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Von der Geburtsstätte der ersten Badekur zum Gesundheitsland mit Ambitionen

Zurück zur Natur - Gesundheitswirtschaftsräume: Mecklenburg-Vorpommern

Zurück zur Natur - Gesundheitswirtschaftsräume: Mecklenburg-Vorpommern

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  • 01.02.2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 2/2007

Von der ersten Badekur am Ostseestrand zum heutigen Gesundheitsland Mecklenburg-Vorpommern war es ein weiter Weg. Das Ziel ist noch nicht erreicht, aber die Politik hat es im Blick.

Im Jahr 1793 gründete Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin in Heiligendamm das erste deutsche Seebad. Sein aus Rostock stammender Leibarzt Samuel Gottlieb Vogel baute bereits damals auf die heilenden Kräfte des Reizklimas für Haut, Atemwege, Herz und Kreislauf. Er empfahl seinem Regenten den Bau eines Bade-hauses direkt am Strand von Heiligendamm.

So entstand im Laufe weniger Jahre die „weiße Stadt am Meer" mit stilvoll klassizistischen Logierhäusern und einem prachtvollen Kurhaus, das erst jüngst als Grand Hotel restauriert in neuem Glanze erstrahlt. Auch wenn der Ort in den vergangenen Wochen mehr wegen des G8-Gipfels von sich reden machte, wirkte die mit Aerosolen angereicherte Seeluft auch in diesen Tagen auf die Besucher heilsam, die erklärtermaßen nicht als Badegäste kamen.

Am Anfang war ein Korb

Wenn Heiligendamm die Wiege des Gesundheitstourismus in Mecklenburg-Vorpommern ist, könnte die der Gesundheitswirtschaft Rostock sein. Dort baute Hof-Korbmacher Wilhelm Bartelmann 1882 den ersten Strandkorb in seiner Werkstatt an der Langen Straße. Es handelte sich um die Auftragsarbeit einer Rheumakranken: Als Badegast in Warnemünde suchte Elfriede von Maltzahn eine Sitzgelegenheit für den Strand, um die heilende Seeluft geschützt vor Sonne und Wind genießen zu können.

Schon bald avancierte das zunächst als Einsitzer konzipierte Strandmöbel zum Doppelsitzer, wurde Klönecke und bisweilen Liebeslaube. Die erste Strandkorbvermietung der Welt betrieb ab Sommer 1883 Bartelmanns Ehefrau Elise in der Nähe des Warnemünder Leuchtturms. So begann der Strandkorb seinen unaufhaltsamen Siegeszug entlang der deutschen Küsten.

Inzwischen ist er selbst in entlegensten Gärten des Binnenlandes und auf städtischen Balkonen zu finden: Der Strandkorb als Erinnerung an erholsame Ferientage am Meer und Ausdruck eines maritimen Lebensgefühls. Auch wenn zu Lebzeiten Wilhelm Bartelmanns niemand auch nur auf den Gedanken gekommen wäre, von „Gesundheitswirtschaft" zu sprechen, so beweist die Erfolgsgeschichte des Strandkorbes doch, wie Gesundheit und Wirtschaft sich wechselseitig befruchten können.

Mecklenburg-Vorpommern mag strukturschwach sein, aber es kann mit einem Pfund wuchern, von dem Politiker anderer Bundesländer nur träumen können: Etwa 1700 Kilometer lang ist Mecklenburg-Vorpommerns Ostseeküste. Dort herrscht ein mildes Reizklima. Das Land bietet zahlreiche Möglichkeiten gesundheitlicher Prävention und Regeneration. Dazu verhelfen auch natürliche Heilmittel wie Meerwasser, Moor und Kreide. „Seit 1990 sind in die Branche etwa 1,7 Milliarden Euro investiert worden. Wir haben 34 Krankenhäuser sowie 65 Kureinrichtungen und können auf 57 Kur- und Erholungsorte verweisen", erklärte Ministerpräsident Dr. Harald Ringstorff in seinem Grußwort anlässlich der 3. Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft Ende Mai 2007. Mecklenburg-Vorpommern hat dies als eine ökonomische Notwendigkeit erkannt.

Ziel ist es, Gesundheits-land Nr.1 zu werden

Die Gesundheitswirtschaft ist für die Landesregierung ein erklärter strategischer Wachstumskern. Solide Einkommensquellen müssen gefunden sein, wenn die EU-Fördermittel im Jahr 2013 und die Solidaritätsmittel für den Aufbau Ost 2019 auslaufen. Das Bundesland hat daher einen ehrgeizigen „Masterplan 2010" verabschiedet. Er beinhaltet sechs Handlungsfelder: die Gesundheitsprävention, den Gesundheitstourismus, Reha-Maßnahmen, Ernährung, Angebote für die Gene-ration „50 plus" sowie Life Science mit Biotechnologie und Hochschulmedizin. Ziel ist es, zum Gesund-heitsland Nr. 1 in Deutschland zu werden.

Dabei setzt das nordöstliche Bundesland vor allem auf eine enge Ver-netzung zwischen den ursprünglichen Gesundheitsversorgern, (Bio-) Technologiebetrieben und Wissenschaft. Welch unterschiedliche Wirtschaftsbereiche sich dabei zum wechselseitigen Nutzen die Hand reichen, veranschaulicht die im Internet (unter www.bcv.org) veröffentlichte Mitgliederliste des „Kuratoriums für Gesundheitswirtschaft des Landes Mecklenburg-Vorpommern". Sie umfasst aktuell 46 Mitglieder: von Krankenkassen, Krankenhausgesellschaften, Fachhochschulen und Universitäten bis hin zu Vertretern von Landesministerien, politischer Parteien, Gewerk-schaften, Handwerkskammern, Tourismusverbänden und einer Bank.

„Netzwerke bündeln Kompetenz", erklärte Wirtschaftsminister Jürgen Seidel erst kürzlich. Insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen böten sich Chancen, neue Produkte für die Gesundheitstechnik zu entwickeln und gemeinsam erfolgreich im Sinne einer Rundumversorgung für Patienten zu vermarkten. Als Beispiel nannte der Minister das „Kompetenznetzwerk Orthopädie", ein Zusammenschluss von Reha-Kliniken, Prothesenindustrie, Orthopädiewerkstätten, Ärzten, Kliniken und Hotels in Mecklenburg-Vorpommern. Es entstand in Zusammenarbeit mit der Universität Rostock und wird von dem 2001 gegründeten gemeinnützigen Verein „BioCon Valley Mecklenburg-Vorpommern e.V." betreut. Der Verein bündelt die Interessen aller in der Region Engagierten und bietet die Plattform für das gemeinsame Netzwerk der vertretenenen Unternehmen, Kommunen, Forscher und Privatleute.

Forschung und Entwicklung werden hoch geschätzt

Dass sich aus derlei vernetzten Aktivitäten sprunghafte Wirtschaftsentwicklungen ergeben können, beweist das Beispiel des Arzneimittelherstellers Riemser. Das auf Tumorund immunologische Erkrankungen spezialisierte Pharmaunternehmen mit Sitz auf der Insel Riems im Greifswalder Bodden wurde 1990 als Riemser Tierarzneimittel GmbH gegründet. Seit der Privatisierung 1992 wuchs der Umsatz von einer Million Euro auf 44 Millionen Euro im Jahr 2005. Die Zahl der Mitarbeiter stieg im gleichen Zeitraum nach Unternehmensangaben von 30 auf 380. Mit einem Etat von fünf Millionen Euro im Jahr 2006 forciert Riemser weiterhin seine intensive Forschungsarbeit.

Im Bereich der Veterinärmedizin entwickelt das Unternehmen Impfstoffe und Immunglobuline. Partner der Forschungs- und Entwicklungsabteilung sind dabei renommierte Forschungsinstitute und Universitäten in Deutschland und Europa. Im Land Mecklenburg-Vorpommern sind dies die Institute der Medizinischen Fakultäten der Universitäten Rostock und Greifswald sowie das seit Ausbruch der „Vogelgrippe" auch in der breiten Öffentlichkeit bekannte Friedrich-Loeffler-Institut.

Insgesamt erfreuen sich Forschung und Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern großer Wertschätzung und werden von politischer Seite mannigfaltig gefördert. So fand im Mai dieses Jahres ein zweitägiges „Innovationsforum" zum Thema „Intelligente Gassensoren in der Analytik und Medizin" (IGAMED) in Schwerin statt. Es soll nach Auskunft von Staatssekretär Dr. Stefan Rudolph (Wirtschaftsministerium) regionale Kooperationsbündnisse für Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Hochschulen aufbauen und erweitern. Eines der auf diesem Gebiet tätigen Unternehmen ist die Airsense Analytics GmbH in Schwerin. Deren „elektronische Nase" spürt mittels Gassensoren nicht nur Krankheiten auf, sondern kann auch in der Lebensmittelüberwachung eingesetzt werden.

Auf Gassensoren in der Analytik und Medizin setzt auch die in Wismar ansässige IT-Gambert GmbH. Sie hat einen elektrochemischen Sensor zur Asthmaerkennung entwickelt. Abgasmessungen zur Früh-diagnostik bei Karzinomen beschäftigen ein Forscherteam an der Universität Rostock. Die Wismarer En-vitec entwickelt Geräte zur Alkohol- und Drogenmessung.
Mit seinen zahlreichen gesundheitswirtschaftlichen Aktivitäten blickt Mecklenburg-Vorpommern auch über die Landesgrenzen hinaus. Im „ScanBalt"-Verbund haben sich Biotechnologie-Initiativen rund um die Ostsee zusammengeschlossen. Mitinitiator war auch hier BioCon Valley.

„Gesundheit gilt als Megatrend", sagt Ringstorff. Aber nicht nur Mecklenburg-Vorpommern hat die Chancen der Gesundheitswirtschaft erkannt. Auch andere Bundesländer arbeiten an einer jeweils landestypischen Positionierung als Gesundheitsland oder -region. National – ohne die Exporte der Industrie – setzt die Gesundheitswirtschaft nach Auskunft von Dr. Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, bereits rund 240 Milliarden Euro jährlich um. Das entspricht etwa elf Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die Branche ist bedeutsamer als die Automobilindustrie.

 

Zum Nachtisch Lupineneis: Pflanzliches Eiweiß gegen Allergien 

Zur Gesundheitswirtschaft gehören auch die Ernährungsforschung und deren Produkte. Das zeigte in Rostock die BioCon Valley, ein als GmbH geführter Verbund für Biotechnologie und Lebenswissenschaften. Über die vielfältigen Aktivitäten dieses Netzwerkes konnten sich die Kongressteilnehmer während der Pausen an einem Informationsstand ein genaueres Bild machen. BioCon Valley, eine Gründung des Landes Mecklenburg-Vorpommern, hat nach Auskunft seines Geschäftsführers Dr. Wolfgang Blank aktuell 131 Mitglieder und betreibt in Mecklenburg-Vorpommern unter anderem auch Gründerzentren.

Neuestes Produkt aus der Agrarforschung: rahmiges Lupineneis in verschiedenen Geschmacksrichtungen, das die Konferenzteilnehmer am Informationsstand von BioCon Valley probieren konnten. Das sind gute Aussichten für Milcheiweißallergiker, enthalten Feldlupinen doch Proteine, die statt des tierischen Eiweißes verarbeitet werden. Das in herkömmlichem Speiseeis verarbeitete Milchfett wird durch Rapsöl ersetzt.

Lupinen gedeihen dank ihrer langen Fallwurzeln gut und reichlich auf den sandigen Böden Mecklenburg-Vorpommerns. Ein weiterer Vorteil dieser heimischen Nutzpflanze: Anders als viele Sojasorten seien Lupinen nicht genmanipuliert, berichtete Katrin Petersen vom AgroBio Technikum Groß Lüsewitz. Auch in Wurstsorten kommen Lupinenproteine bereits zum Einsatz, berichtet Walter Kienast, Geschäftsführer der Greifen-Fleisch GmbH in Greifswald. Die Bockwurst sei dadurch „noch knackiger" geworden.

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