344
Passwort vergessen

Die Integrierte Versorgung offenbart Effizienzreserven in Milliardenhöhe

Statt 117 nur 44 Tage krank

Statt 117 nur 44 Tage krank

  • Politik
  • Politik
  • 01.04.2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 4/2007

Die Integrierte Versorgung hebt die Lebensqualität der Patienten und senkt die Dauer der Arbeitsunfähigkeit. Vor allem aber offenbart sie Effizienzreserven in Milliardenhöhe, die über Jahrzehnte ungenutzt blieben, weil die Leistungsanbieter segmentiert handelten und falschen ökonomischen Anreizen folgten.

Voraussetzung für den Erfolg der Integrierten Versorgung ist es, die historisch gewachsenen Versorgungs- und Budgetgrenzen zwischen den Anbietern medizinischer Leistungen zu überwinden. Zwischen niedergelassenen Ärzten, Krankenhäusern oder Physiotherapeuten einerseits sowie den Kassen andererseits handelt ein Vertragsmanager einen medizinisch und ökonomisch optimierten Behandlungsablauf aus und überwacht, ob sich alle Beteiligten an die Vereinbarung halten.

Christoph Jaworski ist Geschäftsführer der Medicalnetworks in Kassel. Es ist mit einem betreuten Vertragsvolumen von 25 Millionen Euro pro Jahr eines der großen Unternehmen, das solche Verträge in Deutschland vermittelt und die Integrierte Versorgung in Zusammenarbeit mit den Vertragspartnern sicherstellt.

600 Leistungserbringer unter Vertrag 

Medicalnetworks hat in Deutschland 600 Leistungserbringer unter Vertrag, darunter 380 Ärzte. Allein in Hessen sind es gut 404 Dienstleister. Von diesen musste Medicalnetworks bisher lediglich 15 wegen mangelnder Qualität oder Differenzen in den Abrechnungen kündigen. Jaworski war zunächst OP-Pfleger, studierte dann Ökonomie und war über Jahre in der Gesundheitsindustrie als Projektleiter tätig, bevor er gemeinsam mit seiner Frau 2004 das Unternehmen gründete. In Hessen betreut er seit 2005 für die Betriebskrankenkassen die Entwicklung des Vertrages über die Integrierte Versorgung in der Orthopädie. Erster Vertragspartner war das Gelenkzentrum Wiesbaden.

Heute nehmen an dem Vertrag 140 orthopädisch-chirurgisch tätige Ärzte in hessischen Praxen und Kliniken sowie auf der Kassenseite die Betriebskrankenkassen (BKK) und die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) teil. Die BKK hat in Hessen einen Marktanteil von 22 Prozent, die AOK von 40 Prozent. Mitte dieses Jahres schlossen sich mit dem Gesundheitsnetzwerk Nordhessen (GNN) erstmals auch Hausärzte dem IV-Vertrag an. Das GNN hat 170 Mitglieder, von denen 30 an dem chirurgisch-orthopädischen Versorgungskonzept teilnehmen. Jaworski erwartet, dass durch die Einbeziehung der Hausärzte in die Diagnose und Behandlung vor und nach der Operation durch Chirurgen und Orthopäden die Effizienz der Behandlung – gemessen in der Dauer der Arbeitsunfähigkeit – um weitere zehn Prozent steigen wird.

IV verkürzt Warte- und Überleitungszeiten
Für den Patienten ist die Therapie attraktiv, denn sie ist nachweislich effektiv und zuzahlungsfrei. Nach Auffassung der Kassen und der beteiligten Dienstleister, der Ärzte, Physiotherapeuten und Sanitätshäuser, beschleunigt die Integrierte Versorgung den Behandlungsprozess. In ihr sind die einzelnen Schritte der Diagnose und Therapie besser aufeinander abgestimmt als zuvor. Nicht nur die Wartezeiten werden so deutlich verkürzt, weil der Patient schon vor der Operation aufgefordert wird, sich aus einer Liste von Physiotherapeuten den richtigen Partner für die Zeit nach dem Eingriff auszusuchen.

Entscheidend ist auch die gesteigerte Bereitschaft der Vertragsärzte, den Patienten, wenn es nötig ist, unverzüglich an einen qualifizierten Kollegen weiterzuleiten, da die Ärzte ein festes, kalkulierbares Honorar außerhalb jenes Budgets erhalten, das die Krankenkassen für die jeweilige Arztgruppe innerhalb der gewöhnlichen vertragsärztlichen Versorgung zur Verfügung stellen. Die Ärzte verlieren also keine Einnahmen, wenn sie den Patienten weiterleiten. Zugleich stellt Jaworski sicher, dass nur hinreichend qualifizierte Anbieter, ob Ärzte, Physiotherapeuten oder Sanitätshäuser, an der Versorgung teilnehmen, die diese Qualifikation zum Beispiel über entsprechende Zertifikate oder OP-Zahlen per anno (als Mindestmengenvorgabe je Operateur) nachweisen können.

Dies führt innerhalb der Ärzteschaft freilich zu Missmut, denn die Fiktion, alle Ärzte seien gleichermaßen qualifiziert, wird als solche entlarvt. Der Vertragsmanager wacht nicht nur über die Qualität der Vertragspartner, sondern über die Wartezeiten, die Dauer der Behandlung sowie die Wirtschaftlichkeit in der Verordnung und Verwendung von Heil- und Hilfsmitteln.

Schließlich evaluiert Medicalnetworks jeden einzelnen Therapieerfolg. Mitarbeiter des Managementunternehmens stellten bisher jedem der 6.000 Patienten, die orthopädisch-chirurgisch nach dem IV-Vertrag versorgt wurden, 40 Fragen nach dem Therapieerfolg, der Zufriedenheit mit den Dienstleistern, nach den Wartezeiten sowie der Mobilität nach dem Eingriff und nach der Dauer der Arbeitsunfähigkeit.

Matthias Grün, Abteilungsleiter im Haus der AOK-Hessen und dort zuständig für die Integrierte Versorgung, ist „begeistert" ob des Erfolges der Integrierten Versorgung und des Vertragsabschlusses mit dem GNN. Er kann sich vorstellen, dass seine Kasse weitere Verträge abschließt und nennt Gynäkologie und Kardiologie als mögliche Fachgebiete, auf denen es lohnte, die Prozesse zu optimieren.

 

Beispiel: Komplexe Vorfußrekonstruktion Die Kasse spart 4328,90 Euro je Fall

Heinz Janssen von der Bremer Fachhochschule hat den Erfolg des hessischen „Orthopädievertrages" anhand anonymisierter Daten verschiedener Betriebskrankenkassen aus den Jahren 2005 und 2006 ermittelt. Die Dauer der Arbeitsunfähigkeit wegen einer Kreuzbandplastik sank dank Integrierter Versorgung gegenüber dem Durchschnitt einer klassischen, unkoordinierten Behandlung von 75,8 auf 51,9 Tage. Bei Patienten im Alter von 50 bis 59 Jahre sank die Dauer der Arbeitsunfähigkeit von 114,3 auf 61,5 Tage.

Damit sparte die Kasse allein an direkten Kosten 1.417,73 Euro je durchschnittlichem Fall (alle Altersgruppen). Darin sind das Krankengeld und die Behandlungskosten ebenso eingerechnet wie die Beiträge des Versicherten an seine Kasse von durchschnittlich neun Euro am Tag, die dieser während des Krankengeldbezuges nicht bezahlt. Bei den indirekten Kosten ist zum Beispiel die größere Wertschöpfung des Patienten nicht berücksichtigt, die dieser erzielt, weil er früher wieder seine Arbeit aufnehmen kann.

Nach der arthroskopischen Schulterrekonstruktion sank die Dauer der Arbeitsunfähigkeit im Durchschnitt aller Altersgruppen von 103,7 auf 63 Tage. Die direkten Kosten sanken um 2.413,51 Euro je Fall. In der Altersgruppe von 50 bis 69 Jahre sank die Dauer der Arbeitsunfähigkeit von 116 auf 66 Tage.

Nach der arthroskopischen Schulterdekompression minderte die Integrierte Versorgung die durchschnittliche Dauer der Arbeitsunfähigkeit von 72,1 auf 37,2 Tage. Die Kasse spart direkte Kosten von 2.069,57 Euro je Patient. Nach der komplexen Vorfußrekonstruktion sank die Dauer der Arbeitsunfähigkeit von 117,2 auf 44,2 Tage. Die direkten Kosten je Patient minderten sichum 4.328,90 Euro.

Autor

Unsere Zeitschriften

f&w

Pflege und Krankenhausrecht

Empfehlung der Redaktion

Entgeltverhandlungen 2018: Was Krankenhäuser jetzt wissen müssenm

Weitere Artikel dieser Ausgabe

Kontakt zum Kundenservice

Rufen Sie an: 0 56 61 / 73 44-0
Mo - Fr 08:00 bis 17:00 Uhr

Senden Sie uns eine E-Mail:
info@bibliomedmanager.de

Häufige Fragen und Antworten finden Sie im Hilfe-Bereich