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Senioren werden zur wichtigsten Konsumenten-Gruppe, und der Markt für professionelle Pflege wird boomen

Goldene Zukunft

Goldene Zukunft

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  • 01.03.2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 3/2007

Senioren werden zur wichtigsten Konsumenten-Gruppe, und der Markt für professionelle Pflege wird boomen. Das jedenfalls sagen die Autoren zweier neuer Studien über den Senioren- und Pflegemarkt voraus.

Für Politik und Gesellschaft mag es auf den ersten Blick wie eine Hiobsbotschaft klingen, für Unternehmen, die in der Pflege aktiv sind, sind die jüngsten Prognosen eher eine Verheißung: Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland wird aufgrund der unvermeidlichen demografischen Verschiebungen in den nächsten Jahrzehnten stark zunehmen. Das jedenfalls ist die Botschaft einer Studie zur Zukunft der Pflege, die Prof. Dr. Reinhold Schnabel von der Universität Duisburg-Essen im Auftrag der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ vorgelegt hat.

Die Prognose von Schnabel: Die demografischen Veränderungen bewirken eine gesamtwirtschaftliche Verschiebung hin zu Dienstleistungen am Menschen. Der Gesundheits- und Pflegesektor wird zum mit Abstand größten der deutschen Volkswirtschaft. Bereits mittelfristig wird ein Viertel der in Deutschland Beschäftigten in ihm tätig sein.
Kein Wunder, dass die Großen der Pflegebranche eine goldene Zukunft erwarten. So rechnen auch die Marseille-Kliniken mit einem stark wachsenden Pflegemarkt. Drei Faktoren würden dieses Wachstum antreiben: die demografische Entwicklung, das sich ändernde Gesundheitsbewusstsein der Deutschen sowie der steigende Kostendruck, der das Kosten-Leistungs- Verhältnis auf dem Pflegemarkt zu einem entscheidenden Wettbewerbsparameter machen würde.

Parallel stiege die Nachfrage nach qualitativ hochwertigeren Pflegeleistungen, erwarten die Analysten von Marseille. So stehen derzeit noch rund zwei Drittel der insgesamt etwa 750 000 Pflegebetten in Dreiund Mehrbettzimmern. Nachgefragt würden aber immer mehr Einzelzimmer mit höherem Wohnkomfort. Hinzu komme, dass Unternehmen auf dem Pflegemarkt externes Wachstum auch durch neue Pflegeheime erreichen können – anders als auf dem Krankenhausmarkt, auf dem externes Wachstum faktisch nur durch den Kauf von zugelassenen Krankenhäusern möglich sei.

Das bedeutet, dass sich nicht nur die Struktur der Einrichtungen vor allem in der stationären Pflege deutlich verändern, sondern auch die Zahl der Pflegeeinrichtungen und ambulanten Pflegedienste steigen wird. Derzeit gibt es fast 11 000 ambulante und nahezu 10 500 stationäre Pflegeeinrichtungen.

2030 werden 16 Milliarden Euro fehlen

Die Finanzierung von Pflegeleistungen über die Soziale Pflegeversicherung wird auch künftig eine bedeutende Rolle spielen. Allerdings wird der Eigenanteil der zu Pflegenden wachsen: Die so genannte Pflegelücke, also die Differenz zwischen den notwendigen Ausgaben für die Pflege und den Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung, weitet sich. Heute klafft diese Lücke nach den Berechnungen von Schnabel rund acht Milliarden Euro weit, im Jahr 2030 werden die Ausgaben bei nahezu 48 Milliarden Euro liegen, von denen die gesetzliche Pflegeversicherung lediglich 32 Milliarden Euro übernehmen wird.

Geschlossen werden muss die Pflegelücke durch mehr private Selbstbeteiligung und die Kommunen als Träger der Sozialhilfe. Die Selbstbeteiligung von Patienten und die Unterstützung durch die Kommunen („Hilfe zur Pflege“) werden sich, so Schnabel, bis zum Jahr 2050 verfünffachen. Denn die Soziale Pflegeversicherung war von vornherein lediglich als Teilkasko- Versicherung gedacht und ausgestaltet. Den nicht durch sie gedeckten Teil der Aufwendungen für die Pflege sollten die Pflegebedürftigen, die Angehörigen oder in letzter Konsequenz die Kommunen über die Sozialhilfe tragen. Diese Struktur ändert auch die Große Koalition mit ihrer geplanten Reform der Pflegeversicherung nicht grundlegend.

Die über 50-Jährigen sind die Zielgruppe der Zukunft

Doch nicht nur pflegebedürftige alte Menschen sind ein boomender Markt der Zukunft, sondern Senioren überhaupt. Gute, seniorengerechte Produkte und Dienstleistungen sind eine Wachstumsbranche, so Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen anlässlich der Vorstellung des neuen Unternehmensprogramms „Wirtschaftsfaktor Alter – Unternehmen gewinnen“. Allerdings steckt die Branche in Deutschland noch in den Kinderschuhen – so jedenfalls eines der wesentlichen Ergebnisse der Studie „Wirtschaftsmotor Alter“, die Roland Berger Strategy Consultants im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erstellt hat. Von der Leyen betonte, Deutschland könne es sich nicht leisten, diesen wichtigen Zukunftsmarkt anderen zu überlassen.

Das neue Unternehmensprogramm soll Wirtschaft, Wissenschaft, Verbraucher- und Seniorenorganisationen sowie die älteren Menschen selbst stärker miteinander ins Gespräch bringen. Hierzu wird eine eigene Geschäftsstelle eingerichtet, die eine Informations- und Kooperationsbörse für den Austausch zwischen Wissenschaft, Verbraucher- und Seniorenorganisationen sowie Unternehmen aufbauen wird. Der Bund stellt dafür in den Jahren 2008 bis 2010 rund vier Millionen Euro zur Verfügung.

„Die demografische Entwicklung in Deutschland ist auch eine Chance“, sagt Dr. Burkhard Schwenker, Chef von Roland Berger Strategy Consultants. Insbesondere hier eröffneten sich enorme Möglichkeiten für profitables Wachstum durch Innovationen. Diese Wettbewerbsvorteile sollten deutsche Unternehmen nutzen. Nach den Ergebnissen der Studie sind die über 50- Jährigen die Zielgruppe der Zukunft. Ihr Anteil am gesamten Konsum in Deutschland wird im Jahr 2035 bei 58 Prozent liegen, während die unter 50-Jährigen nur noch auf 42 Prozent kommen.

Die Ausgaben der über 65-Jährigen haben das höchste Wachstumspotenzial: Ihr Anteil am Gesamtkonsum steigt von knapp 18 Prozent auf etwas über 26 Prozent bis 2035 und erhöht sich damit um fast die Hälfte. Bereits heute haben die über 50-Jährigen bei allen Konsumgütern einen Anteil von mindestens 45 Prozent, bei Nahrungsmitteln, Bekleidung und Reisen ist es sogar fast die Hälfte.

Konsum-Gewinner: Gesundheit und Reisen

Die Konsumstruktur wird sich nach den Analysen bis zum Jahr 2035 substanziell verändern. Die großen Gewinner werden „Gesundheit“ sowie „Reisen und Hotels“ sein. Die Ausgaben für diese Segmente, so die Autoren der Studie, werden allein aufgrund der demografischen Entwicklung bis zum Jahr 2035 um zwölf respektive sechs Prozent steigen. Begleiteffekte der demografischen Entwicklung, wie etwa eine Zunahme des Anteils kleiner Haushalte, beeinflussen dieses Ergebnis nur wenig.

Der Seniorenmarkt, so prophezeien die Autoren von Berger Strategy Consultants, wird viel Raum für innovative Produkte und Dienstleistungen bieten. Die potenzielle Marktgröße sei ein zentraler Faktor. Denn je größer der Markt sei, auf dem das neu entwickelte Produkt abgesetzt werden könne, desto höher seien die Investitionsanreize.

Aus diesem „Marktgrößen“-Argument ergibt sich für Deutschland als eine der am frühesten alternden Gesellschaften Europas eine aussichtsreiche Startposition im internationalen Handel. Unternehmen, die sich früh auf dem heimischen Seniorenmarkt positionierten, könnten sich auf dem zeitlich verzögert wachsenden internationalen Markt für Seniorenprodukte strategische Wettbewerbsvorteile erschließen.

 

Die zentralen Aussagen der Studie zur Zukunft der Pflege in Deutschland

Die Zahl der Pflegebedürftigen wächst bis 2020 um 50 Prozent auf 2,7 Millionen, bis zum Jahr 2050 sogar auf 4,7 Millionen an. Kamen im Jahr 2005 auf 100 Erwerbsfähige im Alter von 20 bis 64 Jahren vier Pflegefälle, werden es in 2020 bereits 5,8 und 2050 sogar zwölf sein. Zugleich werden immer weniger Menschen ihre Angehörigen zu Hause pflegen. Kinderlosigkeit und Single-Dasein führen dazu, dass in Zukunft auf jeden Pflegebedürftigen immer weniger Angehörige kommen. Der Bedarf an professionellen Pflegekräften wird also steigen. Statt derzeit 545 000 Vollzeit-Beschäftigten in der Pflege werden es im Jahr 2030 über eine Million sein. Dann kommen auf 100 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte annähernd zehn Beschäftigte im Pflegesektor. Heute sind es nur 2,1. Der Markt für professionelle Pflege wird sich aufgrund dieser Entwicklung mit realen Wachstumsraten von jährlich drei Prozent ausdehnen. Bis zum Jahr 2020 wird er auf 37 Milliarden Euro wachsen, bis 2030 auf 48 Milliarden Euro und bis 2050 auf 72 Milliarden Euro. Die Steigerungen im Markt für stationäre Pflege werden nochmals höher liegen. Wegen einer stärkeren Preissteigerung im Pflegesektor wird der Anstieg sogar nochmals stärker ausfallen.

Die komplette Studie als Download unter: www.insm.de Soziales/Dossier_Pflege__Koalitionsausschuss.html

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