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Modelle für pflegende Angehörige

Zeit für Reha

Zeit für Reha

  • Rehabilitation
  • Forum Rehabilitation
  • 01.07.2014

Die adäquate Versorgung eines Pflegebedürftigen während eines stationären Reha-Aufenthalts seines Angehörigen gilt als wichtige Voraussetzung für Inanspruchnahme und Erfolg von Reha-Maßnahmen. Zielgruppenspezifische Angebote zur Aufrechterhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit von pflegenden Angehörigen sind notwendig. Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit hat das BQS-Institut für Qualität und Patientensicherheit das Fachgutachten „Vom Bedarf zur Reha" erstellt.

Mit dem demografischen Wandel ist auch die Zahl pflegebedürftiger Menschen deutlich gewachsen – zwischen 2002 und 2012 um 27 Prozent. Ein weiterer Anstieg wird prognostiziert. Die Versorgung von Pflegebedürftigen in Deutschland liegt maßgeblich in familiären Händen. Zwei Drittel der aktuell 2,5 Millionen Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, davon fast die Hälfte (47 Prozent) ausschließlich von Angehörigen, die zum Teil erheblichen psychischen und körperlichen Belastungen ausgesetzt sind. Bei der Inanspruchnahme medizinischer Vorsorge- und Rehabilitationsmaßnahmen ist immer die Frage zentral, wie der Pflegebedürftige während dieser Zeit adäquat versorgt werden kann. Das Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz (PNG) hat seit 2012 Möglichkeiten geschaffen, pflegende Angehörige bei der Bewilligung von stationären Vorsorge- und Rehabilitationsleistungen besonders zu berücksichtigen und die zeitgleiche Mitversorgung von Pflegebedürftigen in Reha-Einrichtungen zu gewährleisten (§40 SGB V und §23 SGB V – allerdings ohne Rechtsanspruch).

Das BQS-Gutachten erfasst unter anderem, inwieweit die Reha-Einrichtungen die Vorgaben des PNG bereits umsetzen. Ausgehend von den Belastungen und den daraus abgeleiteten spezifischen Bedarfen und Bedürfnissen pflegender Angehöriger liegt damit eine systematische, deutschlandweite Bestandsaufnahme von stationären Reha- und Vorsorgemaßnahmen vor, die sowohl inhaltlich als auch organisatorisch der spezifischen Situation pflegender Angehöriger Rechnung tragen. Für die Untersuchung kamen mehrere Methoden zum Einsatz: eine nationale wie internationale Literatur- und Internetrecherche zum Thema, eine E-Mail-Befragung annähernd aller stationärer Reha-Kliniken in Deutschland sowie halbstrukturierte Experteninterviews. Befragt wurden 31 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Betroffene und deren Vertreter sowie Kostenträger, Verbände, Fach- und Beratungsstellen.

Gute Voraussetzungen in den Reha-Kliniken

Die Recherche ergab, dass aktuell 31 Reha-Kliniken spezifische Maßnahmen für pflegende Angehörige anbieten (Stand 2013). Dabei handelt es sich entweder um einzelne, auf diese Zielgruppe zugeschnittene Bausteine oder um Gesamtkonzepte.

Die konzeptionelle Herangehensweise unterscheidet sich je nach Indikationsbereich und den sonstigen Voraussetzungen in der jeweiligen Einrichtung. Die meisten Anbieter nehmen pflegende Angehörige in Gruppen zu bestimmten Zeitpunkten auf, um einen Austausch unter den Betroffenen zu ermöglichen und speziell an deren Bedürfnissen angepasste Beratungsleistungen zusammenstellen zu können (unter anderem Informationen zu Krankheitsbildern, organisatorischen und formalen Aspekten, Entlastungsmöglichkeiten).

Einige Kliniken bieten die Betreuung des Pflegebedürftigen im selben Zimmer mit dem pflegenden Angehörigen an (meist sind dies geriatrische Einrichtungen), andere haben eine eigene Kurzzeitpflege im Haus oder kooperieren mit entsprechenden Einrichtungen vor Ort. In vielen Reha-Kliniken war die Tatsache nicht bekannt, dass die Mitbetreuung des Pflegebedürftigen nach PNG ausdrücklich auch ohne Vorhalten einer eigenen Kurzzeitpflege nach §42 SGB XI möglich ist. Die Mitversorgung des Pflegebedürftigen in der Einrichtung bietet die Möglichkeit, dessen Angehörigen ganz individuell im Hinblick auf die Anforderungen, die die Pflege an ihn stellt, zu schulen und zu beraten.

Die meisten Pflegenden sind Frauen und haben oft auch Kinder. Daher bietet das Müttergenesungswerk in allen Einrichtungen, die reine Mütterkuren (ohne Kinder) durchführen, sowie in einigen Mutter-Kind-Einrichtungen Vorsorgemaßnahmen an, die speziell auf pflegende Frauen ausgerichtet sind. Dabei wird besonders auf deren Doppel- oder Dreifachbelastung eingegangen. Die Mitbetreuung von Pflegebedürftigen gehört nicht zum Konzept, außer wenn es sich um behinderte Kinder handelt. Eine Satzungsänderung des Stiftungszwecks ermöglicht es den Einrichtungen des Müttergenesungswerks seit 2013, auch pflegende Angehörige aufzunehmen, die keine Mütter sind.

Insgesamt ist positiv festzuhalten, dass die spezielle Arbeitsweise der Reha-Einrichtungen sehr gute strukturelle Voraussetzungen dafür bietet, das Angebot den Bedürfnissen pflegender Angehöriger anzupassen. Der Implementierungsaufwand dürfte also in den meisten Fällen gering sein. Viele der regelhaft vorhandenen Elemente wie psychosoziale Betreuung, die Durchführung von Schulungsmaßnahmen, die kontextfaktoren- und ressourcenorientierte Vorgehensweise oder das Erlernen von Entspannungsmethoden lassen sich optimal auf diese Zielgruppe ausrichten. Deren Rehabilitation muss also nicht komplett neu erfunden werden. Die wichtigste und wahrscheinlich schwierigste Herausforderung besteht darin, die Betreuung des Pflegebedürftigen zu organisieren.

Zugangsbarrieren beseitigen, um Daten zu erhalten

Damit bedarfsgerechte Rehabilitationsmaßnahmen für Pflegende angeboten und durchgeführt werden können, muss allerdings diese Personengruppe sowohl bei den Kostenträgern als auch in der Einrichtung überhaupt erst identifiziert werden. Angaben zum Status „pflegender Angehöriger" werden aktuell nicht einheitlich in den Antragsformularen der Kostenträger abgefragt. Auch in den Einrichtungen liegt diese Information nicht routinemäßig im Vorfeld der Reha vor, sondern wird häufig erst während des Aufenthalts im Rahmen der Sozialanamnese erfasst. Somit existieren keine offiziellen Zahlen zur Anzahl der von pflegenden Angehörigen gestellten Anträge. Die Kenntnis der Kostenträger über die spezifischen Angebote (inklusive Mitunterbringung des Pflegebedürftigen) variiert stark. Im Rahmen der Recherche zum Gutachten stellte sich heraus, dass einige Krankenkassen über entsprechende Listen verfügen, andere müssen erst anfragen und entscheiden im Einzelfall. Manche Kostenträger gaben die Auskunft, Reha-Anträge von pflegenden Angehörigen würden ihnen nicht vorliegen. Die Datenbasis für die passgenaue Zuweisung pflegender Angehöriger erscheint somit nicht ausreichend. Dies betrifft sowohl Reha-Maßnahmen oder Vorsorgeleistungen wegen chronischer Überlastung als auch die notwendige Rehabilitation nach einem Akutereignis wie etwa Herzinfarkt oder Unfall. Die fehlende Zuweisung hatte nach Auskunft einiger Einrichtungen bereits zur Folge, dass spezifische Angebote eingestellt wurden.

Auch der Prozess der Antragstellung selbst birgt Hindernisse. Hier ist der hohe bürokratische Aufwand der Formalitäten zu nennen, der gleich doppelt anfällt, nämlich für den pflegenden Angehörigen selbst und die Versorgung des Pflegebedürftigen und koordiniert werden muss. An vielen Stellen herrscht trotz klarer gesetzlicher Regelungen Verwirrung bezüglich der Zuständigkeit der Kostenträger DRV und GKV. Auch Beratungsstellen können hier oft keine klare Auskunft geben, obwohl sie ausdrücklich den Pflegebedürftigen und seinen Angehörigen unterstützen sollen (verpflichtende Pflegeberatung nach §37 SGB XI, die Beratung von Pflegestützpunkten oder Pflegekassen nach §7a SGB XI sowie die Beratung durch die gemeinsamen Servicestellen der Kostenträger für Rehabilitation nach §23 SGB IX). Jedoch lassen beträchtliche regionale Unterschiede in Inhalt und Kompetenz den Schluss zu, dass übergreifende Maßnahmen für eine qualifizierte, flächendeckende Beratung von Nöten sind. Die Fachexpertise von Pflege, Sozialarbeit, Psychologie und Versicherungswirtschaft sollte lokal zu einem niedrigschwelligen Angebot zusammengebracht werden, wie es auch der aktuelle Koalitionsvertrag fordert.

Prozesse verzahnen und alle Beteiligten vernetzen

Die in der Literatur und von Experten und Betroffenen beschriebenen Belastungen pflegender Angehöriger lassen einen weitaus höheren und künftig weiter steigenden Bedarf an stationären Vorsorge- und Reha-Leistungen vermuten als durch die aktuell lückenhaft dokumentierte Antragstellung und Inanspruchnahme durch pflegende Angehörige deutlich wird. Die bereits vorhandenen Strukturen in den Kliniken bieten gute Voraussetzungen zur Schaffung zielgruppenspezifischer Angebote. Das Hauptproblem besteht aktuell darin, dass die Rehabilitanden sich im Vorfeld der Reha hohen Zugangsbarrieren gegenüber sehen, die durch die notwendige zeitgleiche Versorgung des Pflegebedürftigen noch höher werden. Die fehlende routinemäßige Erfassung des Kontextfaktors „Pflege eines Angehörigen" führt darüber hinaus dazu, dass die Betroffenen oft nicht oder zu spät in ihren spezifischen Bedürfnissen wahrgenommen werden und nicht die passende Maßnahme erhalten. Da die pflegenden Angehörigen nicht in den Einrichtungen ankommen, werden keine neuen Angebote geschaffen oder bestehende wegen zu geringer Zuweisung wieder eingestellt. Um hier eine nachhaltige Verbesserung zu erreichen, ist die Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure – Kostenträger, Leistungserbringer, pflegender Angehöriger – unabdingbar. Eine Verzahnung der verschiedenen Prozesse – ausgehend von der Information und Beratung über die Antragstellung bis hin zur Rehabilitation und Nachsorge ist zwingend notwendig, damit die Reha-Leistung auch da ankommt, wo sie benötigt wird.

Konkrete Handlungsoptionen:

  • Vereinheitlichung und Zusammenführung von Beratungsleistungen zu Rehabilitations- und Vorsorgeleistungen für pflegende Angehörige auf lokaler und regionaler Ebene,
  • Entbürokratisierung der Antragstellung,
  • verstärkte Information aller beteiligten Akteure über spezifische Angebote,
  • systematische Identifikation von pflegenden Angehörigen als Antragsteller von Reha-Leistungen durch Anpassung der Antragsformulare, sodass konkrete Bedarfszahlen vorliegen,
  • Erfassung der Angebote in den Einrichtungen und Sicherstellung einer bedarfsgerechten Zuweisung durch die Kostenträger.

Die bedarfsgerechte Rehabilitation pflegender Angehöriger wird künftig an Bedeutung gewinnen, wenn die Fähigkeit und Bereitschaft der Angehörigen zur Pflege sowie deren Gesundheit erhalten bleiben sollen. Umso wichtiger ist es, die Diskussion und den Austausch zum Thema voranzubringen und die Akteure zu vernetzen.

 

Literatur bei den Verfasserinnen.

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