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Rhön und Siemens führen die webbasierte elektronische Patientenakte ein

EPA: Die unbemerkte Revolution

EPA: Die unbemerkte Revolution

  • Innovation
  • Unternehmen & Markt
  • 01.04.2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 4/2007

In Neustadt an der fränkischen Saale hat vielleicht eine Revolution in der Gesundheitswirtschaft ihren Anfang genommen. Wolfgang Pföhler, Vorstandsvorsitzender der Rhön-Klinikum AG, und Erich Reinhardt, Mitglied des Vorstands der Siemens AG und Vorsitzender des Bereichsvorstands von Siemens Medical Solutions, unterzeichneten am Sitz des Klinikkonzerns den Vertrag zur Einführung der webbasierten elektronischen Patientenakte (Web EPA). Wer immer noch denkt, das sei nur ein neues „Tool" für Computerfreaks, der wird sich bald die Augen reiben.

Die Rhön-Klinikum AG bricht mit dem Hergebrachten. Sie wird von nun an ihre 46 Kliniken mit Hilfe einer webbasierten elektronischen Pa-tientenakte (Web EPA) vernetzen. Projektpartner des größten privaten Krankenhauskonzerns in Deutschland, der jährlich mehr als eine Million Patienten behandelt, ist die Siemens Medical Solutions. Die Krankenhaus AG hat sich mit anderen Kliniken, öffentlichen Einrichtungen und dem Fraunhofer Institut für Software- und Systemtechnik im Projekt „elektronische Fallakte" (EFA) zu einem offenen Konsortium zusammengeschlossen und Siemens als Industriepartner benannt.

Siemens will mit dem Projekt seine nach eigenen Angaben führende Position im europäischen E-Health- Sektor ausbauen. Im französischen Limousin implementierte Siemens zum Beispiel 5.000 elektronische Patientenakten ambulant und stationär in einem Pilotprojekt. In Schottland läuft ein Screening-Programm von Siemens zur Früherkennung diabetischer Retinopathie mit 213.000 registrierten Patienten.

In der Web EPA sollen künftig sämtliche Daten eines Behandlungsfalls nach dem EFA-Standard zusammengefasst werden. Sie ist eines der größten E-Health-Projekte in Europa. Mit der Web EPA können die behandelnden Ärzte – im Notfall innerhalb von Sekunden – auf die gesamte medizinische Vorgeschichte eines Patienten zugreifen und Befundberichte, Röntgenbilder, CT-Aufnahmen und andere Daten einsehen, selbst wenn der Patient zum ersten Mal in der betreffenden Klinik behandelt wird und die Daten bei anderen Gesundheitsdienstleistern gespeichert sind. Nach Einwilligung des Patienten können Informationen wie Einweisungen oder Entlassbriefe unter jenen Ärzten ausgetauscht werden, die an der Behandlung eines Patienten beteiligt sind.

Die Innovation kommt nach Auffassung der Rhön AG vor allem den Patienten und der Qualität zugute:  „Wenn die benötigten Informationen unmittelbar bereitstehen, fallen unangenehme und qualitätshemmende Wartezeiten weg. Zudem stehen mehr Informationen als bisher zur Verfügung, sodass die Ärzte die Therapie noch besser an die individuellen Bedürfnisse des Patienten anpassen können." Nicht zuletzt könnten mit der Web EPA Doppeluntersuchungen und Ausgaben eingespart werden. Insgesamt führe sie zu einer höheren Leistungsfähigkeit und Produktivität der Krankenhäuser.

Nachdem die Web EPA im Herzzentrum Leipzig (Universitätsklinik) und Parkkrankenhaus Leipzig-Südost als Häusern des Rhön-Konzerns erfolgreich erprobt wurde, werden nicht nur alle Häuser des Konzerns eingebunden, sondern auch dessen Medizinische Versorgungszentren und niedergelassene Ärzte.

 

Die webbasierte elektronische Patientenakte (Web EPA): Medizin auf dem Weg zu einer neuen Professionalität


Die Vernetzung von Datensystemen und der weltweite Austausch von Informationen sind längst eine Selbstverständlichkeit. Im Medizinbetrieb aber scheint es, als wäre die Zeit stehengeblieben. Während Schornsteinfeger und Landwirte ihre Arbeit ohne Laptop nicht mehr verrichten können, führen Krankenschwestern noch immer Patientenkladden und hegen Ärzte ihr Wissen ein. Sie klagen über Dokumentationspflichten, anstatt Transparenz wertzuschätzen.Vor allem die einzelnen Akteure des Gesundheitswesens, die ihre Partikularinteressen besonders effektiv vertreten können, weil sie politisch institutionalisiert sind, verhindern den Fortschritt und Effizienzsteigerungen in Milliardenhöhe unter dem Hinweis auf das vermeintliche Patienteninteresse oder den Datenschutz, denn die Verfügungsgewalt über Daten bedeutet Macht, und Transparenz birgt das Risiko der öffentlichen Kontrolle.

Für Rhön ist die EPA Teil eines Konzeptes, mit welchem der Vorstandsvorsitzende des Konzerns, Wolfgang Pföhler, die Medizin vom gegenwärtigen Stadium der Manufaktur hin zu einer Medizin in einem neuen Maßstab führen will. Rhön möchte über eine Standardisierung von regelmäßig angewandten Prozessen zu einer qualitativ hochwertigen und in den Abläufen effizienteren Medizin gelangen. Der Konzern setzt nicht auf die Behandlung einzelner weniger zahlungskräftiger Patienten, sondern will nach dem „Prinzip Volkswagen" Spitzentechnik für alle zu einem bezahlbaren Preis bereitstellen. Es gilt, in einem Massenmarkt die Qualität als Ziel zu setzen. Dann stellt sich die Rendite gleichsam als Nebeneffekt ein. Insofern denkt Pföhler auch über eine private Krankenversicherung mit einkommensabhängigen Sozial-Tarifen nach, um die Zahl der Nachfrager nach Leistungen zu maximieren. Rhön will Prozesse rationalisieren, statt Leistungen rationieren.

In Verbindung mit bisher noch teuren Diagnose- und Behandlungsmethoden, die bei Rhön mit neuen bildgebenden Verfahren oder mit der Partikeltherapie gegen Krebs bald zur Standardversorgung werden sollen, und mit neuen Projekten wie der EPA wird auch die Forschung ein neues Niveau erreichen. Studien gründeten nicht mehr auf einer relativ kleinen Zahl an Patienten, sondern auf einer Basis, die Millionen zählen könnte. Rhön zielt darauf, aus einer treffsicheren Diagnose und durch die Vernetzung der Daten neues Wissen zu generieren, um im Individualfall Vorhersagen über die Wahrscheinlichkeit künftiger Erkrankungen treffen zu können und die Behandlung evidenzbasiert zu planen. Das hülfe nicht nur dem einzelnen Patienten, sondern sicherte auch die Investitionsentscheidungen des Konzerns ab und erleichterte die Refinanzierung der modernen Medizin.

Claus Peter Müller von der Grün ist Redakteur der FAZ.

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