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Patientensicherheit

Im Zeichen von Tokio

Im Zeichen von Tokio

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  • 28.08.2018

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Ausgabe 9/2018

Seite 783

Kliniken in Deutschland arbeiten auf hohem Sicherheitsniveau. Gleichwohl müssen medizinischer Fortschritt und die Anforderungen an eine professionelle Pflege mit Sicherheitskonzepten Schritt halten. Mit der „Tokyo Declaration on Patient Safety“ bekennt sich die internationale Gemeinschaft nun zu einer engeren Zusammenarbeit.

„Wir bekennen unser Engagement zur Aufrechterhaltung einer kraftvollen politischen Dynamik zugunsten globaler Maßnahmen für die Patientensicherheit und zu einer engen Zusammenarbeit mit Ländern weltweit einschließlich jener mit niedrigem und mittlerem Einkommen, um deren Kapazität durch Zusammenarbeit und Lernen zu stärken und das Thema ‚Patientensicherheit‘ mit Maßnahmen und Programmen im Gesundheitsbereich als Schwerpunkt zu behandeln.“

Mit diesem multidimensionalen Bekenntnis wurde am 14. April 2018 die „Tokyo Declaration on Patient Safety“ anlässlich des 3. Global Summit on Patient Safety in der japanischen Hauptstadt verabschiedet. Die vom Gastgeberland, Großbritannien, Nordirland und Deutschland initiierte Resolution haben 21 weitere Staaten, die Weltgesundheitsorganisation WHO, die Weltbank, die US-amerikanische Patient Safety Movement Foundation sowie der Weltärztebund unterzeichnet. Sie nimmt Bezug zur Verpflichtung der Weltgesundheitsversammlung von 2002, „… der Patientensicherheit allerhöchste Aufmerksamkeit zu widmen und die zur Verbesserung und Qualität der Gesundheitsversorgung erforderlichen wissenschaftlich gesicherten Systeme zu schaffen und zu stärken“. So weit die Absichtserklärungen der großen Politik.

Dem Tokioter Gipfel ging ein mehrmonatiger Vorbereitungsprozess voraus, und wie schon beim zweiten Gipfeltreffen am 29./30. März 2017 in Bonn mit dem damaligen Gesundheitsminister Hermann Gröhe als Gastgeber haben fünf Unterarbeitsgruppen mit inhaltlich unterschiedlichen Themenschwerpunkten und internationalen Patientensicherheitsexperten das Treffen intensiv vorbereitet. Ziel dieser Initiative war es, den Ministern konkrete Problembeschreibungen, Analysen und Handlungsempfehlungen an die Hand zu geben. Dieses Ziel wurde erreicht. Die „Tokyo Declaration on Patient Safety“ trägt die Handschrift der Expertenpanels.

Think Global – Act Local

Defizite der Patientensicherheit haben, trotz länderspezifischer Unterschiede in der Gesundheitsversorgung, in der Regel ähnliche Ursachen, und dementsprechend folgen sie analogen Lösungsansätzen. Diese Erkenntnis unterstützt die Notwendigkeit und das Engagement nationalstaatlicher Organisationen, international vernetzt voneinander zu lernen, indem besondere Vorfälle transparent gemacht, Lösungsansätze grenzübergreifend etabliert und die Wirkung geeigneter Maßnahmen evaluiert werden.

Die WHO übernahm hierzu seit 2004 mit der World Alliance for Patient Safety bereits eine Vorreiterrolle. Ihre Initiative zur Verbesserung der Handhygiene „Clean Hands Save Lives“ ebenso wie die Kampagne „Safe Surgery Saves Lives“ stellten bereits unter Beweis, welche systemdurchdringende Wirkung eine internationale Publizität und die Zurverfügungstellung handhabbarer, studienerprobter und praxisorientierter Handlungsempfehlungen haben können. Beide Initiativen hatten das Ziel, behandlungsindizierte Infektionen und OP-bedingte, vermeidbare Komplikationen zu vermeiden.

Die dritte und aktuelle WHO-Global-Patient-Safety-Challenge „Medication Without Harm“ stellt die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) in den Mittelpunkt und fokussiert die Risiken der Polypharmazie, den Missbrauch hochwirksamer Medikamente mit potenziell letaler Wirkung sowie die spezifischen Probleme, die bei der pharmakologischen Behandlung im Kontext transsektoraler Übergänge in der Gesundheitsversorgung entstehen.

Arzneimitteltherapiesicherheit gehört zu den bedeutenden und operationalisierten Ak­tionsfeldern zur Förderung der Patientensicherheit. Weitere Bereiche sind

  • die Strategien zur Vermeidung von Diagnose- und Therapieplanungsfehlern,
  • die bereits genannten Handlungsfelder Hygiene- und OP-Sicherheit,
  • die sicherheitsorientierte Gestaltung des (Not-)Aufnahme-Prozesses inklusive Entlassungsplanung,
  • die sachgerechte Patientenidentifizierung zur Vermeidung von Verwechselungen,
  • die Vermeidung von Druckläsionen durch Lagerungsfehler,
  • die Sturzprävention,
  • das Ernährungsmanagement sowie
  • die Vermeidung von Kontrakturen.

Daneben sind spezielle Fachdisziplinen wie beispielsweise die Geburtshilfe durch bestimmte Risiken gekennzeichnet, für die Präventionskonzepte angepasst werden müssen.

Zurück nach Tokio

Nationalstaatliche und globale Anstrengungen sind das Gebot der Stunde. Denn eine un­sichere Gesundheitsversorgung und vermeidbare Patientenschädigungen stellen weltweit eine ernsthafte Herausforderung für Gesundheitseinrichtungen dar und bringen damit einhergehend menschliches Leid hervor. Zudem verursachen sie erhebliche Kosten (die OECD spricht von 15 Prozent der Kosten in Krankenhäusern, die dafür genutzt werden müssen, Folgen von Fehlbehandlungen zu kompensieren) und provozieren einen Vertrauensverlust in die Gesundheitsversorgung.

Die Tokioter Deklaration fordert Patientensicherheit als ein Ziel aller Leistungsanbieter in der Gesundheitsversorgung – interdisziplinär und interprofessionell – und empfiehlt, über die bisher primär fokussierten Einsatzbereiche in der Akutversorgung hinaus, künftig verstärkt ambulante Einrichtungen in Präventionskonzepte einzubinden, etwa ärztliche Praxen der Grundversorgung, Facharztpraxen, Pflegeeinrichtungen und nicht zuletzt ambulante Pflegedienste. Dabei stellt die Etablierung nachhaltig wirksamer Risikomanagementstrategien in jenen Ländern mit niedrigem Volkseinkommen, in denen bereits eine medizinische und pflegerische Grundversorgung wirtschaftlich nicht garantiert werden kann, eine besondere Herausforderung dar.

Das Expertenpanel „Patient Safety of the elderly“ hat unter Mitwirkung des Autors spe­zifische Risiken identifiziert und Handlungsempfehlungen entwickelt, die mit der demografischen Entwicklung in direktem Zusammenhang stehen. Menschen mit einem Lebensalter von 75 , respektive als Patienten, sind anfälliger für unerwünschte Ereignisse. Eine höhere Disposition für Stürze, Druckläsionen und Ernährungsfehler sind in der Gruppe der Hochbetagten ebenso wie Risiken durch kognitive Einschränkungen dieser Personengruppe zu berücksichtigen. Wir werden länger alt als jung sein – mit entsprechenden Risiken.

Der Summit regte mit seinen Empfehlungen an, Verfahren zur Messung und zur Evaluation der Patientensicherheit zu entwickeln und angemessene und zielgerichtete Informations- und Kommunikationstechnologien zur Verfügung zu stellen, die nicht einem Selbstzweck der Datensammlung, sondern der Sicherheitsförderung dienen sollen.

Außerdem müsse die Kompetenz zur Patientensicherheit in der Aus-, Fort- und Weiterbildung für die Angehörigen der Gesundheitsberufe curricular noch viel stärker entwickelt werden. Und nicht zuletzt stellt die Einbindung der Patienten und ihrer Angehörigen in Präventionskonzepte eine besondere, häufig ungenutzte, Chance dar. Sie müssen als Experten und Evaluatoren unterstützend hinzugezogen werden.

Wir wissen, was zu tun ist, aber …

Nicht zuletzt die Empfehlungen der WHO, der OECD sowie der international und national agierenden medizinischen und pflegerischen Fachgesellschaften, die sich der Patienten­sicherheit verpflichtet haben, führen dazu, dass wir evidenzbasierte Lösungskonzepte kennen und viele davon bereits in Gesundheitseinrichtungen etabliert haben. Wir wissen, was zu tun ist, wir wissen, was die Patientensicherheit wirkungsvoll fördern kann, aber nicht alle Akteure halten sich an die Regeln, unterlaufen Standards und gefährden fahrlässig die Sicherheit ihrer Patienten: Im Nachtdienst entfällt aus Bequemlichkeit eine standardisierte Dringlichkeits-Ersteinschätzung (Triagierung) von Patienten, Kennzeichnungssysteme werden abteilungsübergreifend unterschiedlich genutzt, und notwendige Kommunikationswege werden nicht eingehalten, weil man das Gespräch im Kollegenkreis bewusst nicht sucht. Für den Krankenhauspraktiker ist diese Liste beliebig erweiterbar. Daher sind Prinzipien von High Reliability Organizations (HRO) zu etablieren und zu nutzen (s. Beitrag S. 786).

HRO zeichnen sich dadurch aus, dass regelmäßig und kontinuierlich Sicherheitswissen vermittelt, eine riskante Haltung von Mitarbeitern identifiziert und mit Konsequenzen bedacht sowie im Unternehmen die sicherheitsorientierte Kommunikationskultur stetig weiterentwickelt wird. Zentrales Merkmal einer HRO ist die kollektive Achtsamkeit für Gefahren, Risiken und Sicherheit als eine Haltung. Diese Werteorientierung der Mitarbeiter macht sich fest an einer grundlegenden Disposition, in kritischen Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen und insbesondere dann auf Sicherheitsstandards zu setzen. Viele Leistungserbringer in der Gesundheitsversorgung haben ihre Hausaufgaben bereits gemacht und umfassende klinische Risikomanagementsysteme etabliert. Kliniken in Deutschland sind – das zeigen auch Verläufe von Schadenereignissen – so sicher wie nie. Gleichwohl müssen das Niveau des medizinischen Fortschritts und die Anforderungen an eine professionelle Pflege mit Sicherheitskonzepten Schritt halten. Fehlende „Köpfe und Hände“ insbesondere in der Pflege, mangelnde Sprachkompetenzen und der ökonomische Druck in vielen Einrichtungen sind Rahmenbedingungen, die die Patientensicherheit einschränken können.

„Wir treffen hiermit die Zusage, dass wir Gesundheitseinrichtungen, sowohl öffentlich als auch privat, angefangen bei der Grundversorgung bis hin zu weitergehender Versorgung, fördern und ertüchtigen sowie Veränderungen in Systemen und Praktiken umsetzen wollen, um die Patientensicherheit zu verbessern.“

An dieser zentralen Aussage der „Tokyo Declaration on Patient Safety“ müssen sich heutige und künftige politische Verantwortliche der Gesundheitsversorgung messen lassen. Auch wenn dies hier nicht explizit formuliert ist: Nachhaltige Förderung der Patienten­sicherheit bedeutet einen finanziellen Aufwand, und dieser muss zusätzlich in das System gegeben werden. Eines ist sicher: Prävention kostet Geld, Schadenregulierung aber ein Vielfaches davon.

Der Autor war sowohl 2017 beim 2. Global Summit on Patient Safety als auch bei der Folgeveranstaltung im April 2018 in Tokio als Experte für Patientensicherheit eingeladen.

 

 

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