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Versorgungsengpässe vermeiden

Arzneimittel ad hoc

Arzneimittel ad hoc

  • Strategie
  • Strategie & Organisation
  • 01.08.2014

Lieferprobleme der Krankenhaus-Apotheke werden zunehmend zur Belastung im Klinikalltag. Die Ausgestaltung des Arzneimittel-Managements ist daher eine drängende Frage. Hierfür hat das Engpassmanagement des Sana Einkaufsverbunds ein tagesaktuelles Informations- und Meldesystem entwickelt. Der Praxisbeitrag stellt dieses Konzept im Kontext der aktuellen Marktentwicklungen vor.

Seit Mitte 2012 hat die Zahl der Lieferengpässe erheblich zugenommen und ist in den Blickwinkel von Politik und medialer Berichterstattung gerückt. Seither diskutieren zahlreiche Fernsehbeiträge und Zeitungsartikel, ob in deutschen Kliniken ein Pillennotstand drohe und schildern Patienten ihre Ängste um ihre Gesundheit. Die Gründe für die Störanfälligkeit des Systems sind vielschichtig: Ein zunehmend globalisierter Markt, Konzentration auf wenige Produktionsstätten, Lieferverzögerungen für Rohstoffe oder auch Marktübernahmen sind einige der Auslöser. Auch wenn die möglichen Ursachen der Versorgungslücken in der Theorie vielfach erkannt und ausführlich beschrieben sind, gibt es in der Klinikpraxis bisher nur wenige Lösungen.

Die weltweite Verknappung der Arzneimittelrohstoffe ist die Konsequenz einer Entwicklung, die bereits vor 20 Jahren ihren Anfang nahm. Der wachsende Kostendruck bewirkte die Verlagerung der Wirkstoffproduktion ins außereuropäische Ausland. Immer häufiger auftretende Unternehmensfusionen verstärkten diesen Effekt. Dabei hat sich der Trend zu großen und vor allem global tätigen Unternehmen noch lange nicht erschöpft. Vor einigen Jahren hatte beispielsweise Pfizer den Arzneimittel hersteller Wyeth Pharma übernommen. Der damalige Kaufpreis lag bei der Rekordsumme von rund 68 Milliarden Dollar.

Inzwischen gehören Übernahmen und Fusionen dieser Größenordnung im Pharmabereich zur Normalität. Vielfach ist der Preisdruck mittlerweile so hoch, dass infolge von Fusionen immer häufiger Arzneimittelsortimente gebündelt und gestrafft werden. Die Produktion unrentabler Sortimente wird eingestellt oder in Märkte verlagert, in denen Pharma-Unternehmen bessere Margen als im heimischen Markt erzielen können. Für Verbraucher wird dieser Konzentrationsprozess in der Reduktion der möglichen Bezugsquellen ihrer Arzneien spürbar. Deutschland ist zwar kein kleiner Absatzmarkt, aber im Weltmaßstab nicht von herausragender Bedeutung.

Dazu kommt: Seit 2007 schließen die gesetzlichen Krankenkassen Rabattverträge mit Produzenten, um die Ausgaben für Arzneimittel zugunsten ihrer Versicherten durch Ausschreibungen zu senken. Diese Praxis verstärkte die Konzentration auf immer weniger Hersteller für das jeweilige Medikament. Den Zuschlag erhalten oft nur wenige und nicht selten sogar nur ein Anbieter des Präparats. Bereits der Ausfall einer einzigen Produktionsanlage, Schwierigkeiten beim Zulieferer oder eine erhöhte Nachfrage können zu den beschriebenen Lieferschwierigkeiten führen. Hinter vielen in Deutschland vertriebenen Arzneimittelmarken steht oft nur noch eine einzige Rohstoffquelle, etwa in China oder in Indien. Versiegt diese, stehen zahlreiche Tablettenpressen gleichzeitig still. Umgekehrt verringert sich für den in Ausschreibungen unterlegenen Konkurrenten zugleich der Marktzugang, weshalb die Produktion dieser Arzneimittel oftmals eingestellt wird.

Politische Aufmerksamkeit ist gefragt

Die Überwindung von Lieferengpässen ist kein Selbstläufer. Gefragt sind eine hohe Aufmerksamkeit der Politik und langfristige Konzepte. Auch wenn sich die politischen Akteure erkennbar bewusst sind, dass es bei Arzneimitteln Lieferengpässe gibt, gestalten sich wirksame Gegenmaßnahmen schwierig. Mit der Etablierung des elektronischen Melderegisters im Jahr 2013 auf der Webseite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) war ein wichtiger Schritt getan – die Zunahme an Lieferengpässen hat dies aber bisher nicht verhindert.

Pharmaunternehmen können in diesem Register sich abzeichnende Engpässe mit einer Dauer von über zwei Wochen melden. Allerdings ist ihre Eintragung freiwillig. Auch ist das Register für verschreibungspflichtige Medikamente zur Behandlung schwerwiegender Erkrankungen angedacht, für die keine Alternativpräparate zur Verfügung stehen. Im Alltag von Klinikapotheken geht der Umfang der Engpässe jedoch deutlich über diese Arzneien hinaus.

Initiiert durch das Gutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen werden derzeit weitergehende gesetzliche Verpflichtungen der Hersteller diskutiert. Im Blickpunkt stehen die Vorratshaltung „klinisch unentbehrlicher Medikamente" sowie Bußgelder bei Lieferengpässen. Und schließlich emp fehlen die Experten die Einführung eines zentralen Risikomanagements mit präventiver Orientierung beim BfArM.

Das Erkennen von Ursachen ist das eine, die Verbesserung der Situation das andere. Lieferengpässe bedeuten für alle Klinik-Apotheken einen erheblichen Mehraufwand und insgesamt höhere Kosten durch teure Ersatz- und Importpräparate sowie entsprechende Personalkosten. Der Sana-Einkaufsverbund hat den Handlungsbedarf erkannt und Mitte 2013 die Arbeitsgruppe „Lieferausfälle" gegründet. Ein Ergebnis dieser klinikübergreifenden Zusammenarbeit war die Etablierung eines datenbankgestützten Informations- und Meldesystems zu Lieferausfällen für rund 60 angeschlossene Klinikapotheken.

Das Prinzip ist einfach: Wird ein Arzneimittel nicht oder verzögert geliefert, melden sowohl die Verbundapotheken als auch die Lieferanten diesen Engpass. Das Pharmateam verhandelt umgehend einen Alternativartikel und versendet tagesaktuelle Informationen über alternative Bezugsquellen an die Apotheken. Diese schnelle Problemlösung erreicht der Einkaufsverbund durch die enge Vernetzung und Einbindung seiner Lieferanten. Darüber hinaus werden die Lieferleistungen der Vertragslieferanten engmaschig beobachtet und entsprechend begleitet. Vereinbarungen mit Lieferanten sollen dazu beitragen, dass Zusatzkosten durch „Ersatz- oder Deckungskäufe" vermieden werden.

Über personalisierte Zugänge erhalten alle Apotheken Zugriff auf die Datenbank. Darin werden sämtliche Informationen zu Lieferausfällen tagesaktuell zur Verfügung gestellt und Veränderungen automatisch über einen Link per E-Mail kommuniziert. Die Datenbank gestattet den Nutzern eine lieferanten- und produktbezogene Generierung von aussagekräftigen Kennzahlen. Das System wurde im November 2013 in den Testbetrieb genommen und im März 2014 evaluiert. Mehr als 1.500 Zugriffe in diesem Zeitraum bestätigen die hohe Akzeptanz und die Praxistauglichkeit seitens der Apotheken. In der Folgezeit stiegen die Seitenaufrufe auf 2.200. Mithilfe dieses Konzepts wurden in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 165 Lieferengpässe erfasst. Das bedeutet im Schnitt täglich mehr als ein Lieferausfall. Jeder fünfter Vertragslieferant ist davon betroffen. Aktuell umfasst das Informations- und Meldesystem 87 Engpässe, verteilt auf zehn Lieferanten.

Die Auswertung des elektronischen Lieferantenbewertungssystems zeichnet ein ähnliches Bild. Für die Bewertung eines Lieferanten ist die zuverlässige Belieferung eines der Hauptkriterien. Je schlechter ein Lieferant abschneidet, desto weniger wird er bei den Kaufentscheidungen des Einkaufsverbunds berücksichtigt. Im Schnitt wird nahezu täglich eine Reklamation von den Apotheken im System erfasst. Mithilfe der für den Einkaufsverbund bereitgestellten Lieferantenbewertung kann jede einzelne Krankenhausapotheke eine hausindividuelle Bewertung der jeweiligen Lieferantenstruktur des Hauses vornehmen. Auf diesem Weg können die Apotheken neben der Erfassung der Lieferausfälle auch den Vorgaben der Zertifizierungsverfahren Rechnung tragen.

Rahmenbedingungen anpassen

Es gibt eine Reihe von interessanten Ansätzen, die zu einer langfristigen Arzneimittelliefersicherheit beitragen können. Zwei Beispiele seien an dieser Stelle genannt.

  • Open-House-Verträge: Alternativ zu den Rabattverträgen haben einige Kassen erstmals im Jahr 2013 sogenannte Open-House-Verträge veröffentlicht. Dabei können alle Hersteller einem einheitlichen Vertrag zu einem Wirkstoff beitreten und werden als Rabattpartner gelistet. Somit werden Kosten gespart, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden.
  • Ausweitung der Rohstoffquellen: Zulassungen für Arzneimittel sollten von den zuständigen Behörden nur erteilt werden, wenn mindestens zwei Rohstoffquellen in den Zulassungsunterlagen benannt sind. Einige Pharmahersteller beschreiten diesen Weg bei kritischen Produkten zur Risikominimierung bereits freiwillig. Diese Absicherung sollte für alle in Deutschland und Europa zugelassenen Arzneimittel gelten.

 

Die Arzneimittelversorgung in Deutschland gehört zu den besten der Welt. Jeder hat schon einmal erlebt, dass ein wichtiges Medikament binnen Stunden in die Apotheke vor Ort geliefert wurde. Zugleich gibt es viele Ursachen und Gründe für die Entwicklung von Arzneimittel-Engpässen. Bislang hat sich die Liefersituation in den Kliniken aber nicht verbessert. Es zeichnet sich vielmehr ab, dass Lieferausfälle bei Arzneimitteln nicht abnehmen, sondern weiter steigen werden. Das datenbankgestützte Informations- und Meldesystem liefert wichtige Kennzahlen und Hinweise zur Gestaltung dieser Herausforderungen im Rahmen eines Ad-hoc- Managements. Eine Entspannung der Versorgungslage wird aber ohne eine Anpassung der voran skizzierten Rahmenbedingungen langfristig nicht gelingen.

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