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Kampf gegen tödliche Erreger

Schutz vor der Virenflut

Schutz vor der Virenflut

  • Innovation
  • Titel: Politik
  • 01.05.2015

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 5/2015

In unserer globalisierten Welt verbreiten sich tödliche Erreger wie Ebola oder Mers immer rascher. Weltweit arbeiten Forscher an Impfstoffen, während Organisationen und Regierungen für einen souveräneren Umgang mit Epidemien sorgen wollen. Viele Ansätze, aber doch kein Durchbruch? Ein Ausblick auf die nächsten zehn Jahre.

Ob Dengue in Myanmar, die Legionärskrankheit in New York, Mers in Südkorea oder das Chikungunya-Virus in Spanien: Die monatelange Berichterstattung über den Ausbruch des Ebola-Virus in Westafrika hat das Bewusstsein für Erreger geschärft. Schon heute werden allein in Europa, den USA und Japan jedes Jahr 400 Millionen virale und 230 Millionen bakterielle Infektionen registriert. In der EU sterben jährlich 25.000 Menschen an Infektionen mit resistenten Erregern. Weltweit sind es nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) um die 700.000. Mehr noch: Der weltweite Antibiotika-Verbrauch ist von 2000 bis 2010 um 36 Prozent gestiegen. In Deutschland verschreiben Ärzte jedes Jahr einem Drittel der Versicherten Antibiotika.

Wie soll das weitergehen? Nach Ansicht von Prof. Dr. August Stich, Chefarzt der Tropenmedizin in der Missionsärztlichen Klinik in Würzburg, zeichnen sich zwei Trends ab: Zum einen komme es zu immer mehr Resistenzen bei bakteriellen Erregern – seien es Darmerreger oder Hautkeime wie MRSA. Zum anderen breiteten sich, bedingt durch klimatische Veränderungen, immer mehr tropische Virusinfektionen auch in Mitteleuropa aus, so der Tropenmediziner. Viele Erreger, ergänzt Prof. Thomas Jelinek, wissenschaftlicher Leiter am Düsseldorfer Zentrum für Reisemedizin, würden von Reisenden aufgesammelt, seien leicht übertragbar und wanderten daher schnell von einem Land ins nächste – Beispiel Mers.

Eine Erkrankung, die bislang weitaus mehr Schaden angerichtet hat als das Ebola-Virus, allerdings niemals so sehr im Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit stand, ist die von Mykobakterien ausgelöste Tuberkulose, sagt Dr. Maximilian Gertler, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen. „Häufig wissen wir auch nicht, woran genau die Patienten sterben, weil es in vielen Entwicklungsländern keine Möglichkeiten der exakten Diagnose gibt", ergänzt der Epidemiologe, der 2014 für MSF in Guinea im Einsatz war. Es könnten neue Erreger sein oder alte Erreger in neuem Gewand.

Unterschiede in den Gesundheitssystemen

Und genau das ist laut Gertler und Stich das Hauptproblem im Umgang mit Infektionskrankheiten in Entwicklungsländern: der desolate Zustand der dortigen Gesundheitssysteme und der fehlende Zugang der Bevölkerung zur ärztlichen Versorgung. „An sich sind nämlich viele Infektionskrankheiten recht leicht zu behandeln", sagt Tropenmediziner Stich. Allein fehle zu häufig das weltweite Interesse an der jeweiligen Krise. Und Hilfe komme für die dortigen Gesundheitssysteme zu spät.

Bei Ebola führte die rasant steigende Zahl an Todesopfern der Weltgemeinschaft drastisch vor Augen, dass die Suche nach globalen Lösungsansätzen zum Umgang mit Epidemien wie dieser an der Zeit ist. Nicht noch einmal dürfe es zu einem solchen Desaster kommen, betonte die Generaldirektorin der WHO, Margaret Chan, vor der Weltgesundheitsversammlung im Frühjahr in Genf. Akribisch basteln seitdem die WHO, die G7-Staaten und ihre jeweiligen Regierungen sowie die Wissenschaft an Lösungsansätzen zum Umgang mit Erregern.

  • Die WHO: Chan zufolge wird derzeit an einem Programm zur Reaktion auf Erregerausbrüche gearbeitet, das detailliert vorgibt, was in Krisenfällen in 24, 48 und 72 Stunden zu tun ist. Darüber hinaus soll ein Fonds mit Mitteln für Sofortmaßnahmen in Höhe von 87 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden. Nicht zuletzt will die Organisation mehr Experten für Krisensituationen wie Ebola schulen und eine bessere Logistik schaffen.
  • Die G7:Die sieben großen Industrienationen haben sich im Juni im bayerischen Elmau auf eine fachgerechte Verwendung von Antibiotika verständigt – ebenso auf mehr Forschung und Entwicklung in diesem Bereich.

Mehr Studien zur Antibiotika-Forschung

  • Die Regierung: Die Bundesregierung will für den Aufbau von Gesundheitssystemen in armen Ländern 200 Millionen Euro bereitstellen. Darüber hinaus hat Deutschland im Mai die neue Antibiotika-Resistenzstrategie (DART 2020) beschlossen, die seit 2008 die Bekämpfung von Resistenzen bei Mensch und Tier zum Ziel hat. Das Robert Koch-Institut arbeitet als zentrale Einrichtung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung an einer stärkeren Internationalisierung, um für Krisenfälle wie Ebola in der Koordination noch besser aufgestellt zu sein, berichtet dessen Präsident Prof. Lothar H. Wieler. Das RKI will Wieler zufolge noch stärker mit Wissenschaftlern, vor allem in Afrika, kooperieren. „Wichtig ist auch, unsere eigene Bevölkerung noch besser über Infektionskrankheiten aufzuklären", findet Wieler. Im nächsten Jahr plant das Bundesgesundheitsministerium über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verstärkte Informationsangebote zur richtigen Nutzung von Antibiotika.
  • Die Mediziner: Auch die Ärzteschaft bereitet sich derzeit gezielt auf einen besseren Umgang mit Erregern vor – mit einem Fokus auf dem Einsatz von Antibiotika, sagt Bundesärztekammerpräsident Prof. Frank Ulrich Montgomery. Das Thema Antibiotika(-Verordnung) und Antibiotika-Resistenzen hat er vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen als einen Arbeitsschwerpunkt für die Wahlperiode 2015–2019 definiert. So sollen zum Beispiel Versorgungsstudien zur Verordnung und Einnahme von Antibiotika gefördert werden und Patienten mehr Informationen zur Einnahme von Antibiotika erhalten. Für wichtig hält der BÄK-Präsident auch, Ärzte noch stärker als bislang zur rationalen Verordnung von Antibiotika fortzubilden und die klinische Infektiologie in der ärztlichen Aus- und Fortbildung zu fördern. Auch Lehrstühle an Universitäten sollen wieder entstehen – bis zuletzt war beispielsweise die Tropenmedizin in Deutschland eher vernachlässigt worden und zunehmend in anderen Bereichen aufgegangen.
  • Die Forschung: Besonders aktiv ist die Wissenschaft – dies jedoch nicht erst seit Ebola, sagt Prof. Dr. Ansgar W. Lohse, der den Schwerpunkt „neu auftretende Infektionskrankheiten" am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) mitleitet. „Ausbrüche wie Ebola sind für die Wissenschaft nicht so überraschend wie für die Öffentlichkeit", sagt Lohse. Im Rahmen des DZIF-Forschungsschwerpunktes arbeitet Lohse gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern an der Entwicklung neuer Impfstoffe. Dank Ebola habe das Bundesministerium für Bildung und Forschung Fördermittel schnell zur Verfügung gestellt – eine richtige Entscheidung, sagt Lohse. „Die Pharmaindustrie ist keine karitative Einrichtung. Die Entwicklung von Impfstoffen ist nicht allein Aufgabe der Privatwirtschaft." Das sieht auch Jelinek vom Zentrum für Reisemedizin so. „Ohne die Unterstützung der Politik besteht die Gefahr, dass wichtige Forschungen an Impfstoffen in der Pipeline vertrocknen."

 

Es mangelt an Ideen, nicht am Geld

Für eine veränderte Forschungslandschaft spricht sich Prof. Peter Hammann aus, Leiter des Sanofi-Fraunhofer Exzellenzzentrums für Naturstoffforschung. „Open Innovation muss noch stärker gefördert werden", findet Hammann. Die Pharmaindustrie brauche nach seiner Meinung nicht einfach mehr Geld für Forschung und Entwicklung, sondern vor allem grundlegend neue Ideen, um dieses Geld innovativ zu nutzen. Im Rahmen der Fraunhofer-Kollaboration arbeitet Sanofi-Wissenschaftler Hammann an neuen Antibiotika, die gegen multiresistente gramnegative Erreger wirksam sind – einen Schwerpunkt haben die Forscher dabei auf Naturstoffe gelegt, die von Mikroorganismen wie Bakterien und Pilzen gebildet werden. Am allerwichtigsten, glaubt Tropenmediziner Stich, sei neben Forschung, Entwicklung und politischem Goodwill aber noch eine weitere Sache: ein verändertes Bewusstsein dafür, was die vielen Erreger weltweit alles anrichten können.

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