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Die Kombinationen aus Produkt und Dienstleistung setzt neue Maßstäbe

"Joint Care": Rundum-Pflege fürs Kniegelenk

"Joint Care": Rundum-Pflege fürs Kniegelenk

  • Innovation
  • Unternehmen & Markt
  • 01.05.2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 5/2007

Ein Orthopädiekonzern bietet neben Prothesen auch ein Programm zur Patientenbetreuung an und setzt damit neue Maßstäbe in der Endoprothetik. Experten feiern die Kombination aus Produkt und Dienstleistung als erfolgversprechenden Trend in der künftigen Medizin, und auch die Krankenkassen zeigen erstes Interesse.

Dieser Raum passt auf den ersten Blick so gar nicht in eine Klinik. Kein Krankenbett weit und breit, keine Schläuche, keine Geräte. Stattdessen laden vier tiefblaue Ledersessel zum Entspannen ein. Am Fenster steht ein Esstisch mit einer bunten Tischdecke, obenauf eine Schale mit Obst. In einem der Sessel sitzt eine Mittsechzigerin. Sie ist auf Krücken in den Aufenthaltsraum gekommen, wo sie sich nun angeregt mit ihren Besuchern unterhält. Vor zwei Tagen erst wurde sie hier an der Berliner Klinik Bethel operiert. Jetzt hat sie ein künstliches Kniegelenk.

„Das ist der ,Joint Care‘-Aufenthaltsraum für unsere Patienten“, sagt Sybille Häusler. Sie ist ausgebildete Krankenschwester und seit Anfang 2005 „Joint-Care“-Betreuerin der Klinik Bethel. „Joint Care“ ist das Patientenbetreuungsprogramm, das die Firma Biomet, die Knie- und Hüftgelenksprothesen herstellt, kostenlos zu ihren Produkten anbietet. Der Aufenthaltsraum ist ein zentraler Baustein des Programms, denn dort treffen sich die Patienten, empfangen ihre Gäste und bestärken und motivieren sich bestenfalls gegenseitig auf dem Weg der Genesung.

Mit dem Angebot, eine Endoprothese gemeinsam mit einer speziellen Patientenbetreuung anzubieten, macht sich Biomet derzeit einen Namen auf dem deutschen Markt. Manchem Beobachter der Szene erscheint diese Kombination aus Produkt und Dienstleistung als zukunftsweisender Weg in die künftige Medizin. Der gesamte Behandlungspfad ist standardisiert und sektorübergreifend aufgebaut.

Das Konzept dazu stammt ursprünglich aus den USA, wo der Orthopädiekonzern seinen Hauptsitz hat. Kauft eine Klinik Biomet-Produkte ein, bekommt sie das Betreuungskonzept „Joint Care“ auf Wunsch mitgeliefert. In acht europäischen Ländern wird es derzeit auf dem Markt eingeführt. In den Niederlanden gestalten bereits 40 Prozent der Kliniken die Behandlungsabläufe nach den „Joint Care“-Vorgaben.

„Das Konzept hat mich von Anfang an überzeugt“, sagt Häusler. „Joint Care“-Patienten erhalten bereits zehn Tage vor der Operation eine umfassende Patientenschulung im Krankenhaus. Mit eingeladen wird auch jeweils ein persönlicher Begleiter des Patienten, egal ob Partner, Verwandter oder Freund.

Jeder Schritt wird gemeinsam abgestimmt

Der jeweilige Behandlungsplan ist vorher schon in den einzelnen Schritten abgestimmt worden – vom niedergelassenen Facharzt, über die Operation und Rehabilitation bis zur abschließenden, ambulanten Therapie am Wohnort. Chirurgen, Anästhesisten, Pflegekräfte, Soziale Dienste und Physiotherapie – kurzum: die Vertreter aller Berufsgruppen – sind bei der Infoveranstaltung dabei, um über den Eingriff aufzuklären und das jeweilige Behandlungsprogramm durchzusprechen.

So lernen sich die Patienten bereits vor dem Eingriff untereinander kennen und finden – im Idealfall – zu einer Gruppe zusammen, die sich fortan über die Genesung austauscht, sich gegenseitig unterstützt, begleitet, motiviert. Treffpunkt dafür ist der „Joint Care“- Aufenthaltsraum. Dort trainieren sie bisweilen auch am Fahrradergometer, das mitten im Raum steht.

Auf eigene Kosten ließ die Klinik Bethel ein Krankenzimmer zum Aufenthaltsraum umbauen und richtete diesen ein. Die Umbauten zu organisieren, gehörte zu Sybille Häuslers ersten Aufgaben. Die Krankenschwester wurde 2005 als Projektleiterin für ein halbes Jahr freigestellt, um das „Joint Care“-Programm an die Strukturen in Berlin anzupassen. Sie leitete auch die verschiedenen interdisziplinären Arbeitsgruppen, die die Vorgaben in ihren Behandlungsalltag zu integrieren hatten.

Einzelne Berufsgruppen bilden ein Team

Dass Chirurgen, Anästhesisten, Pflegekräfte, Physiotherapeuten und Sozialarbeiter gemeinsam nach einem Konzept arbeiten, ist für Häusler der große Pluspunkt, der mit „Joint Care“ in den Behandlungsalltag kam. „So waren wir nicht mehr fünf verschiedene Berufsgruppen, sondern ein Team, das die Behandlung organisiert“, sagt sie. Heute ist Häusler als „Joint Care“- Betreuerin die zentrale Ansprechpartnerin für Patienten und Kollegen.

Christine Ehrig, Leiterin der Physiotherapie an der Klinik Bethel, ist ebenso angetan: „Durch die umfassende Informationhaben die Patienten weit weniger Angst und sind sehr viel sicherer.“ Positiv sei auch die frühe Mobilisierung. „Joint Care“-Patienten trainieren zum Beispiel schon vor der Operation wie es sein wird, an Krücken zu gehen. Schon am ersten postoperativen Tag stehen sie wieder auf den eigenen Beinen, und sie werden vor allem motiviert, ihre normale Kleidung zu tragen, damit sich das „Gefühl des Krankseins“ gar nicht so sehr ausbreiten kann.

Die Klinik Bethel in Berlin war 2005 – nach der Fachklinik Stenum in Ganderkesee – das zweite Haus in Deutschland, das Biomet-Produkte eingesetzt und den Behandlungsprozess nach dem „Joint Care“- Programm gestaltet hat. 2007 sind drei weitere Kliniken hinzugekommen: das Sana Rheumazentrum in Bad Wildbad, die Raphaelsklinik in Münster und das St. Vincenz Krankenhaus in Limburg. Statistiken legen nahe, dass die Endoprothetik als lukrativer Markt wächst und die Nachfrage nach Gelenkprothesen in den nächsten Jahren weiter zunehmen wird.

Schon 2002 hatte die Therapie von Arthrosen mit Ausgaben von 7,2 Milliarden Euro den dritten Platz auf der Rangliste der Krankheiten nach Behandlungskosten erreicht. Gut 600 Kliniken in Deutschland gibt es bereits, die jährlich mindestens 50, oft sogar mehreren hundert Patienten neue Kniegelenksprothesen einsetzen. Die Zahl steigt, denn je älter die Menschen werden, umso wahrscheinlicher wird es, dass sie im fortgeschrittenen Alter ein neues Gelenk benötigen.

Allein in Berlin wurden 2005 mehr als 3 300 neue Kniegelenke eingesetzt. „Die Endoprothetik ist in Berlin durchaus ein Markt mit vielen konkurrierenden Anbietern“, sagt Dr. Rüdiger Haase, Chefarzt in der Berliner Bethel Klinik. „Die Versprechen, die Patienten in diesem Zusammenhang bei der Schilderung von Vorzügen bestimmter Prothesenmodelle gemacht wurden und werden, erinnern manchmal schon fast an den Verkauf von Haarwuchsmitteln“, ärgert er sich. Entscheidend sei für ihn, wie Experten die Qualität der angebotenen Produkte bewerten. Daher orientiere er sich an dem schwedischen Knie-Register, in dem etwa 30 000 verschiedene Modelle erfasst und bewertet worden sind. Die Biomet-Knieprothese gehört für Haase zum Standardprogramm, für Hüftgelenke wählt er nach wie vor Implantate anderer Hersteller aus.

Die Kombination mit „Joint Care“ hat sich für sein Haus schon bezahlt gemacht: Früher blieben die operierten Patienten durchschnittlich 16 Tage in der Klinik, heute wechseln sie meist nach zehn bis zwölf Tagen in eine Reha-Einrichtung. Der schnellere Durchlauf ermögliche es, so Haase, dass nun jede Woche vier Patienten operiert werden.

Zum Vergleich: Die pauschale Vergütung nach dem DRGSystem sieht vor, dass die Patienten bei einer normalen Knieendoprothese im Durchschnitt 15 Tage in der Klinik versorgt werden. Als Chefarzt denkt Haase inzwischen auch über Verträge zur Integrierten Versorgung mit verschiedenen Krankenkassen nach.
Die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK), die Barmer Ersatzkasse und die Betriebskrankenkasse Landesverband Niedersachsen Bremen sind bereits in das System eingestiegen und haben mit der Klinik Stenum Verträge zur Integrierten Versorgung geschlossen.

Immer mehr Firmen mit Serviceangeboten

Über sie ist es möglich, auch außerhalb des Budgets abzurechnen. Wird die Integrierte Versorgung als Marke jetzt zum Trend? Horst Bölle, Abteilungsleiter für die ärztliche Versorgung und neue Versorgungsformen bei der DAK, erlebt jedenfalls, dass immer mehr Firmen mit Serviceangeboten zur Patientenbegleitung und Qualitätsentwicklung auf ihn zukommen. Die Tendenz, das Produkt mit Zusatzleistungen anzureichern, sei, so Bölle, auf dem deutschen Gesundheitsmarkt aber längst noch nicht etabliert. Auf jeden Fall aber sei es „eine gute Sache“ und passe perfekt zum DAKLeitbild, das vorsehe, den Kunden auf besondere Weise zu begleiten, wenn er Patient werde.

Die Idee, Produkt und Dienstleistung gemeinsam anzubieten, ist für Martin Benkenstein nicht neu. „Das Vorbild für Produktanreicherungen solcher Art ist die Autoindustrie“, erklärt der Professor vom Institut für Marketing und Dienstleistungsforschung an der Universität Rostock. Er verweist darauf, dass die Autobranche ohne die Serviceleistungen von Vertragswerkstätten gar nicht florieren würde. Benkenstein wundert sich, dass die Gesundheitswirtschaft dies erst jetzt entdeckt hat: „Das ist doch längst überfällig.“

Es geht nicht mehr länger nur um Produkte

Medizinsoziologe Holger Pfaff, Leiter des Zentrums für Versorgungsforschung an der Universität Köln, erwartet, dass sich „Produktanreicherungen“ dieser Art in Zukunft stärker durchsetzen werden: „Früher wurden Produkte verkauft, heute geht es um Gesamtpakete, in denen neben der Ware auch eine Problemlösung angeboten wird.“ In der Gesundheitswirtschaft hat die Politik die Idee vorgegeben. Denn, so Pfaff, der gesundheitspolitische Ansatz der Integrierten Versorgung habe für alle deutlich gemacht, um was es bei der Behandlung von Patienten wirklich gehe. „Der Arzt macht eben nur einen Teil der Arbeit. Letztlich muss der Patient beteiligt werden und kooperieren, damit das Vorhaben gelingt“, sagt der Versorgungsforscher. Der moderne Patient werde so – betriebswirtschaftlich gesprochen – zum „Prosument“, zugleich zum Produzenten und Konsumenten.

Stellungnahme

Otmar Wawrik, Vorsitzender des Fachbereiches Medizintechnik Implantate im Bundesverband Medizintechnologie e. V. (BVMed/FBMTI):

Im FBMTI des BVMed – hier sind praktisch alle Hüft- und Knieimplantateanbieter im deutschen Markt vertreten – werden solche zusätzlichen Serviceleistungen mit gemischten Gefühlen betrachtet. Prinzipiell unterstützt man entsprechende Angebote und würde sie auch gerne weiter ausbauen. In der Realität werden sie aber aufgrund der extrem niedrigen Implantatpreise in Deutschland immer weniger möglich sein. Ein aktueller Preisvergleich mit anderen europäischen Ländern zeigt deutlich das extrem niedrige Level in unserem Land. Die Situation lässt kaum mehr Spielraum für das Angebot eines solchen Zusatznutzens für die Klinik und letztendlich den Patienten selbst.

Insofern werden nicht nur solche zusätzlichen Leistungen künftig in Frage gestellt werden müssen, sondern auch der bisher von Implantatherstellern erbrachte kostenlose Service wie etwa die zur Verfügung gestellten Spezialinstrumente, ein spezieller Schnell-Lieferservice, Fortbildungsmaßnahmen für Ärzte und OP-Personal, Aufklärungsmaterial für Patienten und anderes. Natürlich würden die Implantatanbieter gerne ihren Kunden in der Zukunft verstärkt auch Servicekonzepte im Sinne einer optimalen Patientenbetreuung und eines gesteigerten Patientennutzens anbieten. Der sich seit Jahren verstärkende Trend im deutschen Gesundheitswesen ist allerdings leider gegenläufig.

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