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Das Bundesforschungsministerium lobt Fördermittel für die Gesundheitsregion der Zukunft aus

Deutschland sucht die Superregion

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  • 01.03.2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 3/2007

Die Gesundheitswirtschaft kam in den Köpfen der Bundespolitiker bisher offenbar nur schemenhaft vor. Nun nimmt sich das Bundesforschungsministerium mit einem Wettbewerb „Gesundheitsregion der Zukunft“ erstmals des Themas an. Zu vergeben sind Fördermittel in Höhe von mehr als 50 Millionen Euro.

Als Fußballfan hat Josef Hilbert so seine Erfahrungen mit Wettkämpfen. Der Vorsitzende des Gesundheits- Clusters „Medecon Ruhr“ erinnert sich beispielsweise noch genau an die Deutsche Fußballmeisterschaft im Sommer 2001: In letzter Sekunde machten die Bayern dem FC Schalke 04 den Erfolg streitig und errangen den Titel. „Seither bin ich vorsichtig mit Prognosen, wer am Ende als Sieger dasteht.“

An diesen Grundsatz hält sich Hilbert auch, wenn er nach den Chancen der Ruhr-Region im Wettbewerb um die „Gesundheitsregion der Zukunft“ gefragt wird, den Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) auf dem diesjährigen „Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit“ ausgelobt hat. Die Ruhr-Region sei „fest entschlossen, mitzumachen“, sagt Hilbert, der auch Forschungsdirektor am Institut für Arbeit und Gesundheit (IAT) Deutschland sucht die Superregion Die Gesundheitswirtschaft kam in den Köpfen der Bundespolitiker bisher offenbar nur schemenhaft vor. Nun nimmt sich das Bundesforschungsministerium mit einem Wettbewerb „Gesundheitsregion der Zukunft“ erstmals des Themas an.

Zu vergeben sind Fördermittel in Höhe von mehr als 50 Millionen Euro. Von Thomas Hommel in Gelsenkirchen ist. „Im Ruhrgebiet leben rund 5,5 Millionen Menschen. Wenn man bei uns gesundheitswirtschaftliche Dienstleistungen auf die Straße bringen will, dann sind die Chancen, damit schnell eine kritische Masse zu erreichen, größer als anderswo.“ Außerdem beackere die Ruhr-Region seit Jahren das Thema Gesundheitswirtschaft. „Wir sind hier gut vernetzt und haben eine Reihe interessanter Projekte insbesondere in eHealth und Hightech-Medizin auf den Weg gebracht.“

Der Startschuss fällt im Herbst

Starten soll der Regionen-Wettbewerb in diesem Herbst mit der Ausgabe der entsprechenden Bewerbungsunterlagen. „Wir arbeiten zurzeit mit Hochdruck daran“, erklärt eine Sprecherin des Forschungsministeriums. Näheres kann sie noch nicht sagen, nur: „Das Interesse am Wettbewerb ist riesengroß: Seit Bekanntgabe rennen uns Fachleute und Journalisten die Türen ein.“ Aus allen eingereichten Anträgen werden im Frühjahr 2008 zunächst bis zu 20 ausgewählt, die für ein Jahr mit 100 000 Euro gefördert werden. In einem zweiten Schritt sollen im Mai 2009 die fünf besten Regionen gekürt werden. Diese erhalten dann für vier weitere Jahre jeweils zehn Millionen Euro vom Bund.

Schavan will die Akteure vernetzen

„Ziel des Wettbewerbs“, erklärt Schavan, „ist eine stärkere Vernetzung der Akteure der Gesundheitswirtschaft, die aufgrund der mehrfachen Segmentierung in der Vergangenheit notwendig geworden ist.“ Der Wettbewerb solle dazu beitragen, die Wege zwischen stationärer und ambulanter Versorgung zu verkürzen, Abläufe zu vereinfachen und die Potenziale der Gesundheitswirtschaft zu heben. „Wer über das Gesundheitssystem diskutiert, spricht bislang zu wenig über die Wirtschaftskraft, die in diesem Bereich liegt“, sagt die Politikerin.

Die Gesundheitsbranche, in der heute knapp elf Prozent des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet werden und mehr als 4,3 Millionen Menschen beschäftigt sind, habe sich in den vergangenen zehn Jahren „zum größten Wirtschaftszweig Deutschlands“ entwickelt, betont Heinz Lohmann, Krankenhausberater und Vorsitzender der „Initiative Gesundheitswirtschaft“. „Nahezu alle Regionen beschäftigen sich inzwischen mit diesem Thema.

Sie erkennen, dass die Gesundheitswirtschaft die mit Abstand stärkste Branche in ihrer Region ist – gerade was das Personal anbetrifft.“
In den vergangenen fünf Jahren sind bundesweit mehr als 20 Gesundheits- Cluster entstanden. „Die Akteure der Gesundheitswirtschaft rücken dadurch näher zusammen, lernen sich besser kennen und koordinieren ihre Arbeit“, erklärt Lohmann den Nutzen von Cluster-management. Bislang habe ein Medizinprodukte- Hersteller in einer Region mit dem dort ansässigen Vertreter einer Krankenkasse nur wenig zu tun gehabt. „Er stellte sein Gerät her, verkaufte es an irgendeinen Nutzer, und damit war er fertig.“ In Clustern könnten Nachfrager und Anbieter gemeinsame Entwicklungsarbeit leisten. „So entstehen Produkte und Dienstleistungen, die aus einem Guss sind und Patienten und Gesundheitskonsumenten in die Region locken.“

Zum Teil gehen die Cluster auf private Initiativen zurück – wie zum Beispiel der Verein „Gesundheitsstadt Berlin“ und die „Med in Leipzig“-Initiative in Sachsen. Oder es sind politisch gesteuerte Projekte, die von der jeweiligen Landesregierung vorangetrieben werden – wie etwa in Mecklenburg- Vorpommern, wo ein „Projektbüro“ die Gesundheitsakteure zusammenbringt, oder in Nordrhein- Westfalen, wo die „Arbeitsgruppe Gesundheitswirtschaft“ im Auftrag der Landesministerien für Gesundheit, Wirtschaft, Innovation und Umwelt aktiv an Leuchtturmprojekten der Region arbeitet. „Die Zeiten völliger Ablehnung des Begriffs Gesundheitswirtschaft sind vorbei“, schließt Berater Lohmann aus all diesem Treiben. Das Thema bekomme jetzt einen „völlig neuen Drive“. Dies durch einen Regionen- Wettbewerb weiter zu befördern, sei „außerordentlich positiv“.

Berlin kann den großen Schub auslösen

„Zum ersten Mal liegt eine Ankündigung auf dem Tisch, dass auch die Bundesregierung sich um das Thema Gesundheitswirtschaft kümmert – das ist klasse“, pflichtet Ruhr-Frontmann Hilbert bei. Zwar hätte er sich gewünscht, dass der Wettbewerb als gemeinsame Initiative der Ressorts Gesundheit, Wirtschaft und Forschung begonnen worden wäre. „Aber was nicht ist, kann ja noch werden.“

Der Vorsitzende des Vereins „Gesundheitsstadt Berlin“, Ulf Fink, erhofft sich durch den von ihm mit initiierten Vorstoß einen „ähnlichen Schub für die Gesundheitswirtschaft, wie ihn der Wettbewerb der Biotechnologie-Regionen für die Biotechnologie gebracht hat“. Davor habe Deutschland im internationalen Vergleich auf einem der hinteren Plätze gestanden. „Heute belegen wir eine Spitzenposition.“

Martin Tretbar-Endres von der „Gesundheitsinitiative“ in Schleswig- Holstein findet einen Regionen-Wettbewerb aus zwei Gründen erfreulich: „Er zeigt zum einen, dass Gesundheit nicht nur unter Kostenaspekten gesehen, sondern auch die hohe Bedeutung der Gesundheitswirtschaft für Innovation und Beschäftigung wahrgenommen wird. Zum anderen unterstreicht der Wettbewerb die wichtige Rolle, die die Regionen darin spielen.“

Tourismus und Gesundheit als wichtige Faktoren

In Schleswig-Holstein etwa sei die Gesundheitsbranche Arbeitgeber für 140 000 Menschen. „Das ist fast ein Fünftel aller Beschäftigten im Land.“ Als Beispiele für die Innovationskraft der Region nennt Tretbar- Endres die Elektronische Gesundheitskarte, das Partikeltherapiezentrum am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein und gesundheitstouristische Angebote, die von Ärzten und Touristikern erarbeitet werden.

Auf Gesundheitstourismus als Aushängeschild setzt auch die „Regionalmanagement Nordhessen GmbH“, die seit 2005 als Cluster für Tourismus, Wellness und Gesundheit in den fünf Landkreisen Kassel, Schwalm-Eder, Waldeck- Frankenberg, Werra-Meißner, Hersfeld- Rotenburg und der kreisfreien Stadt Kassel auftritt. Tourismus und Gesundheit seien wichtige Wirtschaftsfaktoren in Nordhessen, berichtet Geschäftsführer Holger Schach. Mit rund 6,3 Millionen Übernachtungen und 2,5 Milliarden Umsatz trage der Tourismus enorm zur regionalen Wertschöpfung bei.

Auch in der Gesundheitsbranche liege die Region mit 13 von insgesamt 33 hessischen Heilbädern, 90 Kliniken, 1 400 Praxen und rund 50 000 Beschäftigten ganz weit vorn. Jedes Jahr würden im Gesundheitssektor bis zu fünf Milliarden Euro erwirtschaftet. „Tun Sie nichts, dann ist solches Potenzial gefährdet.“ Mit dem geplanten Wettbewerb würden die Aktivitäten der Cluster gezielt unterstützt. Problematisch findet Schach allerdings, dass der Bund seine Fördergelder immer öfter über Wettbewerbe vergibt. „Die Gefahr ist dann groß, dass die, die nicht zu den Gewinnern zählen, hinten runterfallen.“

Claudia Küng, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Initiative „Health Care Bayern“, räumt den Gesundheitsregionen gute Chancen ein, die über eine klare Strategie, so genannte „Masterpläne“, verfügen. Aus diesen geht hervor, wie und mit welchen Schwerpunkten die Region in der Gesundheitswirtschaft punkten will. Entscheidend seien Konzentration auf regionale Stärken und Spezialisierung, meint Küng. „Von traditioneller chinesischer Medizin bis Hightech-Medizin alles anzubieten, das macht sicherlich keinen Sinn.“

 

Gesundheits-Cluster von Nord nach Süd

In der Physik steht der Begriff „Cluster“ für ein aus vielen Molekülen oder Einzelteilen bestehendes System. In der Gesundheitswirtschaft wird darunter der organisatorische Zusammenschluss wichtiger Akteure und Unternehmen einer Region verstanden – angefangen vom Klinikmanager über den Kassenvertreter bis hin zum Medizinproduktehersteller. Bundesweit werden aktuell mehr als 20 solcher Cluster gezählt. Sie haben verschiedene Rechtsformen und setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Manche von ihnen – wie in Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Nordrhein-Westfalen – haben eigene „Masterpläne“ entwickelt. In anderen Regionen wie Bayern oder Rheinland- Pfalz sind solche Strategiepapiere in Vorbereitung. Einige Cluster von Nord nach Süd sind:

Initiativkreis Gesundheit, Schleswig-Holstein Leitung durch das Landesministerium für Gesundheit. Schwerpunkte: Gesundheitstourismus, eHealth. www.schleswig-Holstein.de/gesund

Projektbüro Mecklenburg-Vorpommern Als GmbH tätiger Cluster, der an der Umsetzung des Masterplans arbeitet. Leitprojekte: Wellness, Gesundheitstourismus. www.bcv.org

Norgenta Gemeinschaftliche Projekt- und Servicegesellschaft der Länder Schleswig-Holstein und Hamburg. Ziele: Medizintechnik und Austausch zwischen Unternehmen und Hochschulen. www.life-science-nord.de

Zukunftsmarkt Bremen Ressortübergreifende politische Initiative. Aushängeschilder: Altersgerechte Dienstleistungen, eHealth. www.gesundheitswirtschaft-bremen.de

Gesundheitsstadt Berlin e.V. Zivilgesellschaftlicher Zusammenschluss wichtiger Player der Gesundheitsbranche. Setzt auf Forschung und Wissenschaft und will Produkte der „Gesundheitsmetropole“ auch international vermarkten. www.gesundheitsstadt-berlin.de

Netzwerk Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg Koordiniert als GmbH zwölf Handlungsfelder eines Masterplans für die Region Berlin-Brandenburg. www.healthcapital.de

Zentrum für Innovation in der Gesundheitswirtschaft, Ostwestfalen-Lippe Seit 2001 aktiv als regionaler Verein. Schwerpunktthemen: Rehabilitation, Heilbäder, Medizintechnik, eHealth. www.bio-tech-region-owl.de

Arbeitsgruppe Gesundheitswirtschaft, Nordrhein-Westfalen Politische Initiative verschiedener Landesministerien. Leitprojekte: Altersgerechte Dienste, eHealth.

Medecon Ruhr GmbH Spricht gezielt mittelständische Unternehmen an. Schwerpunkte: Stationäre Versorgung, neue Verfahren wie Proteomics, medizinische Mikrotechnik etc. www.medeconruhr.de

Regionalmanagement Nordhessen GmbH Arbeitet auf der Basis eines internen Masterplans. Schwerpunkte: Gesundheitstourismus, Kur, Reha. www.regionnordhessen.de

Med in Sachsen, Leipzig Als eingetragener Verein tätig, arbeitet derzeit an Ausdehnung in die gesamte Region. www.med-in-leipzig.de

Gesundheitswirtschaft Rhein-Main e.V. Förderung der regionalen Stärken Pharma und Forschung. www.gesundheitswirtschaft-rheinmain. de

Gesundheitsnetz Rhein-Neckar-Dreieck Als eingetragener Verein tätig mit dem Ziel einer stärkeren Vernetzung der Akteure. Schwerpunkte: Stationäre Versorgung, Hightech-Medizin. www.gn-rnd.de

Gesundheitswirtschaft Rheinland-Pfalz Initiative des Gesundheits- und Wirtschaftsministeriums, entwickelt derzeit Masterplan und Profil für die Region.

Bio-Pro Baden-Württemberg Als GmbH tätiger Cluster. Schwerpunkte: Medizintechnik, Pharma.

Health Care Bayern Arbeitet als eingetragener Verein an Gesamtstrategie für die Region. www.healthcare-bayern.de
 

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