscheibe der Diagnostik und Therapie dar. Der Einsatz im Feld „eCare" bedeutet beispielsweise, dass der Patient seine Messung zu Hause selbst vornimmt. Positive Erfahrungen liegen bereits bei koronarer Herzinsuffizienz vor – hierzu wird im Rahmen der Medica Media ein Projekt der Charité Berlin vorgestellt werden. Analoge Anwendungen bei Atemwegserkrankungen, bei Diabetes mellitus Typ II und Krebserkrankungen sind einsatzbereit. Dem Patienten werden (zum Teil unnötige) Wege zum Arzt oder ins Krankenhaus erspart, und seinem Sicherheitsbedürfnis wird entsprochen.
eLearning kann sowohl für die Schulung und Aufklärung von Patienten als auch für die Qualifizierung der Beschäftigten der Anbieter eingesetzt werden. Anbieter sollten die sich verändernde Demografie nicht als Fluch, sondern als Chance verstehen, als Chance zum Aufbau neuer Dienstleistungen und Geschäftsfelder.

Die Technologien sind vorhanden

Alle wichtigen Basistechnologien für die Umsetzung der Handlungsfelder gibt es bereits:
- Informationstechnologien zum Beispiel für Portallösungen, für D2P- und D2D-Applikationen
- Monitoring-Technologien
- Ambient Assisted Living-Technologien.

Hinter den letztgenannten Technologien verstecken sich Begriffe wie Smart Homes oder Body Area Networks. Smart Homes-Anwendungen eignen sich für die große und sehr stark wachsende Gruppe der Demenzkranken. Ihre Wohnungen können sicherer gemacht werden, ihnen wird der längere Aufenthalt in diesen ermöglicht und somit ihre Lebensqualität erhalten.

Die Monitoring-Technologien gestatten einen überwachten Austausch von Gesundheitsdaten des Patienten. Die Daten können regelmäßig oder auf Initiative des Patienten (Reduktion von Unsicherheit) hin synchron oder asynchron übertragen werden. Die Übertragungskanäle, beispielsweise das Mobiltelefon, stehen flächendeckend zur Verfügung. Kombiniert mit dem Body Area Network – die drahtlose Kommunikation zwischen am menschenlichen Körper getragenen Komponenten –, können Werte auch unmerkbar für den Patienten oder im Falle einer Gefahrensituation ohne Zutun des Patienten übertragen werden.

Globale eHealth-Strategien der Nachbarländer

Die Informationstechnologie der Zukunft ist keine auf einzelne Unternehmensstandorte ausgerichtete Technologie; das Krankenhausinformationssystem der Gegenwart ist ein Auslaufmodell. Durch Vernetzung soll unser Gesundheitswesen genesen, was ohne eHealth nicht möglich sein wird.
Dies haben auch unsere Nachbarn erkannt: Dänemark, Finnland, Litauen, Polen und Schweden haben in den vergangenen Monaten globale eHealth-Strategien entwickelt oder fortgeschrieben. In jedem Falle ist die Elektronische Patientenakte eine Kernapplikation. Dass auch der Patient – der Kunde – in diesen Konzepten eine wichtige Rolle spielt, zeigt das Beispiel Dänemark. Hier dient die Plattform www.sundhed.dk als Informationsdrehscheibe und bildet auch die Funktionen D2P und D2D ab (auch bei Medica Media zu sehen).

Der abschätzige Hinweis auf die andere Struktur des dänischen Gesundheitswesens sollte uns nicht als „Ausrede" dafür dienen, dass Deutschland bisher im Bereich „eHealth" wahrlich „keine Bäume ausgerissen" hat. Haben wir eine eHealth-Strategie in Deutschland? Die eCard kann es wohl nicht sein, oder?

Die Fachhochschule Flensburg hat in den vergangenen Monaten konkrete Erfahrungen in internationalen Projekten sammeln können. Sie ist Teil des eHealth for Regions Networks (eH4R), das unter anderem aus Regionen der genannten Länder besteht. Eine der aktuellen Applikationen befasst sich mit dem Einsatz von Telemedizin bei der Behandlung von Brustkrebs. Ein virtuelles Brustzentrum wird künftig bei nicht eindeutigen Befunden die Experten zusammenbringen und somit die Behandlungsqualität erhöhen. Ein solches Expertennetz ist weltweit denkbar. Die Telemedizin ermöglicht auch bei sehr seltenen Erkrankungen eine optimale Versorgung. In Krankenhauskonzernen ergeben sich Chancen, die Arbeitsteilung – und damit die Personalkosten – intelligent auf die einzelnen Standorte zu verteilen. Auch an dieser Stelle können sich neue Geschäftsmodelle ergeben.

Wird die Entwicklung auch in Deutschland „Fahrt aufnehmen"?

Wer hat ein Interesse an vermehrtem Einsatz von eHealth-Applikationen, wer wird Treiber sein? Nicht nur die Studie der Fachhochschule Flensburg und Gemini-Executive Search (eHealth in Deutschland 2006 – 2015, erschienen Juni 2007) machen deutlich, dass es mehrere Treiber geben wird:
- die Leistungsanbieter
- die Kostenträger
- die Bürger.

Die Vernetzung mittels Technologie verbessert die (sektorübergreifende) Kommunikation; Diagnostik und Therapie erreichen eine höhere Qualität, Kosten werden eingespart. Letztlich können neue Dienstleistungen geschnürt werden – auch neben dem Budget.
Kostenträger werden Ausgaben reduzieren können. Monitoring-Systeme werden Hospitalisierungen vermeiden helfen. Das System wird transparenter, es stehen umfassende Daten für die Steuerung des Versicherten zur Verfügung. Auch bieten Portale, eLearning-Angebote oder bürgermoderierte Gesundheitsakten Differenzierungspotenzial, was gerade in Zeiten des Gesundheitsfonds wettbewerbsrelevant werden könnte.

Der Bürger wird nach solchen Lösungen verlangen. Der Begriff „Patient Empowerment" umfasst einen Rollenwechsel im Gesundheitssystem. Der informierte Patient ist Partner beispielsweise des Arztes. Er wird seine Gesundheitsdaten selbst verwalten, zusätzliche Daten erfassen und diese dem Professional zur Verfügung stellen wollen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Patienten, sofern sie über die Möglichkeiten des eHealth (insbesondere eCare) Informationen erhalten, diese auch – gegebenenfalls „auf eigene Rechnung" – anfordern werden.

Die Entwicklung wird rasch voranschreiten

Die gleichgerichteten Interessen der wesentlichen Beteiligten im deutschen Gesundheitswesen machen es sehr wahrscheinlich, dass die Entwicklung in den kommenden Jahren an Geschwindigkeit zunehmen wird. Telemedizinische Leistungen werden zu Regelleistungen werden müssen. Auch die Medica wird zunehmend eHealth-Applikationen aufnehmen und somit neue Aussteller anziehen.
Dass eHealth unter Kosten-Nutzen-Aspekten höchst interessant sein kann, zeigt eine Studie aus dem Jahr 2006 (eHealth is Worth it – The economic benefits of implemented eHealth solutions at ten European sites, eHealth Impact 2006), in der zehn europäische eHealth-Projekte ökonomisch evaluiert wurden. Alle Projekte erreichten einen Netto-Gewinn, der sich durchschnittlich nach vier bis fünf Jahren einstellte. Interessant ist die „Gewinnverteilung":
- 52 Prozent für die Leistungserbringer
- 43 Prozent für die Bürger und nur
- fünf Prozent für die Kostenträger.

Weitere Studien werden sicher folgen müssen. Nun mag Skeptiker die Anzahl von zehn Projekten noch nicht überzeugen, aber bemerkenswert ist es schon, oder?

Prof. Dr. Roland Trill
Fachhochschule Flensburg
University of Applied Sciences
Fachgebiet Krankenhausmanagement & eHealth
Kanzleistraße 91–93
24943 Flensburg

Autor

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