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Brennpunkt Wolgast

Unser Wille geschehe

Unser Wille geschehe

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  • Titel
  • 30.08.2017

f&w

Ausgabe 9/2017

Seite 798

Regelmäßiger Protest: die „Bürgerinitiative für den Erhalt des Kreiskrankenhauses Wolgast“ bei ihrer zusätzlichen Mahnwache anlässlich der Eröffnung der Portalpraxisklinik am Wolgaster Krankenhaus.

Zwei Gesichter einer Stadt: die schmucke evangelische St. Petrikirche in Wolgast ...

... rissige Fassaden, leer stehende Geschäfte und Schmierereien.

Monique Vogtmann (rechts) hatte Angst, dass sie es unter Wehen nicht rechtzeitig bis zur Geburt von Tochter Esther ins Krankenhaus Anklam schaffen würde, fühlte sich dort dann aber gut aufgehoben. Dana Weißflog (links) stören die langen Wartezeiten mit Sohn Raphael beim Wolgaster Kinderarzt. Sie ist froh, dass es für Notfälle nachts oder am Wochenende nun wieder eine Anlaufstelle in der Stadt gibt.

Das Krankenhaus Wolgast – ein Grund- und Regelversorger mit 155 Betten und gutem Ruf.

Mitunter nimmt der Kampf um den Erhalt von Klinikstationen religiöse Züge an. Zum Beispiel in Wolgast: Anfang 2016 schlossen am dortigen Krankenhaus die Geburts- und die Kinderstation. Seither reißt der Bürgerprotest nicht ab. Bei der Landtagswahl brachte es die AfD in Wolgast auf 40 Prozent – eine reine Protestwahl, heißt es. Daraufhin eröffnete im Juni eine Kinderportalpraxisklinik am Krankenhaus. Eine Geschichte über das Zusammenspiel von Politik, Krankenhaus und Bürgerbegehren.

Gleich wird der Minister vorfahren, Dr. Brigitte Knappik hält schon einen Blumenstrauß für ihn in der Hand. Die Sonne scheint an diesem Vormittag, blaue Fähnchen mit Friedenstauben drauf und Stofftiere sind an der Einfahrt zur Klinik drapiert. Dahinter halten einige Mitglieder der „Bürgerinitiative für den Erhalt des Kreiskrankenhauses Wolgast“ Schilder in den Wind, der von der nahen Ostsee herüberweht. Darauf steht: „Wir geben nicht auf! Kinderstation und Geburtshilfe gehören zu Wolgast“ oder „Krankenhaus für Jung und Alt“.

Mahnwachen gibt es sonst immer nur montags, jede Woche, seitdem Ende 2015 feststand, dass Wolgast beide Stationen verlieren wird. Doch heute ist der 1. Juni, Internationaler Kindertag, Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) hat sich gerade für diesen Tag mit einem Geschenk angekündigt: Er wird im Krankenhaus eine Portalpraxisklinik für Kinder offiziell eröffnen. Zehn Betten in den Räumen der ehemaligen Geburtshilfe, die vieles leisten sollen: die Notfallversorgung für Kinder aus Wolgast und Umgebung nachts und am Wochenende sicherstellen, die Verzahnung zwischen ambulantem und stationärem Sektor vorantreiben, möglicherweise gar in eine bundesweit tragbare Lösung münden, die hartnäckige Bürgerinitiative beruhigen und – vor allem – die Wähler umstimmen.

In Wolgast – Stadt am Peenestrom, Tor zur Insel Usedom – erzielte die AfD bei der Landtagswahl im vergangenen September knapp 40 Prozent. Ihr Kandidat, Prof. Dr. Ralph Weber, ein Jurist aus Bonn, zog mit Direktmandat für den Wahlkreis Vorpommern-Greifswald III in den Landtag ein. „Urlauber sind bei uns willkommen, Flüchtlinge nicht“, lautete einer seiner ersten Slogans. Glawe sei kurz darauf vom damaligen Ministerpräsidenten Erwin Sellering (SPD) beauftragt worden, die Sache in Wolgast dringend zu klären, heißt es.

Neue Klinik nur ein „Teilerfolg“

Nun biegt die schwarze Minister-Limousine in die Einfahrt, Unruhe bei den Wartenden. Ein grauhaariger Mann schimpft: „Die lügen doch sowieso immer nur, die Politiker.“ Glawe steigt aus und verteilt Schokolade. Keine Zeit für schlechte Stimmung und kein Grund. Schließlich ist er gekommen, um den Wolgastern etwas zu geben, nichts wegzunehmen oder zu schließen, wie das hier sonst dauernd passiert: erst das Finanzamt, 2015 dann das Amtsgericht, dann die Rentenversicherung. Jede Reform ein neuer Verlust.

Brisantes Thema Geburtshilfe bundesweit

Sylt, Fehmarn, Föhr – auf allen drei Inseln wurde die Geburtshilfe in den vergangenen Jahren geschlossen. Lange Wege aufs Festland, Einsätze von Rettungshubschraubern, die ein oder andere Geburt im Auto auf dem Weg zur Klinik oder tagelanges Boarding in Hotels kurz vor dem Entbindungstermin sind die Folge. Und der Abbau der Kreißsäle nimmt momentan noch mehr an Fahrt auf. 2015 und 2016 wurden bundesweit insgesamt 40 Kreißsäle geschlossen. Die Zahl der Krankenhäuser mit Entbindungsstationen ist seit 2004 von 952 auf 709 gesunken. Verantwortlich dafür ist die Kalkulationsmethodik für die Fallpauschale. Kostendeckungen können nur bei Fallzahlen erreicht werden, die viele Krankenhäuser, die für die Sicherstellung gebraucht werden, nicht haben. Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), fordert deshalb: „Die Politik muss die Geburtsabteilungen der Krankenhäuser per Gesetz in den Anwendungsbereich der Sicherstellungszuschläge nehmen und die Vorgabe, dass der Sicherstellungszuschlag nur greift, wenn eine Klinik insgesamt rote Zahlen schreibt, streichen. Was wir brauchen, ist eine Änderung, die auch defizitäre Einzelabteilungen berücksichtigt.“ Das Dilemma: Geburtsstationen rechnen sich erst ab einer Menge von 700 Geburten pro Jahr, heißt es. Schließt man alle, die darunterliegen, müssten werdende Eltern nicht nur lange Fahrtzeiten in Kauf nehmen, sondern manche Region wäre unterversorgt. 

Knappik als stellvertretende Vorsitzende der Bürgerinitiative und Glawe wechseln freundliche Worte, dankend überreicht sie ihm die Blumen. So positiv sind nicht alle gestimmt: Auf ihren Schildern nennt die Bürgerinitiative die neue Station einen „Teilerfolg“. Mütter mit Kleinkindern erzählen mürrisch, erst habe der Bürgermeister alle Kindergärten anlässlich der Eröffnung zum Nudelessen ins Krankenhaus eingeladen, zwei Tage zuvor aber abgesagt. „Wer weiß, ob das überhaupt alles was wird mit der Portalpraxisklinik“, sagt eine. Die Wolgaster sind misstrauisch. „Der Kampf muss weitergehen! Nicht mehr mit Kerzen und Schildern, sondern anders“, brüllt währenddessen Kai Ottenbreit ins Megafon. Nur wenige Passanten bleiben stehen. Wer hier eigentlich mit wem kämpft und wofür, ist nicht mehr ganz klar. Ottenbreit zum Beispiel ist Blogger und kein Mitglied der Bürgerinitiative, hat jedoch die Mahnwache vor dem Krankenhaus angemeldet. Die Bürgerinitiative selbst will nicht lockerlassen, bis auch die Geburtshilfe zurückkommt. Knappik hofft auf eine bundespolitische Klärung der Problematik um Geburtsstationen. Und einige nutzen die Mahnwachen und das Klima der Unzufriedenheit schlicht für sich und ihre Interessen: Die sogenannte Bürgerbewegung „Frieden, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit“ (FFDG) aus Greifswald zum Beispiel – eine Gruppierung, die permanent durch rassistische und antisemitische Äußerungen auffällt – mischt sich regelmäßig unter Demos der Bürgerinitiative. Für zwei Demonstrationen steuerte sie Technik bei, schenkte bei Mahnwachen im Winter Glühwein aus, organisierte eine Kindertombola.

Druckmittel gegen die Landesregierung

Wenn sie auf die Internetseite der FFDG schaue, dann grusele es sie, sagt Brigitte Knappik. Man verfolge jedoch ein gemeinsames Ziel: die Rettung des Krankenhauses. Und braun sei hier niemand, es sei eine reine Protestwahl gewesen. Die Bürgerinitiative wird nicht müde, das zu betonen. Doch ist das schon Protest, sein Kreuz bei einer Partei zu setzen, die auch keine Lösung anbietet? Vorsicht mit dem Vorurteil „rechts“, sagt Annemarie Klingner aus der Bürgerinitiative. „Man steckt die Menschen zu schnell in Schubladen. Auch in anderen Parteien haben Leute mal Ausraster.“ Schließlich hätten die FFDG-Leute ihre typischen Jacken mit der Taube drauf inzwischen abgelegt. Die Taube – Symbol der rechten Vereinigung – ist leicht mit der Friedenstaube auf den blauen Wimpeln am Straßenrand zu verwechseln. So vermischt sich hier alles auf unheilvolle Weise: Die FFDG hetzt im Internet gegen Ausländer und verteilt in Zivilkleidung Glühwein vor dem Krankenhaus, AfD-Mann Weber ist Mitglied der Bürgerinitiative und spricht von Biodeutschen mit zwei deutschen Eltern und vier deutschen Großeltern – und wird dafür von seiner eigenen Partei abgemahnt. Die Bürgerinitiative selbst betont ihre Neutralität, versucht jedoch den Handlungsdruck auf die Regierungsparteien zu erhöhen. „Schauen Sie sich die angeblich neuen Räume für die Kinderklinik an, fühlen sie hinter den Betten, alles unfertig“, heizt Blogger Ottenbreit jetzt mit dem Megafon die Stimmung an. Knappik legt ihm mehrfach beruhigend die Hand auf die Schulter: „Heute wollen wir uns für das Erreichte bedanken, lassen Sie daher Ihre Provokationen gegenüber dem Krankenhaus stecken.“

Wolgast: Eine Stadt in Zahlen

Wolgast hat knapp 13.000 Einwohner. Insgesamt gibt es 6.000 Arbeitsplätze, davon 4.500 sozialversicherungspflichtig. Die Arbeitslosenquote liegt bei zehn Prozent. Im Jahr 2008 lebten in der Stadt 728 Kinder unter sechs Jahren, im Jahr 2013 waren es 795 Kinder. In der Stadt haben drei niedergelassene Kinderärzte ihren Sitz, einer auf der Insel Usedom. Wolgast hat bislang 550 Flüchtlinge aufgenommen.

Das Krankenhaus Wolgast ist ein Grund- und Regelversorger mit 155 Betten und gutem Ruf. Lange gehörte es dem Landkreis, der aufgrund der finanziell angespannten Lage Anfang der 2000er-Jahre einen Käufer suchte. Das Universitätsklinikum Greifswald erwarb im Jahr 2005 knapp 95 Prozent der Klinik. Seit der Wendezeit gab es auf der Wolgaster Station pro Jahr im Schnitt 400 Geburten. Ab welcher Geburtenzahl pro Jahr die Qualität der Versorgung überhaupt gewährleistet ist, variiert von Bundesland zu Bundesland. Für Geburten in Krankenhäusern in Mecklenburg-Vorpommern sind keine Mindestmengen festgelegt. Es existiert lediglich eine Richtlinie des G-BA. Die Landes-Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern empfiehlt eine Zahl von 300 Geburten jährlich.

Patientenzahlen schwankten stark

Für die Kinderstation galt die Sondersituation, im Winter ein Haus in einer 13.000-Einwohner-Stadt in ländlicher Region zu sein, während sich in der Urlaubssaison von Mai bis Oktober etwa eine Million Urlauber, davon rund 200.000 Kinder und Jugendliche, auf der nahe gelegenen Insel Usedom tummelten. Die Patientenzahlen für die Station mit 18 Betten schwankten folglich stark. Beim Jahresabschluss 2015 schrieb die Wolgaster Klinik ein Minus von einer Million Euro. Den Antrag auf Schließung beider Stationen stellte der Krankenhausträger selbst. Die Begründung: zu geringe Belegungszahlen. Die medizinische Versorgungsqualität sei dadurch nicht mehr gewährleistet. Das Land gab dem statt, insgesamt sollen 4,5 Millionen Euro für die Schließung fließen.

Dass es in der Wolgaster Klinik überhaupt wieder ein Angebot für Kinder geben wird, ist auch das Verdienst der Bürgerinitiative. Dr. Knappik, ehemals Chefärztin der Wolgaster Kinderklinik und Ärztliche Direktorin, war vor ihrem Ruhestand 47 Jahre am Krankenhaus tätig. Sie kennt die Versorgungssitua­tion und durchschaut das komplizierte Geflecht aus Bundes- und Landesregelungen, Trägerinteressen, Fallpauschalen, Mindestmengen, Erreichbarkeitsmessungen. Viele Kinder, die sie einst verarztete, sind heute als Erwachsene von den längeren Fahrten zum Kindernotdienst oder zur Entbindung nach Anklam (32 Kilometer) und Greifswald (31 Kilometer von Wolgast, 72 Kilometer von Heringsdorf auf Usedom) betroffen.

Seit ihrer Gründung im März 2015 hat die Bürgerinitiative mit deren Vorsitzender Anke Kieser unzählige Schreiben aufgesetzt: an die frühere Gesundheitsministerin Birgit Hesse (SPD), den Ministerpräsidenten, den Staatssekretär des Landes. Hat analysiert, Geburtsstatistiken ausgewertet, Vorschläge zur Lösung unterbreitet, Gespräche geführt. Auch ein Konzept für den Betrieb von Kinderstation und Geburtshilfe am Krankenhaus war dabei. In einem Schreiben an den Gesundheitsminister und die Fraktionen der Parteien im Landtag fordert die Initiative „die Landesregierung auf, sich dafür einzusetzen, die Geburtshilfe im Krankenhausplan Mecklenburg-Vorpommern flächendeckend abzubilden und sich für höhere DRG’s einzusetzen, damit die Krankenhäuser nicht gezwungen sind, aus wirtschaftlichem Druck die geburtshilflichen Abteilungen zu schließen“.

Auch auf Bundesebene solle sich die Landesregierung mit einer Bundesratsinitiative dafür einsetzen, dass Geburtshilfe im SGB V als Grundversorgung eingestuft wird. „Es kann nicht sein, dass man hier keine notärztliche Versorgung nachts und am Wochenende sicherstellt und gerade sozial schwachen Familien so eine weite Fahrt zum nächsten Krankenhaus zumutet“, sagt Knappik. Der Standort Wolgast sei vorsätzlich geschwächt worden. Patienten seien am Kreiskrankenhaus vorbei direkt in die Uni Greifswald gelotst worden, dadurch seien die Fallzahlen in Wolgast gesunken.

Das Modell Portalpraxisklinik

Mit der Einrichtung der Portalpraxisklinik wird keine Station wiedereröffnet, im Landeskrankenhausplan wird es keine zusätzlichen Betten geben. Eine Schließung ist schlicht nicht rückgängig zu machen. Es öffnet jedoch auch keine ambulante Praxis im Haus. Die Lösung ist ein Zwischending, der Versuch intersektoraler Notfallversorgung im Krankenhaus. Das heißt: Wochentags von 8 bis 22 Uhr und an Wochenenden von 10 bis 22 Uhr können Kinder im Krankenhaus von einem Pädiater untersucht und theoretisch in den zehn neuen Betten aufgenommen werden. Der Plan: Es findet eine Triage statt, stationär behandlungsbedürftige Fälle werden an die Uni Greifswald weiterverwiesen. Über drei Jahre soll das Modell laufen (mit der Option auf Verlängerung um weitere drei Jahre), in dieser Zeit sei es auskömmlich finanziert. Die Krankenkassen übernehmen die Personalkosten und 20 Prozent der Sachkosten, das Land steuert 1,66 Millionen Euro bei. Während der drei Jahre wird das Institut für Community Medicine der Universitätsmedizin Greifswald das Projekt wissenschaftlich begleiten, seinen Nutzen validieren. Ziel ist es, dass dieses bundesweit bislang einmalige Modell Eingang ins SGB V findet.

Vier Kinderärzte und 6,5 Kinderkrankenschwestern sollen für die Portalpraxisklinik arbeiten. Zusätzlich steht ein telemedizinischer Untersuchungsplatz mit Anbindung an die Pädiatrie der Unimedizin Greifswald zur Verfügung.

Für die Vergütung der Fälle wurde neben der finanziellen Unterstützung des Ministeriums eine Vereinbarung mit den Krankenkassen geschlossen. Eine Finanzierung der Fälle außerhalb der Sprechzeiten der niedergelassenen Praxen für Kinder- und Jugendmedizin mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) stehe kurz vor dem Abschluss, teilte Klinik-Geschäftsführer Müller im August mit. Eigentlich ist eine Sonderfinanzierung über die KV geplant.

Gegenüber f&w wollte sich die Kassenärztliche Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern (KVMV) in Schwerin trotz mehrfacher Anfrage nicht zur Portalpraxisklinik äußern. Die Krankenkassen sähen keine Versorgungslücke infolge der Schließung des Krankenhauses Wolgast, sagt Kirsten Jüttner, Leiterin der Landesvertretung des Verbands der Ersatzkassen (vdek) Mecklenburg-Vorpommern. „Aus Sicht der Bevölkerung gibt es jedoch eine gefühlte Lücke.“ Dass diese nun mit einem ambulanten Angebot im Krankenhaus gefüllt wird, das Notfälle mittels Triage einteilt und die Notaufnahme entlastet, habe die Kassenverbände überzeugt. „Gerade in den Urlaubsmonaten ist der Bedarf sicher größer. Dafür eine Kinderstation 24 Stunden besetzt zu halten, wäre nicht sinnvoll. Die Portalpraxisklinik ist da genau der richtige Weg“, sagt Jüttner. Man müsse abwarten, was die Evalua­tion ergibt. Ob nun speziell die intersektorale Notfallversorgung von Kindern ins SGB V aufgenommen werden sollte, lässt Jüttner offen. Die ambulante Notfallversorgung brauche generell nicht nur für Kinder neue Lösungen. Jüttner: „Die Abgrenzung ambulante oder stationäre Notfallversorgung funktioniert nur sektorenübergreifend.“ Alle drei Krankenhausstandorte, Anklam, Wolgast und Greifswald, brauche man mit vollumfänglichem Angebot sicher nicht. Dennoch sei der Standort Wolgast nicht gefährdet, es gehe vielmehr um Schwerpunktbildung, wie jetzt im Bereich der Geriatrie geschehen. „Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung haben wir in Mecklenburg-Vorpommern auf keinen Fall zu viel“, sagt dagegen Wolfgang Gagzow, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern (KGMV). „Wir können nur nicht alle Stationen in vollem Maße erhalten.“ Das Modell der Portalpraxisklinik klinge spannend, könnte jedoch in der Konstellation mit den Nachbarkrankenhäusern Greifswald und Anklam schwierig werden. „Auch diese müssen ihre Patientenzahlen erfüllen.“

„Wir waren von Anfang an gegen die Schließung, weil wir die Situation etwas weitsichtiger betrachten“, sagt Mecklenburg-Vorpommerns Ärztekammerpräsident Dr. Andreas Crusius. Gerade wegen der hohen Urlauberzahl sei es wichtig, am Tor zur Insel Usedom ein Angebot aufrechtzuerhalten. „Aber es ist ein Grundfehler unseres Gesundheitswesens, dass es nur um Ökonomie geht. Versorgung sollte Daseinsvorsorge sein.“ 

Gleich im März 2015 verfasste die Bürgerinitiative mit Unterstützung der Oppositionsparteien eine Petition an den Landtag und sammelte 15.000 Unterschriften gegen die Schließung der Stationen. Bei einer Volksinitiative im Jahr darauf gaben knapp 20.000 ihre Stimme ab. Doch unter den Regierungsparteien SPD und CDU, sagt Knappik, sei keine Gesprächsbereitschaft vorhanden gewesen – bis zur entscheidenden Landtagswahl. Kurz darauf habe die Bürgerinitiative sofort Termine beim Ministerium bekommen. Mit Glawe hätten sie zuletzt beinahe im 14-tägigen Rhythmus gesprochen, sagt Knappik. „Er hat sich engagiert, wollte eine Lösung finden.“

Leute von der Straße holen

Die Portalpraxisklinik muss nun gut anlaufen, der Druck ist groß: „Es war sowohl eine politische als auch eine fachliche Entscheidung“, sagt Minister Glawe im Interview mit f&w. „Wir wollten die Demonstranten von der Straße haben, das ist gelungen.“ Weber von der AfD spiele in der Bürgerinitiative keine Rolle mehr. „Er hat versucht, aus der Situation Profit zu schlagen, aber wir haben ihm das Wasser abgegraben.“ Die größte Hürde hat Glawe genommen, indem er alle Beteiligten an einen Verhandlungstisch holte: Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigung (KV) und Ärztekammer. Zäh seien die Verhandlungen mit der KV angelaufen, erzählt er, „aber am Ende wollten sie doch“.

Ziel sei es, dass dieses bundesweit bislang einmalige Modell der intersektoralen Notfallversorgung Eingang ins SGB V findet. Nur eines könne er den Bürgern nicht zusagen: die Rückkehr der Geburtshilfe. „Sie wollen alles zurück, aber das geht nicht.“ Stattdessen, so Glawe, würde er gern Geld vom Bund für einen zweiten Rettungshubschrauber einsetzen. Glawe, selbst gelernter Krankenpfleger, hat das neue Angebot binnen eines halben Jahres auf die Beine gestellt. Es heißt, er selbst habe Ärzte von Nachbarhäusern dafür angeworben, weil die Personalsuche sich bislang schwierig gestaltete.

Etwa 500 Meter entfernt bekommt Falko Beitz am Kindertag in seinem Büro in der Wolgaster Innenstadt nichts vom Trubel vor der Klinik mit. Alles riecht hier noch neu, erst Ende April hat der frühere Landtagskandidat das SPD-Bürgerbüro eröffnet. Die Bürgerinitiative habe an dem Tag drinnen mit Ministerpräsident Sellering ein angemeldetes Gespräch geführt, während Blogger Ottenbreit vor dem Büro leider wieder in sein Megafon gebrüllt habe. Noch unangenehmer sei gewesen, dass jemand am Morgen der Eröffnung einen Kothaufen vor Beitz’ Büro platziert habe.

Leerstand und Schlaglöcher

Der Ausblick aus dem SPD-Büro: rechts ein leer stehendes Geschäft, links ein leer stehendes Geschäft. Auf die schmutzigen Schaufenster hat jemand „Hansa Hools“ geschmiert. Dazwischen der „Wikinger Boxclub“, ein dubioser Laden, dessen Eigentümer mit der FFDG und auch der AfD zusammenhängen. Kommunalpolitiker zu sein, ist nicht einfach und nicht immer schön, gerade hier. Trotzdem ist es genau das, was der 30-jährige Usedomer will: „Ich wollte nicht mit ansehen, wie es weiter bergab geht, sondern mit den Menschen etwas bewirken“, sagt er. Leerstand gibt es hier nicht nur vor dem SPD-Büro. Die Fußwege hin zur Innenstadt sind von tiefen Löchern durchzogen, viele Fassaden rissig und grau. „Früher galt Wolgast als Zentrum der Region“, erzählt Beitz. „Wer hier wohnte, lebte in der Stadt.“ Sitz der SED-Kreisleitung in der DDR, Stadt mit der Peenewerft, Tor zur Insel Usedom. Doch im Lauf der Zeit sank die Bevölkerung um 6.000 Einwohner, die Werft wurde verkauft, Infrastruktur brach weg. Und Wolgast ist eben nicht die Insel Usedom, sondern der Ort, durch den alle Urlauber ständig durchfahren, weil auch die gewünschte Umgehungsstraße bislang nie in Angriff genommen wurde.

SPD räumt Fehler in Kommunikation ein

Dass Geschäfte schließen, könne in jeder niedersächsischen Kleinstadt ebenso passieren, sagt Beitz. „Vielleicht aber ist es ein ostdeutsches Phänomen, dass die Menschen dann oft nach einem starken Staat rufen.“ Mit Freiheit in der Demokratie klarzukommen, das sei ein Lernprozess. Dass die AfD wegen des Krankenhausthemas so erfolgreich aus der Wahl hervorging, glaubt Beitz nicht. Dies sei nur der letzte Anstoß gewesen. „Wahrscheinlich hat die SPD die Entscheidung über die Schließung damals schlecht kommuniziert, die Leute vor den Kopf gestoßen“, räumt Beitz ein. „Es ist schwierig, protestierenden Menschen zu helfen, wenn alle Entscheidungsträger sagen, die Lösung sei richtig.“ Politik müsse bereit sein, eigene Entscheidungen zu überdenken, sagt dazu der neue parlamentarische Staatssekretär Vorpommern, Patrick Dahlemann (SPD). Sein Wahlkreis Torgelow, Stettiner Haff und Ueckermünde war der einzige in Vorpommern, aus dem die SPD bei der Wahl mit 31 Prozent erfolgreich hervorging. „Jeder Politiker, der vor der Landtagswahl vor Ort gearbeitet hat, muss sich fragen, ob er wirklich immer nah an den Menschen dran gewesen ist“, so Dahlemann.

Beitz zumindest kann man nicht vorwerfen, zu wenig mit Einwohnern im Gespräch zu sein. Dennoch hat auch er es als SPD-Kandidat im vergangenen September nicht in den Landtag geschafft. Dabei hat er die Bürgerinitiative damals selbst mit gegründet, sie unterstützt. Linkenpolitiker Torsten Koplin hat sich anfangs ebenfalls engagiert. Auch die ehemalige Grünen-Landtagsabgeordnete Silke Gajek setzte sich für den Erhalt der Stationen ein. Beide haben sich inzwischen von der Bürgerinitiative distanziert: Für Torsten Koplin (Die Linke) grenzt sie sich zu wenig von FFDG und AfD ab. Gajek (Die Grünen) reagierte nach einer Demonstration entsetzt: Wie könne die Bürgerinitiative sich in so einer Naivität hinstellen und sagen, „uns wird nicht geholfen, deswegen müssen wir auf die FFDG zurückgreifen?“, fragte sie. „Die Leute lassen sich instrumentalisieren, das ist ein großes Problem.“ Auch Beitz ist inzwischen auf Distanz zur Bürgerinitiative gegangen: „Jetzt gibt es eine gute Lösung, aber die Bürgerinitiative macht weiter. Wolgast wird zur ewig protestierenden Stadt.“

Hoffnung auf ein anderes Wahlergebnis

Wolgasts parteiloser Bürgermeister Stefan Weigler sieht optimistischer in die Zukunft: „Wir wachsen, wir werden nicht weniger“, sagt er. „Junge Menschen werden herziehen“, daran glaube er fest. Bisher hielten sich Geburten und Sterbefälle die Waage – das werde sich ändern. Er habe vier neue Kindertagesstätten bauen lassen, alle Schulen in den vergangenen Jahren saniert, an Bauplätzen arbeite er noch. Grundsätzlich gut sei die Versorgung mit niedergelassenen Ärzten. Nur seien diese meist schon älter. „Wird ein Sitz frei, ist es schwer, ihn wieder zu besetzen.“ Heute würde das Wahlergebnis ganz anders ausfallen, glaubt Weigler: „Vielleicht würden noch zehn bis zwölf Prozent ihre Stimme der AfD geben, aber nicht 40.“ Die Menschen seien sauer gewesen auf die Landesregierung, weil sie Mittelzentren wie Wolgast im Regen stehen lässt. „Und was ist das für eine Symbolik, die Geburts- und Kinderklinik zu schließen? Das heißt, man nimmt der Stadt die Zukunft weg. Stattdessen will man die Geriatrie ausbauen, also etwas für die Alten. So kam das bei den Menschen an. Das hat sie auf die Straße gebracht.“ Weigler sitzt im Beirat des Krankenhauses. Er ist dort vor 38 Jahren geboren, seine beiden Kinder ebenfalls. „Für mich als Bürgermeister und Wolgaster war es schrecklich, dass zwei hochmoderne Stationen geschlossen wurden und man stattdessen die Geburtsstation im baulich veralteten Anklamer Krankenhaus wiederbelebt.“

Ralph Weber von der AfD spricht gegenüber f&w von einer „tiefen Unzufriedenheit in einer abgehängten Region“. In Vorpommern fühle man sich von Schwerin vernachlässigt. Der Unmut darüber sei groß. Die Portalpraxisklinik sei ein Rückschritt gegenüber der früheren stationären Kinderversorgung, „aber besser als gar kein Angebot“. Weber möchte die Bürgerinitiative weiter unterstützen. Denn: „Das ist typisch für die AfD. Wir fördern direkte Demokratie.“

Bisher kaum Kinder stationär aufgenommen

Mitte Juli in Wolgast: Sechs Wochen nach dem Start der Portalpraxisklinik gibt es wieder Grund für Ärger. Laut Bürgerinitiative haben im Juni 109 Kinder mit ihren Eltern die Klinik aufgesucht, doch nur vier seien kurzfristig stationär in den Betten aufgenommen worden. „Die meisten wurden entweder nach Hause entlassen, an die Kinderärzte vor Ort weitergeleitet oder an die Uniklinik Greifswald verlegt“, sagt Knappik. Auch Fälle, in denen ein Verbleib in Wolgast sinnvoll gewesen wäre. „Ich fürchte, wir und der Minister werden hier gewaltig auf den Arm genommen.“

Sebastian Müller, in Doppelfunktion Geschäftsführer des Krankenhauses Wolgast und Leiter Einkauf und Logistik an der Uniklinik Greifswald, spricht von 108 pädiatrischen Fällen im Monat Juni und 150 chirurgischen Fällen. Nach Greifswald habe man die Kinder und ihre Eltern außerhalb der derzeit noch eingeschränkten Öffnungszeiten verwiesen, weil die Personalsituation an der Portalpraxisklinik noch nicht ganz geklärt sei. Bislang entsenden die Uni Greifswald und die Diabetes-Fachklinik in Karlsburg leihweise Kinderärzte nach Wolgast. Ab September seien jedoch zwei Pädiater fest unter Vertrag. Doch die meisten Kinder würden bislang ohnehin eher eine ambulante Betreuung benötigen, der Trend zeichne sich ab. „Eine medizinische Notfallversorgung für Kinder ist notwendig, ob sie zwingend stationär sein muss, ist die Frage“, sagt Müller. Zum Vorwurf der Bürgerinitiative, die Uniklinik Greifswald nutze das Krankenhaus Wolgast lediglich als Portalklinik, sagt Müller: „Es gibt in ganz Deutschland kein Krankenhaus der Grundversorgung in der Größe von Wolgast, das alleinstehend existiert. Die Uniklinik sichert eine regionale Patientenversorgung in Wolgast, mit Anschluss an eine Universitätsmedizin der Spitzenklasse.“ Genau das will die Bürgerinitiative nicht hören. Sie wird an dem Thema dranbleiben. Wieder ist der Informationsfluss mangelhaft, wieder hakt es an der Kommunikation. Und die nächste Wahl steht kurz bevor.

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