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In Hessen schließt der VdAK einen Modellvertrag zur ambulanten Versorgung seiner Versicherten ab - ohne die KV

Der Wettbewerb als Spielverderber

Der Wettbewerb als Spielverderber

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  • 01.05.2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 5/2007

Bislang stellte die Kassenärztliche Vereinigung (KV) die gesamte ambulante ärztliche Versorgung sicher – von der Badstraße bis zur Schlossallee. Doch nun hat der Gesetzgeber eine neue Karte ins Ereignisfeld geschoben, und die Ersatzkassen haben sie gezogen: Sie schließen in Hessen einen Modellvertrag mit einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) ab. Dieses Spiel will die KV dem neuen Mitbewerber verderben. Sie rief zum Boykott auf. Nun heißt es für alle „Mensch ärgere Dich nicht“. Demnächst auch in Baden-Württemberg? Dort plant die AOK ein ähnliches Projekt.

Bisher wirkten die Vertragsärzte im geschützten Raum, denn ihre Körperschaft, die KV, hatte gleichsam das Monopol zur Behandlung der Kassenpatienten, also für neun von zehn Deutschen. Dann aber führte der Gesetzgeber den Paragrafen 73 c in das Sozialgesetzbuch V ein. Dieser erlaubt es den Kassen, die ambulante Versorgung in einer Region auch von anderen Anbietern einzukaufen.

In der Region Kassel, einem Gebiet mit etwa 620 000 Einwohnern, hat der Verband der Angestellten-Krankenkassen (VdAK) diese Chance nun zum ersten Mal genutzt und Ende September die gesamte ambulante ärztliche Versorgung ausgeschrieben (wir berichteten). Thomas Ballast, Leiter der Vertragsabteilung beim VdAK, sagt, der Verband habe in Deutschland nach möglichen ambulanten Versorgungsstrukturen gesucht, die für einen solchen Versuch geeignet seien – und diese in Kassel gefunden.

Dort gibt es ein Medizinisches Versorgungszentrum namens Medikum, das einer Gruppe von Ärzten gehört. Geschäftsführer ist der Allgemeinarzt Dr. Arif Ordu. Kritiker wenden ein, die Ausschreibung sei exakt auf dieses MVZ zugeschnitten gewesen. In der Tat war das Medikum der einzige Bewerber. Anfang November erhielt es – zentral am Hauptbahnhof gelegen – den Zuschlag. Die Widerspruchsfrist verstrich bis Ende November, ohne dass Einwände eingegangen wären.

Das neue Versorgungsmodell soll mit dem Jahreswechsel beginnen. In der Testregion müssen die Versicherten der Ersatzkassen nicht an dem Versuch teilnehmen, können sich aber in das Modell einschreiben. Ballast sagt, die KV versorge die Patienten nicht schlecht, aber den Versicherten solle mit einem 24-Stunden-Telefonservice, Präventionsleistungen, Samstagssprechstunden, schnellen Terminvermittlungen, kurzen Wartezeiten und einem „Case-Manager“ zur Kundenbetreuung mehr Service geboten werden. Die Versorgung solle nicht billiger, sondern besser werden.

Bislang erhält die KV je Versichertem – unabhängig davon, ob er einen Arzt in Anspruch nimmt – 370 Euro im Jahr von den Ersatzkassen. Wird der Versicherte zum Patienten, erhält der Hausarzt im Mittel 42 Euro pro Quartal und Fall. Das Medikum erhält von den Ersatzkassen 400 Euro je Versichertem und Jahr, nimmt aber im Modellversuch keine Praxisgebühr im Quartal ein. Es zahlt den Hausärzten eine Pauschale für jeden eingeschriebenen Versicherten – unabhängig davon, ob dieser gesund oder krank ist.

Der Hausarzt, der bis zu 100 Versicherte einschreibt, erhält 90 Euro Jahrespauschale für jeden Versicherten. Für bis zu 200 eingeschriebene Versicherte zahlt das Medikum jeweils 100 Euro im Jahr und für mehr als 200 Versicherte je 110 Euro. Für jede Gruppe von Fachärzten wird ein „Fachgruppentopf“ gebildet. Auch sie werden pauschal honoriert, allerdings nach der Häufigkeit der Inanspruchnahme. Das System macht den bisher unsteten Honorarfluss für den Arzt kalkulierbar, vereinfacht die verhasst komplexe Abrechnung und soll einen Anreiz zur Prävention setzen. Die Frage, ob die Ärzte nicht nur gesunde Versicherte für die Teilnahme gewinnen wollten, weist Ordu zurück. Keiner wisse, wann eine Erkrankung beim Patienten ausbreche.

Kassenärzte rufen zur Blockade auf

Inzwischen hat Geschäftsführer Ordu begonnen, mögliche Partner unter den Ärzten in der Region zu suchen. Mehr als tausend hat er angeschrieben und wartet nun auf Antwort – vielleicht vergebens. Denn gegen ihn und sein MVZ regt sich Widerstand.

Schon bald nach der Ausschreibung kursierte ein Schreiben des „Gesundheitsnetz Nordhessen“ (GNN) über das „Märchen von Dr. O. und die Moral“. Darin wurden alle niedergelassenen Ärzte in der Region Kassel aufgerufen, sich der Teilnahme an dem Projekt zu verweigern. Es sollen „schwarze Listen“ jener Kollegen existieren, die zur Kooperation mit dem Medikum neigen. Auch die KV, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, kämpft dagegen, dass das Medikum und die Kassen die geltenden deutschen Gesetze nutzen.

Unter dem Briefkopf der KV Hessen lehnte der Ärztliche Bereitschaftsdienst, Zentrale Kassel, in einem Schreiben an das Medikum die Übernahme von Notund Bereitschaftsdiensten für Patienten ab, die am neuen Behandlungsmodell teilnehmen. Das Medikum möge dem KV-Notdienst eine Liste aller Vertragsärzte und Patienten übermitteln, die am neuen Modell teilnehmen. Diese solle tagesaktuell sein, um zu vermeiden, dass andere, nicht dort eingeschriebene Versicherte der Ersatzkassen „versehentlich“ abgewiesen werden.

Bereitschaftsdienst droht, Patienten abzuweisen

Unterdessen forderte die Vertreterversammlung der KV Hessen auf, mit dem VdAK keinen Vertrag nach Paragraf 73 c zu schließen und nicht mit dessen Vertragspartnern zu kooperieren. Die Kassen wollten die niedergelassenen Ärzte „zersplittern“ und „erpressbar machen“. Auch teilte die KV mit, Patienten, die sich auf diese „außerhalb der Gesetzlichen Krankenversicherung angesiedelte Versorgung einließen, seien auf Ärzte reduziert, die dem Vertrag mit ihrer Ersatzkasse beigetreten sind“ und keine Kassenpatienten mehr. Der VdAK hielt dagegen: „Der Patient bleibt Kassenpatient.“ Gehe ein Patient, der sich in das Modell eingeschrieben habe, in der Testregion zu einem Vertragsarzt außerhalb des Modells, werden die entsprechenden Behandlungskosten vom Budget des MVZ abgezogen.

Dr. Frank Dastych, Landesvorsitzender der Hals-Nasen-Ohrenärzte in Hessen, schrieb in seinem Verbandsorgan, ohne Ordu namentlich zu erwähnen: „Ich denke, jedem sind Grundbegriffe der Biologie so weit bekannt, dass einem hier sofort ein Lebewesen einfällt, das sich auf Kosten eines anderen ernährt, ohne dass der andere auch nur eine Spur davon profitiert.“

Schließlich haben sich in Kassel 571 wahlberechtigte Ärzte zusammengefunden, um die Genossenschaft „Doxs eG – Ärzte und Psychotherapeuten in der Mitte Deutschlands“ zu gründen. Ärzte des Medikums dürfen als angestellte Mediziner nicht beitreten. Zweck der Genossenschaft soll die Stärkung der Wirtschaftlichkeit der Praxen durch unternehmerisches Handeln sein. Dazu zähle auch der Vertragsschluss mit Krankenkassen über besondere Formen der Behandlung außerhalb des klassischen Systems der KV. Ob die „Doxs“ zum Abschluss eines Vertrages nach dem bekämpften Paragrafen 73 c bereit seien? „Wir bleiben mit dem VdAK im Gespräch.“ Ordu wehrt sich gegen die Angriffe. Gegen Dastych hat er Strafanzeige erstattet.

In einem einstweiligen Verfügungsverfahren vor dem Landgericht Kassel setzte sich das Medikum gegen die KV durch. Die Körperschaft öffentlichen Rechts darf ihre Mitglieder weder dazu auffordern, nicht an dem Versorgungsvertrag nach Paragraf 73 c teilzunehmen, noch darf sie dazu auffordern, nicht mit dem Medikum zu kooperieren. Das Hessische Sozialministerium stellte der KV gegenüber klar, dass sie den Notdienst für alle Kassenpatienten sicherzustellen hat. Der VdAK setzte der KV schließlich drei Termine, um die Fragen zu klären, die im Zusammenhang mit der neuen Versorgungsform noch offen sind. Die KV hatte einen schon vereinbarten Termin kurzfristig abgesagt.

Nicht nur in Nordhessen gibt es Streit. Bei der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) am 7. Dezember in Berlin war eine Ausschreibung der AOK Baden-Württemberg das dominierende Thema. Vorstand und Delegierte werteten diese als einen „Frontalangriff auf die flächendeckende ambulante Versorgung“. Die AOK Baden-Württemberg (mit einem Marktanteil von 45 Prozent) schreibt die gesamte hausärztliche Versorgung ihrer rund 4,8 Millionen Versicherten aus.

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