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Augenärzte und Optiker streiten sich um das Recht am Kunden

Der Augenkrieg

Der Augenkrieg

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  • Unternehmen & Markt
  • 01.05.2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 5/2007

Die Augenärzte sind wütend auf die Optiker, weil diese unentgeltliche Augentests an Schulen anbieten. „Gefährlich“, meinen die Doktores, „Futterneid“, kontern die Augenoptiker. Radikale Funktionäre beider Seiten sprechen von „Krieg“, und die Optiker haben schon mal eine Kriegskasse eingerichtet. 

Es gibt Augenärzte, denen schießt schon rote Farbe ins Gesicht, wenn sie nur das Wort Augenoptiker hören. Auch existieren wiederum Optiker, auf deren Stirn sich Zornesfalten legen, wenn sie über den Berufsstand der Fachärzte für Augenheilkunde sprechen. Diese Erfahrung hat schon mancher gemacht, der eine Brille oder Kontaktlinsen trägt. Jetzt hat die Auseinandersetzung an Schärfe zugenommen.

Radikale Funktionäre beider Seiten sprechen sogar von „Krieg“. Anlass sind verschiedene Sehtests, die der Zentralverband der Augenoptiker (ZVA) für Schulkinder angeboten hat. Im ZVA sind nach eigenen Angaben etwa 70 Prozent der 10 100 Optiker in Deutschland organisiert. Am 6. September 2007, dem „Tag des Sehens“, machten sie darauf aufmerksam, dass Augenschwächen von Kindern oft unerkannt bleiben. Nach Angaben der ZVASprecherin Gabriela Gerling haben 18 Prozent der Kinder in Deutschland schon im Kindergartenalter eine unentdeckte Sehschwäche.

Mit der Aktion „Ich sehe was, was du nicht siehst“ an Grundschulen wollte der ZVA Eltern, Lehrer und Kinder für die Notwendigkeit regelmäßiger Sehtests sensibilisieren. 2 300 Grundschulen erhielten ein Aktionspaket von den Optikern: Die Suche nach Details auf dicht gezeichneten oder gemalten Bildern soll den Kindern helfen, im Unterricht spielerisch ein Gefühl für das eigene Sehvermögen zu entwickeln.

Sehschwächen bleiben bei Kindern lange unerkannt

Eine Augenschwäche sei nicht selten Ursache für schlechte schulische Leistungen. Ein unzureichendes Sehvermögen bei Kindern werde in vielen Fällen aber nicht sofort wahrgenommen: „Es tut ja nicht weh“, erklärt Gerling. Deshalb blieben Sehschwächen oft lange Zeit unerkannt. Schlimmstenfalls werde das Sehvermögen zwischen der Schuleingangsuntersuchung und der Führerscheinprüfung zehn bis zwölf Jahre lang nicht getestet. Deswegen fördere der ZVA den Besuch der Optiker in Schulen, um den Leseanfängern unentgeltlich Reihentests anzubieten. Organisatorische Hilfe holen sich die Optiker dabei gerne von den Krankenkassen.

Derlei Untersuchungen finde der Berufsverband der Augenärzte (BVA) „wirklich gefährlich“, sagt Dr. Uwe Kraffel, Mitglied des BVA und selbst Augenarzt in Berlin. Die Optiker produzierten „häufig Fehldiagnosen“. „Diese Sehtests sind nichts anderes als eine Marketingaktion“, kritisiert Kraffel. Weil sie zum „Kauf von überflüssigen Brillen anregen“, die manchmal sogar die Sehleistung verschlechterten, seien die Tests gefährlich. In einem Brief macht der BVA, dem über 6 500 Augenärzte angehören, auf die vermeintlichen Gefahren der Optiker- Schul-Sehtests aufmerksam.

Sie seien medizinisch völlig unzureichend und ihre Ergebnisse irreführend. Es bestehe die Gefahr, dass Fehlsichtigkeiten unerkannt blieben, Eltern aber aufgrund der Testergebnisse annehmen müssten, mit den Augen ihres Kindes sei alles in Ordnung. Augenärzte hätten dem Verband gemeldet, dass Eltern mit Kindern in ihre Praxen kämen, denen Optiker völlig überflüssige Brillen empfohlen hätten. Kraffel: „Manchen weitsichtigen Kindern sind sogar Brillen für Kurzsichtige empfohlen worden.“

Der Augenarzt rät den Verantwortlichen im Schul- und Gesundheitswesen davon ab, Reihen-Sehtests während der ersten Schuljahre durch Optiker zu tolerieren oder gar zu fördern. Seine Empfehlung aus medizinischer Sicht lautet: Auffällige Symptome bei Kindern wie unscharfes Sehen in Ferne oder Nähe, Doppeltsehen oder Kopfschmerzen sollten durch eine augenärztliche Untersuchung geklärt werden. Für versicherte Kinder bis zum Alter von 18 Jahren ist diese Untersuchung kostenfrei, wenn entsprechende Symptome vorliegen.

Augenärzte sind empört über Rolle der KKH

Empört sind die Augenärzte auch über die Kaufmännische Krankenkasse (KKH), weil diese mit den Optikern kooperiert. Oftmals würden die Eltern der untersuchten Kinder hinterher von der Krankenkasse angerufen und als Kunde geworben. Augenmediziner Kraffel sagt, ihm sei von Fällen berichtet worden, „wonach die Ergebnisse der Testung erst nach einem Kassenwechsel herausgegeben wurden“. Bei der Aktion der KKH und der Optiker handele es sich um eine nach dem Schulgesetz verbotene Werbeveranstaltung, die lediglich kommerziellen Interessen diene und medizinisch nutzlos sei.

„Unsinn“, hält Daniela Friedrich von der KKH dagegen. Die Kasse sei als Körperschaft des öffentlichen Rechts nach § 1, Satz 3 des fünften Sozialgesetzbuches verpflichtet, über gesundheitsbewusste Lebensführung sowie über die Bedeutung frühzeitiger Vorsorge aufzuklären und zu beraten. Friedrich betont, dass die KKH darauf achte, „dass die mit uns kooperierenden Optiker nicht für ihre Leistungen werben“. Entstanden seien die Sehtest- Aktionen, weil Schulen und Elternbeiräte danach gefragt hätten. Sehtests, die in gleicher Form auch durch Gesundheitsämter, das „Kuratorium Gutes Sehen“ oder die Deutsche Verkehrswacht angeboten werden, sollten Eltern und Schüler für eine mögliche Sehschwäche sensibilisieren.

Vor den Tests müssten die Eltern sich schriftlich einverstanden erklären, telefonisch von Mitarbeitern der KKH über das Ergebnis informiert zu werden. Dadurch sei sichergestellt, dass keine Daten an die Augenoptiker gingen. Welcher Optiker in welche Schule fährt, würde über die regionalen Augenoptikerverbände ausgewählt, um Unregelmäßigkeiten auszuschließen. Für die Aktion entstünden weder der KKH noch den Eltern, Kindern oder Schulen Kosten. Die Schule stelle die Räumlichkeiten, die KKH schreibe die Eltern in Zusammenarbeit mit dieser an und übermittele die Ergebnisse telefonisch. Die Augenoptiker testeten mit anerkannten Geräten.

Bei den von der KKH initiierten Sehtests sei bislang bei fast jedem vierten Kind eine Anomalie erkannt worden. Eine umfassende und abschließende Beurteilung der Augengesundheit lasse sich über einen solch groben Test aber nicht feststellen. „Er ersetzt keinesfalls den Gang zum Augenarzt“, sagt Friedrich. „Wenn Auffälligkeiten bemerkt werden, empfehlen unsere Mitarbeiter, das Kind sofort an einen Facharzt für Augenheilkunde zu überweisen.“ Den Werbeeffekt für ihre Krankenkasse stellt die Kassen-Sprecherin nicht in Abrede: „Die Aktion stärkt selbstverständlich auch das Image der KKH als aktive Präventionskasse.“

Horst Dauter, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Augenoptiker, unterstützt die Sprecherin des größeren Konkurrenzverbandes ZVA, Gabriela Gerling, und gießt Öl ins Feuer. Was die Fertigkeit angehe, die Glasstärke einer Brille zu bemessen, seien Augenoptiker eindeutig im Vorteil. „Sie haben gelernt, die Dioptrienwerte zu bestimmen, Ärzte haben sich diese Kunst nur nebenbei angeeignet.“

Brille vom Gynäkologen?

Optikermeister hätten dafür eine bis zu acht Jahre dauernde Ausbildung absolviert. Trotzdem dürfe jeder Arzt eine Brille verordnen, theoretisch „auch ein Hals-Nasen- Ohren-Arzt oder ein Gynäkologe – eine ulkige Rechtssituation“, findet Dauter, selbst Träger des Meistertitels. Eigentlich sei es sogar eine Ordnungswidrigkeit, wenn ein Augenarzt die Glasstärke bestimme. Denn er verstoße gegen die Handwerksordnung, sagt Dauter. Diagnostiziere ein Optiker hingegen eine Bindehautentzündung, sei das ein Offizialdelikt, das in der Regel vom Staatsanwalt verfolgt werde und sogar mit einer Gefängnisstrafe geahndet werden könne. Dass die Augenärzte jetzt „ihren Akademikertitel in die Waagschale werfen und gegen die Optiker wettern, ist reiner Futterneid“.

„Ärger zwischen unseren Berufsgruppen gibt es immer wieder“, entgegnet ZVA-Sprecherin Gerling. Das liegt auch daran, dass sich der Anteil der von Augenoptikern verordneten Brillen stetig auf inzwischen gut zwei Drittel erhöht hat – und das in einem Markt, der infolge der Gesundheitsreform von 2004 geschrumpft ist. Nachdem die Krankenkassenzuschüsse für Sehhilfen weitgehend gestrichen worden waren, sanken die Rekordumsätze von 4,4 Milliarden Euro im Jahr 2003 auf drei Milliarden Euro im Folgejahr. Nur noch Kinder erhalten einen nennenswerten Zuschuss zur Sehhilfe.

Inzwischen belebt sich der Markt für Brillen wieder, allerdings nur langsam. 2006 erhöhte sich nach ZVA-Angaben die Zahl verschriebener Gläser von 29,5 Millionen im Vorjahr auf 31,9 Millionen. Brillenfassungen wurden 10,2 Millionen Mal verkauft. Der Umsatz der Optiker- Branche stieg gegenüber 2005 leicht auf 3,66 Milliarden Euro an. In diesem Jahr wird sich der positive Trend nach Auskunft des Branchenverbands fortsetzen.

Wenn Augenärzte bei Brillengläsern Beratung anböten und neuerdings sogar versuchten, Brillen zu verkaufen, sei das schon aufgrund der langen medizinischen Ausbildung volkswirtschaftlich zu teuer und verursache für den Verbraucher möglicherweise doppelte Kosten, sagt ZVA-Präsident Thomas Nosch. „Wir werden der wirtschaftlichen Expansion der Augenärzte auf dem gewerblichen Gebiet der Augenoptik gerichtlich Einhalt bieten und Grenzen setzen.“ Die Optiker haben jedenfalls schon vorgesorgt. Ein eigener Prozesskostenfonds soll gut gefüllt sein.

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