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Was hab ich?

Endlich verständlich

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  • 24.06.2019

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Ausgabe 7/2019

Seite 626

Das Projekt „Was hab’ ich?“ hat über drei Jahre 2.500 Patientenbriefe erstellt und deren Wirkung evaluiert. Die jüngst veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass der Patientenbrief wirkt: Die Patienten verstehen ihre Erkrankungen und Behandlung besser. Davon profitiert auch das Krankenhaus. 

Im Krankenhaus werden Patienten oft tage- oder wochenlang professionell betreut. Doch nach ihrer Entlassung fühlen sich viele allein gelassen. Das Entlassgespräch findet häufig unter Zeitdruck statt, viele Informationen werden nicht verstanden oder schnell wieder vergessen. Der Entlassbrief für den weiterbehandelnden Arzt ist in medizinischer Fachsprache verfasst. Dennoch beschäftigen sich Patienten und Angehörige intensiv mit diesem Brief, denn sie wollen ihre Erkrankungen verstehen und selbstverantwortlich informierte Gesundheitsentscheidungen treffen. Dazu benötigen sie aber keinen Arztbrief, sondern einen Patientenbrief.

Ein Patientenbrief enthält leicht verständliche, individuelle und schriftliche Gesundheitsinformationen. Er ermöglicht dem Patienten, bessere Gespräche mit dem weiterbehandelnden Arzt zu führen, die richtigen Fragen zu stellen und besser informierte Entscheidungen zu treffen. So kann der Patientenbrief die Therapietreue sowie die Gesundheitskompetenz erhöhen und damit auch die Gesundheit des Patienten nachhaltig stärken.

Die Patientenrolle hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt – Patienten möchten sich zunehmend an Entscheidungen beteiligen und zu Experten ihrer eigenen Gesundheit werden. Studien belegen, dass weniger als ein Viertel aller Patienten Entscheidungen zu ihrer Gesundheit allein dem Arzt überlassen möchte. Gute Entscheidungen kann nur treffen, wer über ausreichend Informationen verfügt.

Der Umgang mit Gesundheitsinformationen stellt für mehr als die Hälfte aller Deutschen ein Problem dar. Im Rahmen einer Studie von Doris Schaeffer gab fast die Hälfte der Befragten an, schon mindestens einmal Informationen und Anweisungen zur Therapie von Ärzten (42 Prozent vom Hausarzt und 48 Prozent vom Fachspezialisten) nicht verstanden zu haben. Ein Problem mit gravierenden Folgen: Denn eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz wirkt sich negativ auf den Gesundheitszustand und das -verhalten, aber auch auf die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen und damit verbundene Kosten aus. Auch aus finanzieller Sicht hat eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz gravierende Folgen: Der volkswirtschaftliche Schaden durch mangelnde Therapietreue wird allein in Deutschland auf zehn Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.

Die „Was hab’ ich?“ gGmbH setzt sich seit 2011 dafür ein, dass Patienten ihre medizinischen Befunde verstehen. Dazu betreibt das Unternehmen eine Plattform, auf der fachsprachliche Befunde von ehrenamtlich tätigen Medizinern in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden. Gleichzeitig entwickelte „Was hab’ ich?“ auch ein Konzept zur einfachen Erstellung laienverständlicher Entlassbriefe. Im Forschungsprojekt „Mehr Gesundheitskompetenz durch Patientenbriefe“ wurde der Einsatz solcher speziell für Patienten erstellter Briefe getestet. Von November 2015 bis April 2018 erhielten Patienten der Abteilung Innere Medizin der Paracelsus-Klinik in Bad Ems im Rahmen der Studie einen Patientenbrief zusätzlich zum ärztlichen Entlassbrief. Je nachdem ob sie der Interventions- oder Kontrollgruppe zugeordnet waren, wurde ihnen vor oder nach Versand des Patientenbriefs ein Fragebogen zugeschickt. 417 beantwortete Fragebögen flossen in die Auswertung ein. 242 Patienten hatten bereits einen Patientenbrief erhalten und gehörten somit zur Interventionsgruppe. Die 175 Patienten der Kontrollgruppe füllten den Fragebogen vor Erhalt des Patientenbriefs aus.

Entlassgespräch

Am Ende jedes Krankenhausaufenthalts sollte ein ausführliches Entlassgespräch zwischen Arzt und Patient sowie gegebenenfalls Angehörigen stattfinden. Darin werden weitere Schritte wie die Fortführung der Therapie oder die Nachsorge besprochen. Der Patient hat dabei außerdem die Chance, insbesondere offene Fragen zum Umgang mit seiner Erkrankung anzusprechen. Doch in der Befragung gab mehr als ein Fünftel (22,1 Prozent) aller Patienten an, kein Entlassgespräch erhalten zu haben. Über die Hälfte der Patienten (56,5 Prozent) hatte nur ein kurzes Gespräch.

Zusammenhänge verstehen

 

Grundlage jeder durchdachten Entscheidung zur persönlichen Gesundheit ist das Verständnis des eigenen Gesundheitszustands. Wer die Resultate von Untersuchungen nachvollziehen kann, erhält zudem die Motivation, mögliche Konsequenzen zu ziehen. 63,8 Prozent der Patienten mit Patientenbrief gaben an, ihre Untersuchungsergebnisse voll und ganz verstanden zu haben. In der Kontrollgruppe gaben das nur 42,3 Prozent an (Abbildung 1).

 

 

Therapietreue

Mangelnde Therapietreue ist im deutschen Gesundheitswesen sowohl ein großes gesundheitliches als auch finanzielles Problem. Ein häufiger Grund dafür, dass Patienten sich nicht an ärztlich verordnete Therapien halten, ist fehlendes Wissen über den Zweck der verordneten Medikamente. Der leicht verständliche Medikamentenplan im Patientenbrief sorgt dafür, dass die Patienten deutlich besser verstehen, aus welchem Grund sie Medikamente zu Hause einnehmen sollen. Nur 15 Prozent der Patienten mit Patientenbrief wussten nicht, weshalb sie ihre Medikamente einnehmen sollten, während dies in der Kontrollgruppe 29 Prozent angaben.

Die inkorrekte Einnahme von Medikamenten ist eines der größten Probleme in der Therapie. Sie verzögert nicht nur die Heilung, sondern kann auch zu Folgeerkrankungen und damit verbunden zu häufigeren Arztbesuchen oder sogar Krankenhausaufenthalten führen. Eine bessere Aufklärung der Patienten zur Einnahme ihrer Medikamente könnte die Therapietreue in dieser Hinsicht deutlich verbessern.

Patienten mit Patientenbrief gaben signifikant häufiger an, voll verständliche Erläuterungen darüber erhalten zu haben, wie sie ihre Medikamente einnehmen müssen – mit 54 Prozent waren das fast 15 Prozent mehr als in der Kontrollgruppe.

Gesundheitskompetenz

Gesundheitskompetente Patienten können Gesundheitsinformationen finden, verstehen, beurteilen und anwenden. Anhand der Fragebögen wurde die selbst eingeschätzte Gesundheitskompetenz der Patienten gemessen. 16,5 Prozent der Befragten verfügten über eine inadäquate und 42,5 Prozent über eine problematische Gesundheitskompetenz. 30 Prozent der Befragten wiesen eine ausreichende und elf Prozent eine exzellente Gesundheitskompetenz auf. Der Gesamtindex Gesundheitskompetenz wurde in Abhängigkeit von Geschlecht, Alter, Bildungsniveau analysiert. Es zeigten sich keine signifikanten Unterschiede in der Gesundheitskompetenz zwischen den beiden Gruppen.

Eindruck der Behandlung

Eine rücksichtsvolle Behandlung durch Ärzte und Pflegepersonal während des Krankenhausaufenthalts sollte selbstverständlich sein. Doch häufig wird fehlende Rücksicht von Patienten bemängelt. Dieser Eindruck hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab: Der Patientenbrief trägt dazu bei, ihn zu verbessern. Die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen sind signifikant. Mehr als zwei Drittel (68,5 Prozent) der Patienten mit Patientenbrief gaben an, immer mit Aufmerksamkeit und Rücksicht behandelt worden zu sein. In der Kontrollgruppe empfanden das nur 57,6 Prozent der Patienten.

Bessere Entlassung

 

Ein gutes Entlassmanagement nach dem Krankenhausaufenthalt ist unabdingbar, damit Patienten sich entsprechend ihres Gesundheitszustands richtig verhalten und eventuell nötige Maßnahmen (Medikamenteneinnahmen, Terminvereinbarungen) umsetzen können. Patienten, die sich bei der Entlassung gut durch das Krankenhaus unterstützt fühlen, sind weniger verunsichert und können nach dem Aufenthalt bewusster mit ihrer Erkrankung umgehen. Der Patientenbrief trägt dazu bei, die vom Patienten empfundene Unterstützung deutlich zu verbessern. 50,4 Prozent der Patienten mit Patientenbrief, doch nur 36,7 Prozent der Kontrollgruppe fühlten sich bei der Entlassung voll und ganz unterstützt (Abbildung 2).

 

 

Weiterempfehlung

Der Patientenbrief beeinflusst, ob Patienten ein Krankenhaus nach ihrer Entlassung weiterempfehlen. Auch hier gab es signifikante Unterschiede zwischen der Interventions- und der Kontrollgruppe. 85,6 Prozent der Patienten mit Patientenbrief gaben an, das Krankenhaus wahrscheinlich oder sicher weiterzuempfehlen. Ohne Patientenbrief war dies nur bei 75,3 Prozent der Patienten der Fall.

Im Rahmen des Projektes zeigten sich auch die beteiligten Krankenhausärzte sowie die einweisenden Ärzte vom Patientenbrief überzeugt. Dieser fördert die Therapiezufriedenheit und Informiertheit der Patienten. Die darauf aufbauenden Arzt-Patienten-Gespräche stellen eine wichtige Grundlage für die partizipative Entscheidungsfindung dar. Gesteigerte Therapietreue durch besseres Verständnis der Therapieziele nutzt dabei nicht nur dem einzelnen Patienten, sondern auch der Gemeinschaft – so können beispielsweise Folgekosten durch Wiedereinweisungen oder Komplikationen vermieden werden.

Automatisierter Patientenbrief

Während die in der vorliegenden Studie untersuchten Patienten­briefe noch manuell durch Ärzte erstellt wurden, arbeitet „Was hab’ ich?“ seit 2017 an einer komplett automatisch erstellbaren Variante des Patientenbriefs. So sollen Patientenbriefe als Standard ins Entlassmanagement integriert werden können. Ziel ist eine massentaugliche und kostengünstige Lösung, die den deutschlandweiten Einsatz eines Patientenbriefs ermöglicht. Diese Variante des Patientenbriefs kann automatisch auf der Basis vorhandener strukturierter Daten wie zum Beispiel ICDund OPS-­Codierungen oder Medikamentenplänen erstellt werden.

Der Brief kann dann direkt in der Klinik gedruckt und zusätzlich zum regulären Entlassbrief ausgegeben werden. Somit werden weder die Ärzte in der Klinik noch externe Ärzte (wie von „Was hab’ ich?“ im evaluierten Pilotprojekt) involviert.

Ab Juni 2019 erhalten Patienten im Herzzentrum Dresden die ersten vollständig automatisch erstellten Patientenbriefe. Das Projekt wird durch den Innovationsfonds der Bundesregierung gefördert und wissenschaftlich evaluiert.

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