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Schumpeter-Kolumne

Evolution studieren

Evolution studieren

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  • Titel: Politik
  • 01.01.2016

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 1/2016

 

Er prägte Begriffe wie kaum ein anderer Ökonom. Innovation und Unternehmertum, oligopolistischer Wettbewerb, Wirtschaftswachstum als Entwicklungsprozess, lange Wirtschaftszyklen und der Kreislauf der Wirtschaft sind die zentralen Punkte des umfassenden Werkes von Joseph A. Schumpeter, geboren 1883 unter der Residenz des österreichisch-ungarischen Kaisers Franz Joseph I. in der mährischen Kleinstadt Triesch (tschechisch Trest), gestorben 1950 als berühmter Professor an der Harvard University im US-Bundesstaat Massachusetts. Sein umfangreiches Werk findet bis heute Widerhall vor allem in der Soziologie und der Betriebswirtschaftslehre (BWL), unter Volkswirten ist es bemerkenswerterweise stark in Vergessenheit geraten.

Schumpeters Andenken

Ein neu (auf Deutsch) erschienenes Werk soll dazu beitragen, Schumpeter wieder ins Gedächtnis zu rufen. Verfasst im Jahr 2011 vom dänischen Professor Esben Sloth Andersen, Universität Aalborg, ist es unter dem Titel „Joseph A. Schumpeter. Eine Theorie der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Evolution" 2015 im Verlag Duncker & Humblot erschienen. Der Autor liefert einen kompakten Überblick über Schumpeters Leben und umfassendes Werk. Insbesondere arbeitet er Schumpeters Mittlerrolle zwischen den verschiedenen Schulen der Nationalökonomie heraus, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts einen Wettstreit um die Deutungshoheit lieferten: die in Deutschland dominante Historische Schule um Gustav Schmoller, die Österreichische Schule mit ihrem Gründungsvater Carl Menger und die vor allem im angelsächsischen Raum sich konstituierende Neoklassik, deren mathematisch fundierte Modellwelt bis heute die Curricula an den Universitäten weltweit dominiert.

Schumpeter war einerseits begeistert von den neuen Methoden der Neoklassik und förderte zudem die empirische Fundierung mittels statistischer und ökonometrischer Methoden, verlangte aber andererseits auch historisches Wissen und plädierte als „letzte These" kurz vor seinem Tod dafür, das Studium von konkreten Unternehmensgeschichten und ihrer Interaktion neu zu beleben.

Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, mehren sich die Stimmen jener, die eine Rückbesinnung auf Forschungsansätze jenseits der neoklassischen und ökonometrischen Modellwelt fordern. Wirtschaftliche Entwicklung als evolutorischen gesellschaftlichen Prozess wahrzunehmen, ist eine Forderung, die heute vor allem vonseiten der Förderer einer Wiederbelebung der ursprünglich Österreichischen Schule erhoben wird.

In Berlin plant die private BITSHochschule ab dem kommenden Jahr einen Master-Studiengang „Entrepreneurial Economics & Management", bei dem „Austrian Economics" einen zentrale Rolle spielen soll. Doch Schumpeters Ansatz ging über die stark normativ geprägten „Austrians" hinaus. Das zeigt Andersens Werk. So kann Schumpeter bis heute auch zwischen verschiedenen Denkschulen und Disziplinen vermitteln. Gerade deshalb lohnt sich eine Renaissance seines Forschungsansatzes. Vor allem Studenten der Betriebswirtschaftslehre, denen die Modellwelt der Neoklassik, die sie im Rahmen ihrer volkswirtschaftlichen Pflichtmodule meist verpflichtet sind zu lernen, abstrakt fremd bleibt, könnten von schumpeterisch geprägten Volkswirtschafts-Vorlesungen stärker beeindruckt werden.

Das gilt etwa für die Frage, wie die Antipoden vollständiger Wettbewerb und Monopol zu behandeln sind. Ein aktuelles Feld, das diese Frage aufwirft, ist etwa die Krankenhausplanung in Deutschland: Wollen wir zentrale Steuerung in Richtung monopolistischer Großkrankenhäuser, wie in Dänemark, oder Wettbewerb? Wie ist im letzteren System mit vermeintlichen Überkapazitäten umzugehen, wie mit der häufig thematisierten angebotsinduzierten Nachfrage? Letztlich fehlt für diese Debatte ein theoretischer Überbau. Die Auseinandersetzung mit dem Denken Schumpeters kann dafür ein Ansatzpunkt sein. Weniger neoklassische Modellwelt (nicht der völlige Verzicht auf sie), mehr Realitätsbezug, wie ihn Wirtschaftsgeschichte und evolutionäre Ökonomik bieten, wäre eine heilsame Weiterentwicklung vor allem für BWL-Studiengänge.

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