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Medical Apps

Spreu und Weizen

Spreu und Weizen

  • Interviews
  • Titel: Digitale Revolution
  • 01.05.2016

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 5/2016

In Medical-Apps steckt viel Potenzial. Oft allerdings ist unklar, welche Interessen hinter einer App stehen und was mit den Daten geschieht. Kai Helge Vogel, Leiter des Teams Gesundheit und Pflege, Verbraucherzentrale Bundesverband, fordert mehr Transparenz – und ein Portal, das über Mehrwert und Risiken einzelner Angebote aufklärt.

Herr Vogel, welchen Reiz üben Gesundheits-Apps auf Verbraucher aus?
Viele Verbraucher sehen in den Apps ein Lifestyle-Produkt mit einem positiven Image, was den Vermarktungsstrategien entspricht. Durch die vorinstallierten Apps auf ihrem Smart- phone kennen sie den Umgang mit den technischen Hilfen und tun jetzt noch etwas Gutes für ihre Gesundheit. Auch für Sportler können Apps einen Mehrwert liefern. Sie fühlen sich zumindest fitter, wenn sie über eine App ihre Werte kontrollieren. Die Apps bieten weit mehr Möglichkeiten als ein einfacher Schrittzähler.

Gibt es Apps, die Sie aus Verbrauchersicht rundheraus befürworten?
Das weniger. Hierfür müssten Informationen zum Datenschutz, zur adäquaten Nutzung, Funktions- und Leistungsfähigkeit transparenter gemacht werden. Zum Beispiel gibt es eine App, die einen Schwangerschaftstest verspricht, was unrealistisch ist. Hilfreich kann hingegen eine App sein, die fundierte Informationen zu den Stadien einer Schwangerschaft bietet. Manchmal sind Apps aber eher eine Spielerei ohne einen konkreten Gesundheitsnutzen. Nicht selten steht noch der Marketingzweck des Herstellers oder Anbieters im Vordergrund und weniger der Gesundheitseffekt.

Erst wenige Apps sind als Medizinprodukt anerkannt. Sollte sich dies ändern?
Dass Apps, die in Verbindung mit Diagnostik und Therapie stehen, als Medizinprodukte klassifiziert und entsprechend geprüft werden, halte ich für sehr wichtig. Denn gerade von diesen Apps erwarten die Verbraucher, dass sie hundertprozentig funktionieren. Ein Herzpatient, der für einen Marathon trainiert, muss sich auf die Werte der App verlassen können. Andernfalls kann es für den Nutzer lebensgefährlich werden, zum Beispiel, wenn er gute, aber falsche Werte angezeigt bekommt und sein Training danach ausrichtet. Nur zwei von zwölf Fitnessarmbändern, die die Stiftung Warentest kürzlich getestet hat, sind mit „gut" benotet worden.

Können Medical-Apps die Patientenrechte stärken?
Ja, das denke ich schon. In den Apps, aber auch in anderen Bereichen der Digitalisierung, steckt viel Potenzial. Für die Patienten kann es dadurch einfacher und auch selbstverständlicher werden, Einsicht in die eigene Patientenakte zu nehmen. Dies stärkt die Patientenautonomie und wird die Kommunikation mit dem Arzt verändern. Außerdem könnten Gesundheitsdaten, die der Patient über eine Fitness- oder Gesundheits-App gesammelt hat, für die Diagnostik genutzt werden. Hier stehen wir aber noch ganz am Anfang. Auch muss das Einlesen externer Datenträger in den Praxiscomputer technisch sicher möglich sein.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Grundlegend sind Qualitätskriterien und qualitätssichernde Maßnahmen, damit eine App richtig angewandt werden kann. Außerdem ist mehr Transparenz nötig. Für den Nutzer muss ersichtlich sein, wer die App erstellt hat und von wem er sie bezieht, welche Informationen und Funktionen bereitgestellt werden, welche Verpflichtungen er eingeht, ob und an wen personenbezogene Daten weitergeleitet werden und ob sonstige Zugriffe auf Daten stattfinden. Auf einem unabhängigen Verbraucherportal sollte einsehbar sein, wie die Apps unter diesen Gesichtspunkten zu bewerten sind. Es fehlt auch noch an Regeln für die Kostenerstattung von medizinischen Apps.

Auch halte ich es für notwendig, dass Patienten und Ärzte in die Entwicklung der Apps einbezogen werden, denn sie sind die späteren Anwender. Und wir brauchen mehr Versorgungsforschung. Wir wissen zu wenig, wie Apps langfristig auf das Gesundheitsverhalten wirken. Unklar ist ebenfalls, welcher psychologische Druck über eine App ausgelöst werden kann, selbst wenn der Nutzer krankheitsbedingt vorübergehend nicht in der Lage ist, den Empfehlungen zur sportlichen Aktivität zu folgen. Die CHARISMHA- Studie hat gezeigt, dass wissenschaftliche Belege für eine sinnvolle Nutzung oft noch fehlen.

Gilt das für Gesundheits-Apps und Medical-Apps gleichermaßen?
Manchmal sind die Grenzen zwischen einer Gesundheits-App und einer medizinischen App nicht einfach zu ziehen. Grundlegend für alle Apps sind die Anforderungen an den Datenschutz und die Datensicherheit sowie der Bedarf an verständlichen Informationen zum Leistungsprofil und Transparenzkriterien. Es gibt aktuell verschiedene Initiativen, mit denen die Hersteller zu mehr Klarheit und Verbindlichkeit angehalten werden sollen. Der Handlungsbedarf bei der Qualitätssicherung und Versorgungsforschung ist für medizinische Apps höher, da sie auf die Diagnostik und Therapieentscheidung Einfluss nehmen. Ein erster Schritt wäre die bereits erwähnte Klassifizierung als Medizinprodukt.

Wie lassen sich der Datenschutz und die Datensicherheit bei der Anwendung von Apps verbessern?
Es fehlt noch an vielen Stellen. Verpflichtend sollte eine Datenschutzerklärung sein, die der Nutzer zu Beginn bestätigen muss. Er muss wissen, warum, wie und welche Daten erhoben werden. Die Daten müssen der Zweckbestimmung des Gerätes entsprechen. Es gilt der Grundsatz der Datensparsamkeit. Ohne ausdrückliche Einwilligung dürfen personenbezogene Daten nicht an Dritte weitergereicht werden. Das ist nach deutschem Datenschutzrecht selbstverständlich, viele Apps kommen aber aus Japan und den USA mit anderen Datenschutzbestimmungen, sodass wir aktiv werden, um hiesige Standards durchzusetzen. Uns geht es darum, dass die Anwendung im Rahmen der hier geltenden Rechtsvorschriften erfolgt. Die sensiblen Gesundheitsdaten stehen dabei unter einem besonderen Schutz. Ein weiterer Aspekt der Datensicherheit betrifft den Schutz vor unbefugten externen Zugriffen und eine gesicherte End-to-End-Verschlüsselung beim Datentransport.

Welche weiteren Risiken bergen die Apps für die Anwender?
Kritisch sind Konsequenzen für Versicherungstarife. Private Versicherungsunternehmen bieten bereits Tarife an, bei denen positiv zu Buche schlägt, wenn die Versicherten Gesundheits-Apps nutzen. Für junge gesunde Versicherte mag das attraktiv sein, doch auch sie werden älter oder können plötzlich schwer erkranken und sollten sich dessen bewusst sein.

In der gesetzlichen Versicherung existiert keine risikoabhängige Tarifgestaltung; allenfalls über Bonusprogramme können Krankenkassen versuchen, Einfluss auf das Gesundheitsverhalten der Versicherten zu nehmen. Als Verbraucherzentrale vertreten wir die Position, dass die Nutzung einer App freiwillig sein muss, ohne Einfluss auf die Höhe der Versicherungsbeiträge. Auch darf seitens der Ärzte kein Druck ausgeübt werden, dass Patienten ihre Daten preisgeben oder telemedizinische Angebote nutzen müssen statt der Sprechstunde. Ferner können haftungsrelevante Fragen auftreten, zum Beispiel wenn die Funktionsfähigkeit des Gerätes eingeschränkt ist und der Nutzer hierdurch zu Schaden gekommen ist. Es muss geklärt sein, ob die Krankenkasse haftet, die eine App anbietet, oder der Hersteller.

Welche Ziele hat sich die Verbraucherzentrale gesetzt?
Bei den Apps und weiteren digitalen Anwendungen handelt es sich um eine zukunftsweisende Technologie, vor der wir nicht die Augen verschließen können. Im Gegenteil, dies ist ein Schwerpunktthema unserer Arbeit. Den Trend wollen wir mitgestalten und Verbraucherpositionen einbringen. Das bedeutet, wir müssen den Umgang mit den gesundheitsrelevanten Apps und deren Nutzen aus Verbrauchersicht bewerten. Um zu erfahren, was Patienten wirklich möchten, führen wir zum Beispiel Befragungen durch. Die Ergebnisse diskutieren wir auf einer Tagung im Oktober. Wichtig ist, die Spreu vom Weizen zu trennen. Für den Verbraucher muss erkennbar sein, beispielsweise über ein Internetportal mit gesicherten Informationen, welche Apps tatsächlich einen Mehrwert bieten und welche Risiken damit verbunden sein können. Transparenz ist unerlässlich, da der Markt in weiten Teilen von Werbung dominiert wird.

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