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Mentoring-Programm

Interprofessionalität lernen und leben

Interprofessionalität lernen und leben

  • f&w
  • Management
  • 28.08.2019

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Ausgabe 9/2019

Seite 810

Arbeiten im Gesundheitswesen bedingt Zusammenarbeit multiprofessioneller Teams. Wie eine hohe Qualität der interprofessionellen Zusammenarbeit entstehen kann, zeigen Praxisbeispiele aus der Schweiz und Schweden. 

Als über hundertjähriges „Schlachtfeld“ in der Verteilung der Arbeitsaufgaben zwischen den verschiedenen Kräften wurde das allgemeine Krankenhaus 1988 in einer Einführung zur Sozialgeschichte der Pflege beschrieben. Damals hatten die Autoren wenig Hoffnung auf Änderung. Wenngleich Spannungen zwischen den unterschiedlichen Berufsgruppen im Gesundheitswesen bis heute eine Rolle spielen, hat das Thema interprofessionelle Zusammenarbeit (IPZ) über die vergangenen Jahre immens an Bedeutung gewonnen. Aktuelle Forschung zeigt deutlich, dass IPZ sowohl zu Verbesserungen für die Patienten als auch für das Fachpersonal selbst führt.

An der Careum Hochschule Gesundheit in Zürich wurden unter Leitung von Prof. Ursina Baumgartner im Rahmen des Mentoring-Programms „Management in der Gesundheitswirtschaft“ der der B. Braun- und Careum-Stiftung (siehe Textkasten) sektorenübergreifende Innovationen aus der Schweiz mit Potenzial für eine Verbesserung der Versorgung vorgestellt und diskutiert.

Politisch umstritten und derzeitig noch nicht ausreichend untersucht sind mögliche Aufgabenverschiebungen, die sich durch verstärkte IPZ in der ambulanten Versorgung ergeben. Im Primary-care-Setting explorieren mehrere Kantone die Rolle von Advanced Nurse Practicioners (ANP), um deren Aufgaben besser definieren und die Ergebnisse wissenschaftlich auswerten zu können. ANP sind Pflegende mit einer speziellen Zusatzausbildung oder einem Pflegestudium, die erweiterte Aufgaben in der medizinischen Versorgung übernehmen, beispielsweise weniger komplexe Diagnosen und einleitende Therapien, während im Sinne enger IPZ Hausärzten und Spezialisten nur die komplexeren Fälle zugewiesen würden. Deutschland beschreitet aktuell mit der Ausbildung und dem vermehrten Einsatz von Physician Assistants einen ähnlichen Weg in der IPZ.

Konsequente Vernetzung aller beteiligten Akteure

Die in Deutschland bekannt gewordene innovative Initiative „Gesundes Kinzigtal“ diente als Vorbild für das Schweizer Projekt „Gesundes Freiamt“, ein regionales, bevölkerungsorientiertes Versorgungsmodell, das zum Beispiel Überversorgung oder unnötige Hospitalisationen gezielt vermeiden und dadurch Kosten senken will. Charakteristikum ist neben einer bewussten Patientenorientierung, Bedarfsgerechtheit und wohnortnaher Versorgung die Interprofessionalität. Übergeordnetes Ziel ist die konsequente Vernetzung aller beteiligten Akteure sowie das ineinandergreifende Arbeiten auf allen Ebenen. Dieser Bedarf wird in einem weiteren Projekt, der „Drehscheibe gesundes Freiamt“, aufgegriffen. Dabei handelt es sich um eine „kompetente und neutrale“ (häufig telefonische) Auskunft rund um Altersfragen und -belange. Zur Verfügung steht das Angebot sämtlichen Beteiligten, vom Betroffenen über Angehörige bis hin zu den Leistungserbringern.

Auch zwei weitere Projekte aus dem Kanton Zürich greifen den Bedarf des fortschreitenden demografischen Wandels auf und haben als inhaltliche Zielsetzung ebenfalls die Integration effektiver interprofessioneller Kommunikation und Zusammenarbeit im Alltag. Unter dem Namen CareNet bietet ein Pilotprojekt der Stiftung ProSenectute sektorenübergreifenden Koordination in der Versorgung älterer Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf an. Hierbei spielt die IPZ explizit eine Rolle, um die Wirksamkeit, Effizienz und Qualität der Altersversorgung zu steigern, nicht zuletzt um auch Kosten zu reduzieren. Jedoch ist, obwohl die bearbeiteten Einzelfälle bislang positiv evaluiert wurden, eine mögliche zukünftige Finanzierung einer Betriebsphase noch ungeklärt.

Einen anderen Ansatz verfolgt das Projekt AIDA-Care, das im Sinne einer aufsuchenden individuellen Demenzabklärung und -beratung durch die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich im Rahmen der nationalen Demenzstrategie in Auftrag gegeben wurde. Ausgerichtet ist es speziell auf verhaltensauffällige, sozial isolierte Menschen mit Demenz, die sich aufgrund ihrer Erkrankung keine Hilfe organisieren können. Unter pflegerischer Leitung lebt das Projekt mit den unterschiedlichen Akteuren (unter anderem Angehörige, Hausärzte, Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden, Krankenspitäler) von enger IPZ.

In sämtlichen Projekten wird deutlich, dass IPZ ein Kernpunkt für effektive und effiziente Versorgung ist und viele derzeitige Versorgungsformen in dieser Hinsicht defizitäre Strukturen aufweisen. Gleichzeitig muss IPZ politisch gewollt, finanziell gefördert und strukturiert geplant werden. An diesem Punkt spielen die Führungsqualitäten (Leadership) und eine strategische Planung eine entscheidende Rolle. Dementsprechend findet sich die implizite und explizite Integration von IPZ an diversen Stellen der offiziellen Projektdarstellungen. IPZ funktioniert nie alleine, sondern braucht Unterstützer und Teilnehmer, die die Idee und das inhaltliche Konzept von Interprofessionalität mittragen und öffentlich etablieren wollen.

Interprofessionelles Lernen in der Ausbildung verankert

Dass IPZ in der Praxis gelernt werden muss, haben auch die Ausbildungsstätten erkannt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Mentoringprogramms konnten sich vor Ort davon überzeugen, wie in Schweden Bildungseinrichtungen neue Wege eingeschlagen und interprofessionelles Lernen fest in der Ausbildung verankern. In Schweden hat die Region Stockholm eine Führungsrolle zur Verbesserung der Zusammenarbeit der im Gesundheitswesen tätigen Menschen übernommen und eine entsprechende Initiative gegründet. René Ballnus ist Leiter des Zentrums für interprofessionelles Lernen und Kollaboration, dem C-IPLS (Center for Clinical Interprofessional Learning and Collabora­tion), und betont die immense wechselseitige Bedeutung zwischen interprofessionellem Lernen (IPL) und IPZ. In Stockholm wird dies auf fünf klinischen Ausbildungsstationen in verschiedenen Krankenhäusern (Södersjukhuset, Karolinska, Huddinge, Solna und Danderyd) einschließlich zweier Notaufnahmen umgesetzt. Die Ziele der gemeinsamen Lernerfahrungen sind hochgesteckt. Während zunächst ganz grundsätzlich verstanden und beschrieben werden soll, über welche Fähigkeiten die jeweils anderen Berufsgruppen verfügen, soll schrittweise im Verlauf ein höheres Verständnisniveau erreicht werden. Die unterschiedlichen Gesundheitsberufler sollen analysieren und reflektieren können, wie die interprofessionelle Zusammenarbeit zu erhöhter Sicherheit und verbesserter Gesundheit der Patienten beitragen können. Zur Verwirklichung dieser Lernziele findet die interprofessionelle Ausbildung in ganz unterschiedlichen Settings und auf unterschiedlichen Ebenen statt. Beispiele sind diverse (teilweise simulierte) Sprechstunden, Hausbesuche, Ausbildungs- und Schulstationen sowie Simulations- und Trainingscenter. Teilnehmer stammen den Prinzipien des IPL entsprechend aus sämtlichen Gesundheitsberufen, typischerweise lernen also Pflegekräfte, Mediziner und Therapeuten (zum Beispiel Physio-, Ergo-, Musik- oder physikalische Therapeuten) in unterschiedlicher Zusammensetzung gemeinsam. Neben diesen im Team erfahrenen Lernelementen des IPL spielen auch eine virtuelle Aus- und Weiterbildung auf der Smart-Training-Plattform des Projekts eine große Rolle.

Wie effektiv die IPZ sein kann, zeigt auch ein Projekt aus dem Södersjukhuset, eines der größten Krankenhäuser Stockholms. Dieses beansprucht eine Vorreiterrolle in Schwedens Krankenhaus-Notfallversorgung. Die Intensivstation des Hauses hatte im Jahr 2013 die höchste risikoadjustierte Mortalität im Landkreis Stockholm und lag damit sogar höher als der Landesdurchschnitt. Mit dem Ziel, den Patienten eine angemessene Versorgung auf höchstem Niveau zu ermöglichen, wurden kontinuierliche Behandlungsstrategien entwickelt, interprofessionelle Arbeitsgruppen mit Mitgliedern aus allen Berufsgruppen etabliert und Arbeitsgremien umstrukturiert. Das Krankenhaus setzt nun auch auf Maßnahmen wie interprofessionelle Visiten, verbindliche Verantwortlichkeiten innerhalb der Behandlungsteams, Pflege- und Patientensicherheitskonferenzen sowie strukturierte Dokumentationen (Behandlungs- verlauf, Übergabe, Rundmails). Die digitalen, unterstützenden Systeme waren für dieses Vorhaben essenziell, um den Kontext interprofessioneller Zusammenarbeit intuitiv und sicher abbilden zu können. Als Folge all dieser Schritte konnte das Södersjukhuset die Qualität der Patientenversorgung deutlich verbessern und den Landesdurchschnitt bei der risikoadjustierten Mortalität in den folgenden Jahren unterschreiten. Aber nicht nur die Patienten des Södersjukhuset konnten von diesem Projekt profitieren. Auch die interprofessionellen Teams auf der Intensivstation nahmen die verbesserte und verzahnte Zusammenarbeit positiv wahr und leben diese nun als festen Bestandteil der Arbeitskultur. Dieses Beispiel unterstreicht, dass gezielte Leadership IPZ begünstigt und sich daraus tatsächlich eine gewinnbringende Verbesserung der IPZ im vermeintlichen „Schlachtfeld“ Krankenhaus und im Gesundheitswesen ergibt.

 

Mentoringprogramm: Management in der Gesundheitswirtschaft

Das Mentoringprogramm der B. Braun-Stiftung und der Stiftung Careum qualifiziert ambitionierte Nachwuchsführungskräfte aus der Gesundheitswirtschaft für weitere Managementaufgaben. Kernelemente des Programms sind die Vermittlung von Wissen, die Entwicklung eines Unternehmenskonzepts, die Erarbeitung von Lösungen in interprofessionellen Teams und die Verbindung mit einem Mentor. An der Careum Hochschule Gesundheit in Zürich wurden im letzten Mentoring-Programm unter Leitung von Professorin Ursina Baumgartner sektorenübergreifende Innovationen aus der Schweiz mit Potenzial für eine Verbesserung der Versorgung vorgestellt. Im Mai 2019 trafen sich Mentees, Mentoren und Alumni der B. Braun-Stiftung vom 24. bis 26. Mai in Stockholm, wo sie ihre während der Programmlaufzeit erstellten Business Cases und Versorgungskonzepte vorstellten und das schwedische Gesundheitssystem kennenlernten.

Mehr Informationen: www.bbraun-stiftung.de

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