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Grenzöffnung

Grenzöffnung

  • Politik
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  • 01.01.2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 1/2007

Die Politik reißt die Mauern zwischen den bisher weitgehend abgegrenzten Versorgungssektoren mehr und mehr ein. Die neue Durchlässigkeit gilt beidseitig und schließt in der Integrierten Versorgung jetzt auch die Pflege ein. Partnerschaftliche Kooperation und Vernetzung über die Sektoren hinweg stellen dabei eine echte Alternative zu einseitigen Aufkauf- und Expansionsstrategien dar.

"Und sie bewegt sich doch" – an dieses Zitat wird erinnert, wer sich derzeit mit der Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Vertragsärzten und Krankenhaus beschäftigt. Da blühen Kooperationsmodelle, niedergelassene Spezialisten ziehen in Facharzt-Zentren an Kliniken und übernehmen zusätzlich sogar Chefarzt-Positionen in hochspezialisierten Abteilungen. Es ist ganz offensichtlich: Die alte Dualität ambulant/stationär wird immer häufiger aufgehoben.

Die Gründe für diese Veränderungen sind vielfältig: Natürlich spielen die neuen Rahmenbedingungen durch das Anfang 2007 in Kraft getretene Vertragsarztrechtsänderungsgesetz eine Rolle – doch diese gesetzliche Neuregelung kann bisher ihre Wirkung noch gar nicht entfalten, weil die Detailbestimmungen in den Bundesmantelverträgen noch fehlen. Diese werden Kassenärztliche Bundesvereinigung und Spitzenverbände der Krankenkassen erst im Laufe des Mai endgültig abgestimmt haben.

„Ende von einheitlich und gemeinsam"

Ähnlich sieht es mit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz (GKV-WSG) aus: Zwar wird vor allem Dr. Klaus-Theo Schröder, der Staatssekretär im Bundesgesundheitsminis-terium, nicht müde zu betonen, dieses Gesetz sei „das Ende von einheitlich und gemeinsam" – so erst Ende März im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung des 2. Kongresses für Gesundheitsnetzwerker in Berlin. Er stellte drei zentrale Elemente für die zukünftige Entwicklung in den Mittelpunkt:

1. Eine Versorgung in hoher Qualität könne nur organisiert werden, wenn die alte Teilung der Versorgungssektoren schrittweise überwunden werde.
2. Die weitgehende Uniformität des Gesundheitssystems sei vorbei. Stattdessen werde es noch mehr besondere Versorgungsformen als bisher geben – „viele solcher besonderen Versorgungsformen", fügte er hinzu.
3. Und schließlich: Das Finanzierungssystem müsse so verändert werden, dass Anreize entstünden, die alten Säulen zu überwinden.

Dann verriet Schröder seine Vision, die eigentlich nur die Wiederherstellung eines alten Zustandes ist: Vor vielen Jahrzehnten bestimmte nämlich die Reichsversicherungs-ordnung nur, die Krankenkassen würden die Versorgung der Versicherten durch Verträge mit den Ärzten gestalten. Das – ergänzt um die anderen Leistungserbringer – wäre der Idealzustand.

Er wisse aber natürlich, ergänzte der Staatssekretär, dass der Weg dorthin sehr, sehr weit sei. Im Hinblick auf die bisherigen Ansätze zur Überwindung der Sektorengrenzen dagegen klagte der sonst eher als Berufsoptimist bekannte Schröder: Noch würden viele der Akteure an den hergekommenen Strukturen festhalten, statt die neuen Möglichkeiten der Grenzüberwindung zu nutzen.

An diesem Tag hätte der Staatssekretär vielleicht ausnahmsweise nicht nach dem Ende der Eröffnungsver-anstaltung ins Ministerium zurückeilen sollen – er hätte Wundersa-mes erfahren: In der Welt des versäulten deutschen Gesundheitssystems blühen viele kräftige Vernetzungs- und Kooperationsblumen. Die Zusammenarbeit geht sehr viel weiter, als die meisten Akteure noch vor zwei bis drei Jahren gedacht hatten.

Auslöser der neuen grenzüberschreitenden Vielfalt ist der Wettbewerb. Denn enge Koopera-tionen zwischen niedergelassenen Vertragsärzten und Kliniken kommen vor allem dort zustande, wo zwei oder mehr Kliniken am Ort in direkter Konkurrenz miteinander stehen. In einer solchen Situation finden sich dann nämlich Niedergelassene und Krankenhäuser zu vor Kurzem noch eher undenkbaren Grenzüberschreitungen zusammen.

Die Einzelkämpfer brauchen jetzt Verbündete

Befördert wird eine solche Entwicklung, wenn das größere Krankenhaus einseitige Expansionsstrategien in die ambulante Versorgung startet. Das nämlich schweißt plötzlich niedergelassene Ärzte zusammen, die bekanntermaßen überwiegend Einzelkämpfer sind, in einer solchen neu entstandenen Situation aber nach Verbündeten suchen – und diese meist im zweiten Krankenhaus am Ort finden.

So geschehen etwa in Fulda, wo das Klinikum mit der Gründung eines MVZ und dem aggressiven Aufkauf von Praxissitzen den endgültigen Anstoß zur Bildung eines Ärztenetzes von mittlerweile 161 Ärztinnen und Ärzten gab. Dieses Gesundheitsnetz Osthessen wiederum hat im zweiten Krankenhaus am Ort, dem Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda, den geborenen Kooperationspartner gefunden, auch wenn es bei einer solchen Ausgangsposition natürlich nach wie vor Verbindungslinien zum Klinikum gibt.Allerdings müssen die Kliniken, die solche Kooperationen mit Vertragsärzten fördern wollen, auch in Vorleistung treten. Dies wurde auf dem Gesundheitsnetzwerker-Kongress neben dem Beispiel aus Fulda auch am Beispiel der St. Franziskus-Stiftung Münster deutlich.

In beiden Fällen haben die Klinik-Vertreter die Initiative ergriffen und gezielt mit großen hochspezialisierten Facharztpraxen vor Ort Gespräche darüber begonnen, ob sie sich vorstellen können, in ein neu zu errichtendes Facharzt-Zentrum am Krankenhaus umzusiedeln. „Erst schauen, dann bauen" sei sein Grundsatz, betonte Dr. Klaus Goedereis, Vorstand der St. Franziskus-Stiftung.

Dahinter jedoch steckt eine Strategie, die auf den gezielten Auf- und Ausbau der eigenen Fachkompetenz sowie die Erweiterung und Vertiefung des Leistungsspektrums durch die Ansiedlung passender Facharztpraxen am Krankenhaus abzielt. Die dabei entstehenden Kooperationen können sehr weit gehen, betonte Goedereis. Im Falle Münster so weit, dass eine hochspezialisierte Fachabteilung gemeinsam mit Niedergelassenen betrieben würde und dabei auch Personalunionen im Hinblick auf Klinikpositionen entstünden.

Dagegen sei die Gründung von MVZ eine eher nachrangige Alternative, erläuterte Goedereis. Denn dies würde bei den niedergelassenen Ärzten zu unkalkulierbaren Ab-wehrreaktionen und zur Suche nach anderen Partnern führen. Ausnahmen seien lediglich MVZ, die offensichtlich bestehende Lücken in der ambulanten Versorgung füllen würden. Doch auch in diesen Fällen sei es ratsam, sich eng mit den Meinungsführern der Niedergelassenen abzustimmen, um nicht Ängste im Hinblick auf eine ungezügelte Ausweitung eines einmal bestehenden MVZ zu wecken.

Alexander Schmidtke, Geschäftsführer der St. Vinzenz Krankenhaus gGmbH Fulda, zu der auch das Herz-Jesu-Krankenhaus gehört, bestätigte in Berlin die strategische Ein-schätzung zum Thema MVZ aus Münster: Seine Kontakte zu vielen anderen Kliniken würden zeigen, dass die ursprünglich einmal entstandenen strategischen Vorhaben, mithilfe von Klinik-MVZ die ambulante Versorgung zu erobern, mittlerweile fast überall sehr viel realistischeren Szenarien gewichen seien. Schmidtke machte aber noch ein Weiteres deutlich, dass nämlich die gelungene Kooperation unter dem Stichwort „Brücken statt Mauern" für Kliniken nicht nur im Wettbewerb mit anderen Krankenhäusern wichtig sei, sondern zum Teil geradezu eine Überlebensfrage darstelle.

Für die möglichen positiven Effekte nannte der Klinik-Geschäftsführer eine konkrete Zahl: Das neue Gesundheitszentrum am Herz-Jesu-Krankenhaus werde pro Jahr rund 120 000 ambulante Patienten haben – und damit stelle ein solches Zentrum – neben allen anderen positiven Effekten für die Patientenversorgung durch die Konzentration medizinischer Kompetenz an einem Ort – auch so etwas wie einen Trampelpfad zum Krankenhaus dar. Dies sei ein gewollter positiver Effekt – und aus Sicht des Klinik-vertreters auch legitim.

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