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Rehabilitation

Digitalisierung in der Reha: Systembrüche überbrücken

Digitalisierung in der Reha: Systembrüche überbrücken

  • f&w
  • Marktreport
  • 31.07.2017

f&w Beilage

Ausgabe 8/2017

Seite 6

Prof. Dr. Jürgen Zerth

Die Rehabilitation bietet ein breiteres Spektrum an digitalen Anwendungsmöglichkeiten als der akutstationäre Bereich, sagt Gesundheitsökonom Prof. Dr. Jürgen Zerth. Er erwartet, dass sich im Zuge der Digitalisierung auch das Therapeuten-Patienten-Verhältnis neu sortieren wird. Letztlich müssten neue Versorgungsansätze Evidenz und Effektivität beweisen.

Herr Professor Zerth, wie ist es um den Grad der Digitalisierung in der deutschen Rehabilitation bestellt, gerade im Vergleich zu anderen Bereichen des Gesundheitswesens wie den Akutkrankenhäusern oder der Pflege?

Zunächst ist es wichtig, genau zu definieren, was wir einerseits unter Rehabilitation und andererseits unter Digitalisierung verstehen. Wenn wir die Rehabilitations-Definition der Weltgesundheitsorganisation zugrundelegen, so geht es – zumeist anders als beispielsweise in den genannten anderen Gesundheitsbereichen – in erster Linie um die soziale Teilhabe der Betroffenen und somit die Kompetenzerhaltung beziehungsweise -befähigung und nicht nur um die Behandlung eines isolierten Krankheitsbilds. Aufgrund dieser deutlich erweiterten Zielsetzung bietet die Rehabilitation grundsätzlich ein viel breiteres Spektrum von Ansatzpunkten für ganz unterschiedliche Digitalisierungsmodelle als beispielsweise der akutstationäre Bereich.

Digitalisierung & Rehabilitation

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An welche konkreten Beispiele denken Sie, wenn Sie von einem breiteren Spektrum für Digitalisierung sprechen?

Die Rehabilitation baut zum einen in besonderer Weise auf das Patientenselbstmanagement und auf eine aktive Mitarbeit im Behandlungsprozess. Hier nennt die Literatur beispielsweise digitale Ansätze im funktionalen Assessment – die „Selbstvermessung“ –, um den eigenen Fähigkeitenfortschritt zu verfolgen, quasi in Analogie zur Quantified Self-Bewegung. Genauso gehört das Thema digitale Patientenedukation zu diesem Reha-typischen Merkmal der Betroffeneneinbindung. Sehr wichtig ist zudem der Aspekt der Versorgungskontinuität, zum Beispiel beim Übergang vom Akutkrankenhaus in eine Anschlussheilbehandlung oder Reha. Hier können digitale Plattformen helfen, die Weiterversorgung in einer stationären oder ambulanten Reha- wie Pflegeeinrichtung frühzeitig zu planen. Betrachtet man Reha schließlich als eine Form der Tertiärprävention, so könnten Ansätze des digitalen Case Managements in der Nachsorge möglicherweise dort sogar besser funktionieren als in anderen Gesundheits­bereichen.

Wo gibt es Gemeinsamkeiten mit anderen Gesundheitsbereichen im Hinblick auf Digitalisierung?

Sobald es um Remote-Reha-Modelle geht, stehen die Beteiligten vor den gleichen Herausforderungen wie in der klassischen Telemedizin: Dort ist es am Ende entscheidend, die digitale Organisationslösung schlüssig mit einer persönlichen, analogen Dienstleistung zu verbinden. Im Gegensatz zur Telemedizin kommt es bei Reha jedoch mehrheitlich nicht auf eine schnelle Intervention an. Eine Verzögerung der Datenverfügbarkeit oder Leistungserbringung können Patienten wie Therapeuten eher tolerieren. Was die Gemeinsamkeiten mit dem Pflegebereich betrifft: Nicht zuletzt durch die jüngsten Reformen des zweiten und dritten Pflegestärkungsgesetzes nähert sich die Zielsetzung der Reha – die soziale Teilhabe – der Pflege an, was sich auf ähnlich gelagerte Digitalisierungsmöglich­keiten auswirken könnte.

Welche Rolle spielen die Patienten in einer digitaleren Reha-Welt?

Die Reha-Bereitschaft der Patienten zeigt sich – einige Studien fokussieren diese Frage – zum einen in der Einstellungsakzeptanz zu Beginn der Maßnahmen und zum anderen in ihrem dauerhaften Dranbleiben. Die Akzeptanz digitaler Informationslösungen für die Edukation oder das Selbstmanagement steht jedoch immer in einem engen Zusammenhang mit dem persönlichen Eingehen auf den Patienten. Entscheidend ist eine Rückkommunikation des Reha-Outcomes an den Patienten, ein direktes Feedback. Daher verstehen sich digitale Lösungen immer als komplementäres Element, eingebettet in ein Betreuungsgesamtkonzept. Oder, um es wissenschaftlich auf den Punkt zu bringen: Dem Informationskontinuum muss ein Versorgungskontinuum folgen.

Neben den Patienten gilt es, auch die Heilberufe in digitale Reha-Prozesse einzubinden. Mit welchen Veränderungen setzen sich beispielsweise die Ärzte und Therapeuten auseinander?

Zusammengefasst formuliert: Es wird sich die Pivot-Rolle der Heilberufe verändern und damit gewissermaßen das Verständnis der eigenen Selbstwirksamkeit. Die neuen Möglichkeiten des digitalen Patientenselbstmanagements und der Partizipation verlangen eine Überprüfung der bisherigen Organisationsmodelle und Arbeitsteilung zwischen Patient und Therapeut – beispielsweise im Hinblick auf die Behandlungsadhärenz.

„Die ausgeklügeltste digitale Lösung hilft wenig, wenn das analoge Umfeld aus Patienten, Thera­peuten, Einrichtungen und Kostenträgern nicht Schritt hält.“ 


Prof. Dr. Jürgen Zerth, Wirtschaftswissenschaftler mit dem Schwerpunkt Gesundheitsökonomie an der Wilhelm Löhe Hochschule für angewandte Wissenschaften in Fürth.

Nicht zuletzt entscheiden die Kostenträger über die Realisierung von Digitalkonzepten. Welche Rolle spielen diese dabei?

Wie so oft ist die Finanzierungsseite zugleich Treiber und Bremsklotz für Versorgungskonzepte. Auch in puncto Digitalisierung erweist sich die historisch gewachsene institutionelle Zerstückelung der Kostenträger in der Rehabilitation als wenig hilfreich. Dies zeigt sich insbesondere in den unterschiedlichen Zielsetzungen der Kostenträger, die den Einsatz von digitalen Konzepten bestimmen. Die Reha-Ziele der Rentenversicherung sind klar: Es geht um die bestmögliche Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit. Dagegen bietet sich bei der Krankenversicherung ein diffuseres Zielbild, vor allem im Übergang zum Geltungsbereich der Pflegeversicherung. Aus gesundheitsökonomischer Sicht führt der Reha-Bereich fast schon ein Stiefkind-Dasein. Ursache dafür ist unter anderem ein – im Vergleich zu den übrigen Gesundheitsbereichen – ganz anders gelagertes Gesundheitsbild, was eher dem in der Prävention ähnelt.

Sie erwähnten die wichtige Einpassung digitaler Reha-Konzepte in die Versorgungsstrukturen. Welchen Einfluss wird die Digitalisierung hier nehmen?

Zunächst geht es um Strukturveränderungen im Kleinen, die Zusammenarbeit zwischen Patient und Therapeut. Digitale Lösungen des Patientenselbstmanagements erlauben eine neue Qualität der Kontrolle oder, negativ formuliert, Überwachung und Transparenz. Wie bereits angesprochen, gilt es hier, die Arbeitsteilung zwischen beiden neu zu sortieren. Im Hinblick auf einen umfassenderen Versorgungskontext hat zum Beispiel der Sachverständigenrat in seinem 2014-Gutachten der Rehabilitation ein eigenes Kapitel gewidmet. Unter „Innovative Versorgungskonzepte und Regionalität in der Rehabilitation“ empfiehlt er deren Einbindung in regionale Versorgungsnetzwerke. Hier können digitale Konzepte eine integrierende Funktion im Sinne eines übergreifenden Case Managements übernehmen. Darüber hinaus weist das Gutachten darauf hin, dass Akut-Reha mehr und mehr an Bedeutung gewinnt, wodurch sich auch die Reha-Ziele und -Strukturen verändern werden. Schließlich verleiht die Digitalisierung der ambulanten Rehabilitation einen neuen Stellenwert. Hierbei darf man eines nicht vergessen: Das Durchschnittsalter der Reha-Patienten im Bereich der Deutschen Rentenversicherung beträgt etwa 52 Jahre und ist damit vergleichsweise niedrig. Gerade kommt die Babyboomer-Generation in dieses Reha-Alter, die aufgrund der generellen Veränderung der heutigen Arbeitswelt ein hohes Interesse an ambulanten Reha-Angeboten – unterstützt von digitalen Technologien – zeigen wird. Am Ende wird es um eine Beurteilung der Evidenz, oder besser: Effektivität, von Versorgungsansätzen gehen – auch unter Berücksichtigung der indirekten Kosten beispielsweise aufseiten der Arbeitgeber. Erste Studien zu diesem Thema kommen derzeit vor allem aus dem angelsächsischen Raum, der sich bekanntlich strukturell von der deutschen Situation unterscheidet.

Wie wird sich die Digitalisierungsrealität in der Reha weiterentwickeln?

Vorweg ganz allgemein gesprochen: Bei der Digitalisierung handelt es sich im Hinblick auf den Wirkungseffekt vornehmlich nicht um eine Produkt-, sondern um eine Organisationsinnovation. Damit sie im Gesundheitswesen wirklich gelingen und Nutzen stiften kann, muss sie Teil eines funktionierenden Versorgungskontinuums werden. Die ausgeklügeltste digitale Lösung hilft wenig, wenn das analoge Umfeld aus Patienten, Therapeuten, Einrichtungen und Kostenträgern nicht Schritt hält. Gleichzeitig ist es eines der wichtigsten Ziele der Digitalisierung im Gesundheitsbereich insgesamt, die vielen bestehenden Systembrüche zu überbrücken. Dieser hohe Anspruch gilt insbesondere für den Rehabilitationsbereich und seine vielfältigen Schnittstellen mit den anderen Sektoren.

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