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Trotz vielfach gegenläufiger Interessen hat es die Lebensmittelbranche geschafft, einheitlich aufzutreten. Ein nachahmenswertes Beispiel

Eine Branche, eine Stimme

Eine Branche, eine Stimme

  • Politik
  • Titel
  • 01.04.2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 4/2007

Was haben Rinderzüchter, Pharmafirmen, Aldi oder Schnapsbrennereien gemeinsam? Sie gehören der Lebensmittelbranche an. Trotz der Heterogenität der Akteure und ihrer vielfach gegensätzlichen Interessen sowie der harten Konkurrenz untereinander hat es diese Branche geschafft, einheitlich aufzutreten und als solche wahrgenommen zu werden. Der Wettbewerb zwang die Marktteilnehmer zusammen. Die Geschichte der Lebensmittler erzählt die mögliche Zukunft der Gesundheitswirtschaft.

Gemeinsam sind wir stärker." Es gibt für Michael Welsch keine bessere Erklärung, warum sich eine große Branche mit vielen, sehr unterschiedlichen Sub-Branchen nicht als große Industrie auch gemeinsam aufstellen sollte. Welsch ist Geschäftsführer des Spitzenverbandes der deutschen Lebensmittelwirtschaft: des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) mit Sitz in Bonn.

Eine Branche – trotz gegenläufiger Interessen


Die Lebensmittelbranche hat vorgemacht, was sich Viele für die Gesundheitswirtschaft wünschen.  „Wir sind von unserer Mitgliederstruktur her ein absolutes Unikum", sagt der Geschäftsführer. Unternehmen, die scheinbar diametral entgegengesetzte Interessen haben, sitzen beim BLL an einem Tisch. Der Verband sieht sich als Schmelztiegel derer, die in irgendeiner Weise ihr Geld mit Lebensmitteln verdienen. „Wir spiegeln die Lieferkette wider", formuliert Welsch.

Die fängt in der Fleischproduktion beim Futter für die Tiere an. Deswegen sind im BLL die Tierfutter-Hersteller mit großer Selbstverständlichkeit Mitglieder und sehen sich auch als Akteure der Lebensmittelwirtschaft. Was im Fachjargon „Urproduktion" genannt wird, sind die Bauern und ihre Verbände sowie die Raiffeisen-Verkaufsorganisationen, die ebenfalls Mitglieder des BLL sind. Handwerker (Konditoren, Bäcker, Fleischer), deren Berufsausübung strengen Vorschriften der Handwerkskammern unterliegt, mischen trotzdem kräftig mit.

Spirituosen-, Süßwaren- und Feinkostbranche haben dem BLL ebenso ein Mandat gegeben wie die multinationalen Handelsketten Rewe, Metro oder Aldi. Der deutsche Einzelhandelsverband mit seiner „Food-Sparte" ist in der Mitgliederkartei, genauso wie die Konzerne Nestlé, Kraft oder Procter & Gamble. Erstaunlich nur auf den ersten Blick, dass Pharma-Größen wie Roche, Bayer oder Merck im Verband Beiträge zahlen, gehören sie ja eindeutig zur pharmazeutischen Industrie.

Aber sie sehen sich auch als Teilmenge der Lebensmittelbranche, wenn man bedenkt, wie viele Stabilisatoren, Weichmacher, Vitamine, Haltbarkeitsstoffe und Lebensmittelfarben aus den Labors der Chemiker kommen. Treue Mitglieder sind auch die Nahrungsergänzungsmittelhersteller, die ihre Kapseln, Pastillen, Tabletten, Pillen, Brausetabletten, Pulverbeutel und Flüssigampullen mit mehr oder weniger Wirkung an den Mann bringen.

Doch was wären Lebensmittel, wenn nicht schon die Verpackungen Inhaltsstoffe, Füllmengen und Gewichte  deklarierten und gleichzeitig Lust auf Kauf bereiteten. Also gehören die so genannten Bedarfshersteller wie Glasfabriken, Tetrapack-Firmen oder Weißblech-Werke zur Dosenherstellung ebenso zum Spitzenverband der  Lebensmittelbranche –und fühlen sich als Mitglieder. So denken mehr als 100 Verbände, 350 Unternehmen und unzählige „Kooperative Mitglieder" wie Anwälte, Laboratorien oder Unternehmensberater, die sich auf die Lebensmittelindustrie spezialisiert haben.

Wettbewerbsdruck zwingt Branche an einen Tisch
Dass die Gesundheitswirtschaft noch nicht so weit ist und sich Drogerien, Rehakliniken oder Zahnärzte nicht in einem Boot wähnen, liegt am bisher fehlenden Wettbewerb. Erst in den vergangenen fünf Jahren ist mehr Wettbewerb eingekehrt in die Gesundheitsbranche – und damit auch mehr Druck. „Und dieser wirtschaftliche Druck zwingt bei uns in der Lebensmittelindustrie sogar heftige Wettbewerber an einen Tisch", sagt Verbandschef Welsch.

Weil auch schon vor mehr als 100 Jahren beim Thema Lebensmittel in Deutschland Wettbewerb herrschte, hat diese Branche bereits viel mehr Übung, mit Konkurrenz, Gegenspielern und eigentlich ganz anders Denkenden eine große Runde zu bilden. Die Ursprünge des Spitzenverbandes der Lebensmittelindustrie gehen auf das „Deutsche Nahrungsmittelbuch" zurück.

Es erschien im Jahre 1905, enthielt Begriffsbestimmungen, Beschaffenheits- und Bezeichnungsregeln für Lebensmittel. Und weil es ein verlässliches Buch war und sorgfältig, verantwortungsbewusst und abgewogen beraten und beschlossen wurde, war es anerkannt. „Es ist ganz wichtig, dass eine Branche und ihr Sprachrohr von Behörden und Gerichten sowie Bundes- und Landesregierungen ernst genommen werden", sagt Verbandsmanager Welsch.  Der Nürnberger Bund, Vorgänger-Institution des heutigen Spitzenverbandes der Lebensmittelwirtschaft, hatte es auch erreicht – damals keine Selbstverständlichkeit –, dass in § 6 des Lebensmittelgesetzes von 1927 vorgeschrieben war, vor Erlass von Verordnungen den Nürnberger Bund  zu hören.

Und so ist es auch bei dem nach der Nazi-Zeit wieder gegründeten Nachfolge-Verband BLL. „Keine wichtige Verordnung, kein Gesetz, zu dem wir nicht befragt werden", sagt Welsch. Wenn er es für nötig hält, bekommt er bei Staatssekretären und Ministern sofort einen Termin. Und weil Spitzenpolitiker jederzeit mit ihm sprechen wollen, führt der Geschäftsführer stets ein Handy mit einer Geheimnummer mit sich. „Nach 30 Jahren kennt man sich", sagt der Lobbyist. Es gebe Regierungsmitglieder, die, sofern nötig, selbst an Weihnachten anriefen.

Angesichts der Vielzahl unterschiedlichster Mitglieder sei Einheitlichkeit in allen Positionen nicht zu erreichen. Dazu seien die Interessen viel zu konträr, wenn beispielsweise einerseits die Nahrungsmittelhersteller über die „Macht des Handels" und das „Listen von Produkten" klagten, andererseits der Handel die Preispolitik der Hersteller kritisiere. „Dennoch", sagt Welsch, „wenn man will – und nur dann – kann man viele gemeinsame Interessen erkennen – und durchsetzen." Und weiter: „Wir entwickeln als Ansprechpartner von Justiz, Politik und Industrie eine Essenz, die niemand mehr ignorieren kann."

Die Fachpresse schweißt die Branche zusammen
Wenn der Spitzenverband sich äußere, dann sei das „vom Gestrüpp der Außenseitermeinungen gereinigt" und damit Konsens. „Basta." Deswegen sei das Wort des Verbandes für alle verbindlich. „So wird man als Branche in der öffentlichen Meinung als Ganzes wahrgenommen", erklärt er.

Wichtige, große Branchen haben darüber hinaus auch noch andere Organe, die sie zusammen schweißen, Trends und Entwicklungen analysieren und nötigenfalls auch einmal einen Klaps austeilen: eigene Fachzeitschriften. Die Lebensmittelbranche hat mit der „Lebensmittelzeitung" einen der besten Fachtitel Europas. Und die Gesundheitsbranche hat seit April dieses Jahres ebenfalls ein solches Magazin. Sie halten es in den Händen.

Thomas Grether ist freier Wirtschaftsjournalist in Bad Homburg.

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