Die Bundesarbeitsgemeinschaft psychiatrischer Krankenhausträger (BAG Psychiatrie) veranstaltete die alljährliche Herbsttagung zum Jahresende 2024 an einem ganz besonderen Ort: in einem Aufzug-Testturm im baden-württembergischen Rottweil in 220 Metern Höhe.
Neben der spektakulären Location erwartete die Teilnehmenden ein spannendes und themenrelevantes Programm. Als Leitmotiv zog sich die regionale Pflichtversorgung durch die Tagung, die – so bedeutsam sie auch für Psych-Fächer ist – nie näher definiert wurde. Die fehlende Begriffsklärung sorgt im Psychiatriesektor anhaltend für Unsicherheiten.
Umso spannender ist ein Forschungsprojekt der Universität Regensburg, das vorgestellt wurde: Am Lehrstuhl für Psychiatrie haben Wissenschaftler im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) ein Datenmodell entwickelt, mit dem sich eine rechnerische Operationalisierung der Teilnahme an der regionalen Pflichtversorgung herleiten lässt. Der Ansatz basiert auf einer umfangreichen Datenanalyse sowie -modellierung und wurde so gestaltet, dass er möglichst vielfältig eingesetzt werden kann – sowohl bei der Richtlinie zur Personalausstattung Psychiatrie und Psychosomatik (PPP-RL) als auch bei Budgetverhandlungen.
Regionale Governance
Im Anschluss wurde das Konzept der regionalen Governance diskutiert. Die regionale Pflichtversorgung ist bei diesem Steuerungsmodell automatisch mitgedacht, da innerhalb einer Region eine abgestimmte Versorgungsplanung über Sektorengrenzen hinweg stattfindet. Die Region muss hierbei ihre Versorgungsangebote bündeln und überlegen, welche Bedarfe in der Region bestehen und wie diese abgedeckt werden können. Die Überlegung dazu basiert auf den erfolgreich erprobten Modellprojekten nach § 64 b SGB V, die erste sektorenübergreifende Ansätze etabliert haben. Regionale Governance geht aber darüber hinaus: Sie versucht, weitere Sektorengrenzen zu überwinden und damit die Versorgung zu verbessern: Für einen langen und nachhaltigen Effekt sind jedoch auch andere Sektoren einzubeziehen. Während es in einigen Regionen gut läuft, mangelt es in anderen so gravierend an ambulanten Versorgungsmöglichkeiten, dass die Krankenhäuser in die Bresche springen müssen. Diese Unterschiede müssen regional betrachtet und geplant werden. Regionale Governance greift diesen Aspekt auf und setzt in der regionalen Planung an.
Pflichtversorgung durch Angehörige
Aber auch die Belange von Patienten und Angehörigen müssen in den Überlegungen zur regionalen Pflichtversorgung berücksichtigt werden, wie der Vorsitzende des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen klar machte. Die Pflichtversorgung finde häufig in Familien statt, da hauptsächlich sie es sind, die Angehörige mit leichteren psychischen Erkrankungen betreuen. Bei Diskussionen zur Pflichtversorgung müssen deshalb immer auch die An- sowie Zugehörigen der Betroffenen gehört und mitgedacht werden. Hilfe sowie Unterstützung für die Angehörigen sei wichtig und könne ebenfalls dazu beitragen, Versorgungsengpässe zu vermeiden. Den Kliniken gibt der Verband die Bitte mit, mehr in die Lebensräume der Menschen zu gehen, da es vielen nicht möglich ist, an den Kliniken stationäre oder ambulante Angebote wahrzunehmen. Aufsuchende Behandlungsformen sollten dringend flächendeckender eingesetzt werden.
Vorbereitung auf Hackerangriff
Die Sicherheit von Netzen und Strukturen innerhalb der Kliniken hatte schon immer eine hohe Bedeutung, gewinnt aber angesichts der regionalen Pflichtversorgung in der Psychiatrie stetig an Gewicht. Anhand eines realen Falls schilderte ein Vertreter eines betroffenen Hauses, wie ein Cyberangriff auf ein Krankenhaus abläuft und wie eine Klinik mit anschließendem Krisenmanagement versuchen kann, die Schäden zu beheben und das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückzugewinnen. Der Fallbericht zeigte die Relevanz, einer richtigen Vorbereitung auf den Ernstfall.
Sollte es in der nächsten Legislaturperiode zu Reformbestrebungen für die Psych-Fächer kommen, ist zu hoffen, dass sich die BAG Psychiatrie auch auf Bundesebene für eine angemessene Berücksichtigung der regionalen Pflichtversorgung einsetzt. Impulse, Erkenntnisse und Know-how rund um diesen Stützpfeiler der psychiatrischen Versorgung lieferte ihre Jahrestagung jedenfalls in Fülle.


