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Kriege und Krisen

Ärzte statt Krieger

Ärzte statt Krieger

  • Politik
  • Titel: Einführung
  • 01.03.2015

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 3/2015

Kriege und Krisen im Osten Europas, auf der arabischen Halbinsel und in Afrika: Gerät die Welt aus den Fugen? In jedem Fall muss Deutschland mehr humanitäre Kapazitäten haben, um mit den Folgen umzugehen.

300.000 Vertriebene und 2.500 Tote. Die Rede ist nicht vom Nahen Osten, nicht von der Ukraine und nicht von der Terrormiliz Boko Haram. Es handelt sich um die Opfer von Auseinandersetzungen zwischen Bauern und Hirten im nigerianischen Middle Belt. Das ist nur einer von weltweit 424 Konflikten, die das Heidelberger Institute for International Conflict Research im Jahr 2014 zählte. 46 dieser Konflikte wurden aufgrund des massiven Einsatzes organisierter Gewalt und ihrer gravierenden Folgen als „hochgewaltsam" eingestuft, teilte die Organisation Anfang März mit. 21 dieser hochgewaltsamen Konflikte hätten die höchste Intensitätsstufe eines Krieges erreicht. „Verglichen mit den 20 beobachteten Kriegen im Jahr 2013 verteilten sich diese im Jahr 2014 auf eine erheblich größere Anzahl von Staaten", heißt es
in der Pressemitteilung weiter. 

 

„Fähigkeitslücke" bei der Bundeswehr

Niemals seit dem Zweiten Weltkrieg herrschten auf der Erde mehr bewaffnete Konflikte. Dazu kommen Katastrophen wie das Erdbeben in Nepal oder die Ebola-Epidemie in Westafrika, welche die betroffenen Gebiete über viele Jahre hinaus in ihrer Entwicklung  zurückzuwerfen drohen. Im Mittelmeer und auf dem Indischen Ozean zeichnen sich Flüchtlingskatastrophen ab mit Tausenden von Menschen, die ertrinken oder auf hoher See verdursten. Vor einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit" warnte Papst Franziskus vor knapp zwei Jahren bei seinem Besuch auf der Mittelmeerinsel Lampedusa angesichts der vielen Flüchtlinge auf von Seelenverkäufern bereitgestellten Schleppern. Damit hat er die Debatte in Europa ins Zentrum der medialen Berichterstattung getragen. Blickt Europa, blicken Deutschland und der Westen gleichgültig auf die vielen Katastrophengebiete der Welt? Kommen wir unserer humanitären Verantwortung nach? Drohen Verwüstungen in anderen Erdteilen nicht zur Gefahr für das friedliche Leben in den Ländern des Westens zu werden, weil sie beispielsweise junge Menschen in die Fänge von terroristischen Netzwerken treiben? Die Deutschen engagieren sich zwar vielfältig in verschiedenen Krisenregionen der Welt, sei es durch staatliche Einrichtungen wie das Technische Hilfswerk, die öffentliche Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen wie dem Arbeiter-Samariter-Bund oder nahezu rein privat finanzierte Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen. Aber zugleich zeigen sich eklatante Defizite in den humanitären Fähigkeiten Deutschlands. Erinnert sei an die von Regierungssprecher Steffen Seibert konstatierte „Fähigkeitslücke", als es im vergangenen Jahr darum ging, infizierte Ebola-Helfer aus Westafrika auszufliegen. Nur die Amerikaner verfügten zum damaligen Zeitpunkt über ein entsprechendes Quarantäne-Flugzeug. Die Bundeswehr war offenkundig nicht fähig, vor Ort dringend benötigte humanitäre Hilfe zu leisten. Dabei herrschen beim Sanitätsdienst der Truppe offenkundig tiefgreifende Mängel. Das zeigte einmal mehr der Wehrbericht 2014 des gerade aus dem Amt geschiedenen Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, Hellmut Königshaus (FDP). Dort heißt es im Kapitel 15 unter der Überschrift „Sanitätsdienst der Bundeswehr im Fokus der Neuausrichtung" im ersten Satz: „An den gravierenden Personalproblemen in der sanitätsdienstlichen Versorgung, auf die in allen Jahresberichten der letzten Jahre aufmerksam gemacht worden ist, hat sich im Berichtsjahr wenig geändert. Ohne den massiven Rückgriff auf zivile Kapazitäten des Gesundheitssektors könnte die Grundversorgung der Soldatinnen und Soldaten nicht sichergestellt werden."

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr ist dem damaligen Wehrbeauftragten zufolge also nicht einmal in der Lage, die Truppe zu versorgen. Wie soll er da bei humanitären Einsätzen zivile Organisationen unterstützen oder gar selbst aktiv werden können? Dass dies zu seinen Aufgaben gehört, sieht zumindest Königshaus' Nachfolger, der neue Wehrbeauftragte Dr. Hans-Peter Bartels (SPD), so. In der Bundespressekonferenz gestand Bartels auf Nachfrage der Gesundheits-Wirtschaft zu: „Der Sanitätsdienst hat personell mit die größten Probleme." In vielen Bereichen müsse die Vorlaufzeit  verkürzt werden, damit er rasch einsatzbereit sei. Angesichts der humanitären Krisen ist ein exzellenter Sanitätsdienst vielleicht das beste Pfund der Bundeswehr. Möglicherweise ist dieser künftig sogar bedeutender als die Kampffähigkeiten der Truppe. Weißhelme gegen Seuchen.

 

Weißhelme gegen Seuchen

Immerhin will die Bundesregierung Konsequenzen aus dem Ebola-Desaster ziehen. Geplant ist der Aufbau einer Weißhelm-Truppe zur Seuchenbekämpfung. Berlin ist offenkundig bereit, hier auch alleine voranzugehen, wenn sich andere Staaten nicht beteiligen. „Wir werden bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) eine Kernmannschaft von Weißhelmen aufstellen, die in drei bis fünf Tagen überall auf der Welt im Einsatz sein kann", erklärte Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller (CSU) Anfang April das Konzept.

Es lässt sich darüber streiten, wie die Arbeitsteilung zwischen zivilen und militärischen Einheiten am besten gestaltet wird, um bei humanitären Katastrophen rasch helfen zu können. Unstrittig ist, dass Deutschland weitere Kapazitäten benötigt,  um international helfen zu können. Und auch im Umgang mit Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, müssen Staat und Gesellschaft ihrer Verantwortung nachkommen. Das gilt insbesondere auch für deren medizinische Versorgung. Angesichts der  politischen Weltlage gilt: Deutschland muss bei seinen humanitären und medizinischen Kapazitäten aufrüsten.

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