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Es gibt Ärzte, die stehen dem Patienten mit Rat und Tat zur Seite - ohne Diagnosen und Medikamente

Der Arzt im Ohr

Der Arzt im Ohr

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  • 01.05.2007

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 5/2007

Ärzte, die keine Diagnosen stellen und keine Medikamente verordnen, gibt es die überhaupt? Wer sucht, wird auf Gut Nehmten am südwestlichen Ufer des Großen Plöner Sees fündig. Dort arbeiten Teleärzte: Fachmänner und Fachfrauen im Ohr ihrer Patienten.

Gut Nehmten ist nach Darstellung der Gutsverwaltung „eines der schönsten Güter in Schleswig-Holstein“. Es ist bekannt als Ort für Familienfeiern oder auch als Trainingsplatz für wertvolle Turnierpferde. Aber einen Firmensitz der Gesundheitsbranche vermutet man in dem klassizistischen Herrenhaus aus dem Jahre 1712, das um 1850 erweitert wurde, eher nicht. Patienten haben auf Gut Nehmten nicht einmal Zutritt. Die dort in der zweiten Etage des Herrenhauses tätigen Ärztinnen und Ärzte halten eine höchst bemerkenswerte Sprechstunde: Ihre Patienten sind selbst nämlich gar nicht anwesend. Der Arzt kommt über die Telefonleitung zu ihnen. Zwar nur auf ausdrücklichen Wunsch, dann aber rund um die Uhr, an 365 Tagen und Nächten im Jahr. Des Rätsels Lösung: Gut Nehmten beherbergt in seinen schneeweiß getünchten hochherrschaftlichen Mauern seit 1999 das Telearzt- Zentrum der Ife Gesundheits-AG.

Keine Konkurrenz für Arztpraxen

Das Kürzel steht für interdisziplinäre Forschung und Entwicklung. Die Schwestergesellschaft der Ife ist die AHG Allgemeine Hospitalgesellschaft Aktiengesellschaft mit Sitz in Düsseldorf – ein Unternehmen der medizinischen Rehabilitation, das nach eigenen Angaben bundesweit etwa 2 500 Mitarbeiter in 30 Kliniken beschäftigt. „Die AHG unterstützt die Ife mit klinisch- medizinischem Know-how und stellt bei Bedarf einen Pool ärztlicher Mitarbeiter für bestimmte Sonderaktionen, wie zum Beispiel die Depressionshotline“, erläutert Barbara Ruß-Thiel, die ärztliche Leiterin des Telearzt-Zentrums der Ife Gesundheits-AG.

Als Konkurrenz zu Praxen und Kliniken verstehen sich die rund 90 Ärzte auf Gut Nehmten ausdrücklich nicht. Im Gegenteil, denn ihr Auftrag lautet Beratung. „Nur wer gut informiert ist, kann mit seiner Gesundheit selbstständig und verantwortungsvoll umgehen“, heißt es auf den Internetseiten der Ife Gesundheits-AG. Zurzeit nutzen fünf Krankenkassen, darunter die Gmünder Ersatzkasse (GEK) und die Techniker Krankenkasse (TK), das Telearzt-Zentrum, um ihren etwa acht Millionen Versicherten einen für sie kostenlosen Extraservice zu bieten, von der Gesundheitsberatung über die ärztliche Zweitmeinung bis zur Erläuterung von Befunden oder der Suche nach alternativen Heilmethoden. „Der typische Fall, das ist der schreiende Säugling nachts um zwei“, sagt Ruß-Thiel.

Ferndiagnosen verbieten sich generell in der Medizin, so auch hier. Doch die Ärzte erkennen, ob sich in der Familie des Anrufers gerade ein medizinischer Notfall anbahnt oder schon eine Wärmflasche und Kamillentee gegen die Beschwerden hilfreich wirken können. Gerade junge Eltern sind dankbar für die telefonische Beratung aus Nehmten. Ihnen fehlt es häufig an der nötigen Erfahrung, um sicher beurteilen zu können, ob ihr Baby ernsthaft erkrankt ist oder vorübergehend nur Kummer ob der Verdauung hat.

Hauptberuflich in Praxen und Kliniken

Die Teleärzte sind keine Theoretiker. Sie arbeiten hauptberuflich in Praxen und Kliniken der Umgebung, unter ihnen sind ebenso Allgemeinmediziner wie Spezialisten fast jeder erdenklichen Disziplin. Für Fragen zu A wie Asthma bis Z wie Zahnschmerz ist das Telearzt-Zentrum gewappnet. Auch vermeintliche Randgebiete wie Suchtberatung oder Tropenmedizin deckt Ife mit seinen Fachärzten im Telearzt-Zentrum ab. Anrufer wenden sich vor oder nach Besuchen bei ihren behandelnden Ärzten an die Teleärzte. Besonders gefordert ist ihr Fachwissen, wenn Gesundheitsthemen in den Medien groß behandelt werden.

Bei Sars und der Vogelgrippe sei das beispielsweise so gewesen, erinnert sich Ruß-Thiel. Die Anrufer fragten dann: „Was bedeuten diese Epidemien für mich und meine Familie? Was kann ich vorbeugend tun?“ Die Versicherten zahlen für ihren Anruf beim Telearzt- Zentrum nur den Ortstarif. Vor dem Gesprächsbeginn mit dem Telearzt weisen sich die Versicherten als Mitglieder ihrer Kasse und damit als informationsberechtigt aus. Dazu benötigen sie nur ihre Versichertennummer auf der Versichertenkarte.

Auffällig häufig, nämlich in 17 Prozent der Anrufe, geht es um zahnmedizinische und kieferorthopädische Themen. Insbesondere die Heil- und Kostenpläne der Zahnärzte werfen bei den Patienten Fragen auf, obwohl sie von ihren Zahnärzten persönlich informiert und beraten wurden. Häufig gehe es bei diesen Telefonaten auch um günstigere Behandlungsmethoden oder die Auswahl günstigerer Materialien, sagt Ruß-Thiel.

Gynäkologie und Urologie sind weitere medizinische Fachgebiete, die im Telearzt-Zentrum vielfach nachgefragt werden. „Das hat vermutlich auch etwas damit zu tun, dass diese Themen für die Patienten im persönlichen Gespräch mit ihren behandelnden Ärzten nicht immer und für jeden ohne Scham besprochen werden können. Das Gespräch mit einem Telearzt oder einer Teleärztin sichert aus Patientensicht eine größere Anonymität und erleichtert das Stellen unangenehmer Fragen“, vermutet Ruß- Thiel.

Datenschutz ist oberstes Gebot

Während andernorts in Praxen und Kliniken akribisch Patientenakten angelegt und geführt werden, schreddern die Ärzte im Telearzt- Zentrum auf Gut Nehmten ihre Unterlagen, kaum dass das Telefonat mit den Anrufern beendet ist – Datenschutz und ärztliche Schweigepflicht sind hier wie überall in der Medizin oberstes Gebot. Sie führen nur zu anderen KonKonsequenzen. Schließlich werden die Patienten im Telearzt-Zentrum nicht behandelt, sondern „nur“ beraten. Auch die Krankenkassen, die für die ärztliche Beratung ihrer Versicherten zahlen, erhalten keinerlei Auskünfte über konkrete Patientengespräche. Auch das ist datenschutzrechtlich gesichert.

Die Kassen erfragen die Zufriedenheit der Kunden

Wonach die Krankenkassen als Auftraggeber des Telearzt-Zentrums regelmäßig fragen, ist die Zufriedenheit ihrer Kunden, der anrufenden Versicherten. Bewertet wird die Beratung nach Schulnoten. Ruß- Thiel: „Wir haben immer eine Eins vor dem Komma. Daneben erhalten wir von den Versicherten häufig direkte Rückmeldungen im Anschluss an die Beratungsgespräche – als Bestätigung, Dank, weitere Nachfrage oder bisweilen auch als Kritik.“ Da lohnt es sich, gelegentlich den Blick über die Koppeln und Auen des Gutes schweifen zu lassen: „Ein entspanntes Umfeld schafft auch ein entspanntes Arbeitsklima und fördert die Teamfähigkeit der Mitarbeiter enorm“, darin ist sich die ärztliche Leiterin mit ihren Kollegen einig.

Und wie reagieren Arztkollegen auf die Arbeit der Teleärzte? „Erstaunlich zurückhaltend, was die absolute Zahl von Anrufen angeht“, sagt Ruß-Thiel. Komme es zu Beschwerden von Ärzten über eine Beratung, sei der Grund dafür häufig, dass die Kollegen davon ausgingen, die Anrufer würden von einem Sachbearbeiter oder einer Sachbearbeiterin der Krankenkasse beraten. „Wenn dieses grundsätzliche Missverständnis geklärt ist, und es dann ausschließlich um das Fachliche geht, sind die Gespräche fast immer sehr freundlich und kollegial“, so Ruß-Thiel.

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