Wie viel Personal es für eine gute Therapie von Menschen mit psychischen Erkrankungen braucht, dazu haben die medizinischen Fachgesellschaften Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) und die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) gemeinsam mit 20 weiteren Fachverbänden ein Modell entwickelt. Wie die beiden Verbände mitteilen, biete das sogenannte „Plattform-Modell“ im Ergebnis die Möglichkeit, notwendige Behandlungsprozesse und damit verbundene Personalbedarfe in der stationären Behandlung zu definieren. Das Modell orientiere sich am Behandlungsbedarf psychisch erkrankter Menschen und betrachte diesen auf verschiedenen, jeweils multidisziplinär besetzten Dimensionen: psychiatrisch-psychotherapeutisch, somatisch und psychosozial. Für jede dieser drei Dimensionen wird zwischen regulärem und erhöhtem Versorgungsbedarf unterschieden. Daraus ergeben sich wiederum acht Bedarfscluster.
Meyer-Lindenberg: "Erstmals empirische Daten für ein Modell zur Personalbemessung"
„EPPIK liefert erstmals empirische Daten für ein Modell zur Personalbemessung in der stationären Psychiatrie“, sagt Andreas Meyer-Lindenberg, Präsident der DGPPN. „Es zeigt sich, dass der Behandlungsbedarf der Patientinnen und Patienten reliabel eingeschätzt werden kann. Auch die Dimensionen des Modells bilden sich wie erwartet ab: So ist zum Beispiel in den Clustern mit einem erhöhten somatischen Bedarf auch der Zeitaufwand für die Pflege und die Ärztinnen und Ärzte besonders hoch.“
Mit der vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) finanzierten Studie EPPIK (Überprüfung der Eignung des Plattform-Modells als Instrument zur Personalbemessung in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken) wurde das Modell nun in Kooperation mit den medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften DGPPN und DGKJP von einem multidisziplinären Projektteam aus Forschung, Beratung und Versorgung unter Koordination der Universität Ulm empirisch getestet und wissenschaftlich evaluiert.
Für die Studie wurden Daten von fast 11.000 Patient:innen aus insgesamt 54 Kliniken der Erwachsenen-, Kinder- und Jugendpsychiatrie analysiert. Zunächst wurde überprüft, ob der jeweilige Behandlungsbedarf mit Hilfe des Plattform-Modells reliabel eingeschätzt werden kann. Anschließend haben Expert:innen aus allen an der Behandlung beteiligten Berufsgruppen gemeinsam mit Betroffenen erarbeitet, wie eine optimale Behandlung in den acht Bedarfsclustern aussehen sollte. Hierfür wurde ausgehend von beispielhaften Fallvignetten bestimmt, welche Behandlungsbausteine und Tätigkeiten für die multiprofessionelle Behandlung von Patient:innen in jedem Bedarfscluster notwendig sind und wie viel Zeit dafür benötigt wird. Schließlich wurde mit Hilfe der Delphi-Methode, einem systematischen, mehrstufigen Befragungs- und Schätzverfahren, ermittelt, wie viel Personal für die derart definierte Behandlung benötigt wird. Erste Ergebnisse des Projektes wurden bereits im März bei einem Symposium vorgestellt.
Romanos: "Bestandteile der multiprofessionellen Behandlung nachvollziehbar"
„Dieses Vorgehen ist unserer Erkenntnis nach weltweit einzigartig. Damit sind jetzt wichtige notwendige Bestandteile der multiprofessionellen Behandlung nachvollziehbar und auch der Personalbedarf dafür“, ergänzt Marcel Romanos, Präsident der DGKJP.
Insgesamt liegt der durch EPPIK ermittelte Personalbedarf deutlich über den Mindestvorgaben der Personalrichtlinie PPP-RL. Allerdings beziehen sich die Vorgaben der PPP-RL auf mehr als 30 Jahre alte Personalzahlen und wurden ohne Evidenzgrundlage und ohne die Bezugnahme auf Leitlinien definiert. EPPIK geht dagegen von dem tatsächlichen Bedarf der Betroffenen aus.

