344
Passwort vergessen

Innovationen in der Medizintechnik

Poleposition für den Mittelstand

Poleposition für den Mittelstand

  • Interviews
  • Titel: Politische Revolution
  • 01.05.2016

Gesundheits Wirtschaft

Ausgabe 5/2016

Georg Schütte

 

Das Bundesforschungsministerium fördert Innovationen in der Medizintechnik. Staatssekretär Dr. Georg Schütte verweist im Interview auch auf ein Forschungsprogramm zu passenden Studiendesigns für die Bewertung von Medizinprodukten.

Herr Dr. Schütte, die Medizin hat in den zurückliegenden 25 Jahren beeindruckende Fortschritte erzielt, etwa bei der Behandlung von Krebs. Welche Rolle spielten dabei staatliche Initiativen, welche privates Unternehmertum?
Beides muss zusammenwirken. Seit dem Jahr 2000 ist die Sterblichkeit bei einem Herzinfarkt in Deutschland um ein Fünftel gesunken. Das konnte nur gelingen, weil auf mehreren Feldern bahnbrechende Fortschritte erzielt wurden, etwa in der Materialforschung oder bei der Entwicklung neuer Medizinprodukte wie Stents und Katheter. Die alte Trennung, nach der die öffentliche Hand die Grundlagenforschung finanziert und private Unternehmen die Anwendungsforschung und die Produktentwicklung, greift zunehmend nicht mehr. Der heutige Begriff der Translation bezeichnet dagegen den Leitgedanken, dass Forschungsergebnisse rascher in die Anwendung übergehen müssen. Entsprechend passen wir die Forschungsförderung an.

Was heißt das?
Wir rücken die Entwicklung und das Interesse der Patienten stärker in den Mittelpunkt. Die Versorgungsbedarfe müssen frühzeitig in der Forschung mitbedacht werden. Es geht darum, Grundlagenforscher und klinische Forschung frühzeitig zu vernetzen.

Wie ist Deutschland in der Medizintechnik international aufgestellt?
Die deutschen Medizinproduktehersteller sind in vielen Bereichen sogenannte Hidden Champions, also Weltmarktführer in Nischenmärkten. Insbesondere Baden-Württemberg hat viele solcher innovativen mittelständischen Unternehmer.

Auch die Medizinprodukteindustrie wird vom Megatrend Digitalisierung erfasst. Wie ist der Forschungsstandort Deutschland darauf vorbereitet?
Wir sehen in vielen Bereichen, dass die mittelständischen Unternehmen hier vorn dabei sind. Ich denke etwa an die Digitalisierung von Operationssälen. Da müssen wir uns international sicher nicht verstecken, was das Know-how angeht. Das ist übrigens ein gutes Beispiel für die Vernetzung von öffentlicher Förderung und Anwendung in der Versorgung. Wir haben gerade mit einigen Kliniken eine Open Source-Software entwickelt für den digitalen OP-Saal. Damit können Unternehmen arbeiten.

Welche Rolle hat das Forschungsministerium bei der Entwicklung dieser Software gespielt?
Wir haben verschiedene Förderprogramme aufgelegt, darunter ist ein Fachprogramm Medizintechnik, aber auch mehrere im Bereich der Schlüsseltechnologien. Hierzu gehört auch die Informations- und Kommunikationstechnologie. Eines der Projekte, die nach einem Antrag eine Förderung erhalten haben, war eben die Entwicklung einer Open Source-Technologie für OP-Säle.

Gerade die mittelständischen Medizinproduktehersteller leiden zunehmend unter einer schärferen Regulierung, etwa was die Anforderungen an Studien bei der Zulassung und künftig der Nutzenbewertung von Medizinprodukten angeht. Wie beurteilen Sie das mit Blick auf den Innovationsstandort Deutschland?
Richtig ist, dass die Anforderungen an die Hersteller komplexer geworden sind. Entscheidend ist die Patientensicherheit. Die Hersteller müssen darüber hinaus den medizinischen Nutzen ihrer Produkte besser belegen. Damit die Unternehmen damit umgehen können, ist zunächst Transparenz über den Prozess nötig. Die Hersteller müssen von Beginn an genau wissen, welche Studien nötig sind für die Zulassung und die spätere Nutzenbewertung, damit sie ihren Forschungs- und Entwicklungsprozess zielführend gestalten können. Wir müssen aber auch Raum geben, um neue Methoden jenseits der klassischen randomisiert-kontrollierten Studien auszuprobieren. Wichtig ist, dass die Unternehmen mit vertretbarem Aufwand die Anforderungen an die Patientensicherheit erfüllen können.

Was halten Sie von einem öffentlichen Forschungsprogramm für adäquate Studiendesigns bei Medizinprodukten?
Wir haben gerade in unserem Fachprogramm Medizintechnik genau diesen Aspekt aufgenommen. Das ist ein Ergebnis des Strategieprozesses Medizintechnik der Bundesregierung. Wir wollen herausfinden, welche Studiendesigns für die Bewertung von Medizinprodukten in puncto Sicherheit und Nutzen adäquat sein könnten.

Wann rechnen Sie mit ersten Ergebnissen bei dieser wichtigen Frage?
Wir haben gerade erst mit dem Programm gestartet. Es wird in den kommenden Jahren mehrere Ausschreibungen geben, unter anderem zu dieser Frage. Ich hoffe natürlich auf rasche Ergebnisse, aber wir müssen den Forschern hier auch Zeit geben.

Wie viel Geld stellen Sie für dieses Programm bereit?
Insgesamt beträgt das Fördervolumen in den nächsten Jahren für das Fachprogramm Medizintechnik pro Jahr bis zu 50 Millionen Euro. Für welche Forschungsvorhaben das Geld im Detail ausgegeben wird, hängt dann von den jeweiligen Ausschreibungen und den eingereichten Projektanträgen ab.

Benötigen wir verstärkt öffentliche Gelder, um Studien mitzufinanzieren?
Klinische Studien werden grundsätzlich von den Herstellern finanziert. Wir können sicher nicht das gesamte wirtschaftliche Risiko auf die öffentliche Hand übertragen. Andererseits gibt es Bereiche, in denen die öffentliche Hand helfen muss, die Forschung voranzutreiben.

Inwieweit diskutieren Sie innerhalb der Bundesregierung, etwa mit dem Gesundheitsministerium (BMG), wie die Balance zwischen Patientensicherheit, Bezahlbarkeit von Innovationen und hoher Innovationskraft gewahrt werden kann?
Zur Aufgabe des BMG gehört es sicherlich, für die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems zu sorgen. Die Aufgabe des Forschungsministeriums ist es, immer wieder den Aspekt der Innovationskraft zu betonen. Hier ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Innovationskraft und Finanzierbarkeit zu schaffen, dafür bedarf es eines Dialogs zwischen den Ministerien. Eine goldene Formel gibt es dabei nicht. Genau um diese Frage geht es übrigens auch im Strategieprozess Medizintechnik. Die Tatsache, dass es nun im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) einen Innovationsfonds gibt, ist beispielsweise Ausdruck dieses Kommunikationsprozesses. Darüber hinaus gibt es ganz konkrete Maßnahmen. Denken Sie an das nationale Implantateregister. Derzeit arbeiten beide Ministerien intensiv am Aufbau dieses Registers.

Wie geht es nun weiter, nachdem der Strategieprozess offiziell abgeschlossen ist?
Wir haben zunächst die Internetplattform Medizintechnologie aufgesetzt. Zweitens haben wir ein Förderprogramm für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) gestartet und drittens das bereits erwähnte Fachprogramm Medizintechnik aufgesetzt. Als Forschungsministerium haben wir unseren Anteil damit weitestgehend geleistet. Wir bleiben mit den anderen Ministerien und den relevanten Akteuren im Gespräch über die weiteren Maßnahmen, die sich aus dem Strategieprozess ergeben.

Autor

Weitere Artikel dieser Ausgabe

Kontakt zum Kundenservice

Rufen Sie an: 0 56 61 / 73 44-0
Mo - Fr 08:00 bis 17:00 Uhr

Senden Sie uns eine E-Mail:
info@bibliomedmanager.de

Häufige Fragen und Antworten finden Sie im Hilfe-Bereich