BDK-Herbsttagung

Psychiatrie und Psychosomatik – getrennt oder integriert?

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Psychiatrie und Psychosomatik – getrennt oder integriert?
© iStock.com/FredFroese

Im Oktober traf die Bundesdirektorenkonferenz bei ihrer Herbsttagung zusammen. Das waren die Highlights.

Macht es Sinn, dass es zwei Psych-Fächer für Erwachsene gibt? Lässt sich die Psychosomatik von der Psychiatrie überhaupt abgrenzen? Und gibt es gelungene Formen der Integration? Diese Fragen diskutierten die ärztlichen Leiter:innen der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie bei der Herbsttagung der Bundesdirektorenkonferenz (BDK) Ende Oktober. 

BDK-Vorstandsmitglied Thomas Kraus, Chefarzt der zu den Bezirkskliniken Mittelfranken gehörenden Frankenalb-Klinik, hatte dafür in seine Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im ehemaligen Klosterdorf Engelthal bei Nürnberg eingeladen. Damit machte er zugleich auf sein integratives psychiatrisch-psychosomatisches Konzept aufmerksam, das sich im Hinblick auf die Versorgungsqualität, die Ökonomie und die Personalgewinnung sowie -bindung als sehr erfolgreich herausgestellt hat. 

Beispiel einer Integration 

1973 ging die Frankenalb-Klinik aus der im Jahr 1900 errichteten ehemaligen Lungenheilanstalt als Bezirkskrankenhaus für die regionale Voll-, Pflicht- und Notfallversorgung des Landkreises Nürnberger Land und der Region östliches Mittelfranken hervor. Neben 158 psychiatrischen Betten führt die Klinik unter kommunaler Trägerschaft mittlerweile auch eine psychosomatische Abteilung mit 33 Betten, eine Wahlleistungsstation und eine Tagesklinik. Das macht sie für die Mitarbeitenden, insbesondere das ärztliche und pflegerische Fachpersonal, sehr attraktiv. Die Klinik betreibt eine Psychiatrische Institutsambulanz (PIA) mit Home Treatment und ist eng mit gemeindepsychiatrischen und komplementären Strukturen vernetzt. 

Die Klinik setzt neben einer Basisversorgung und Subdifferenzierung in Allgemeinpsychiatrie, Gerontopsychiatrie, Suchtmedizin und Psychosomatik auch auf Schwerpunkte im Sinne von Spezialisierungen, die ausstrahlen” und Alleinstellungsmerkmal definieren. Die Schwerpunkte der Frankenalb-Klinik liegen auf der Behandlung von Depressionen, nicht-invasiver Hirnstimulation und Psychotherapie von arbeitsplatzbezogenen Störungen. Vor den Toren der Großstadt im Grünen gelegen, stellt das psychiatrisch-psychosomatische Fachkrankenhaus damit ein Gegenmodell zur städtischen Abteilungspsychiatrie mit vorwiegend gemischten und beschützenden allgemeinpsychiatrischen Stationen dar. 

Psychiatrie im Umbruch

Die Psychiatrie in Deutschland befindet sich in einem Umbruch wie seit der Enquête 1975 nicht mehr. Im Lichte der laufenden Krankenhausreform in Deutschland macht die Regierungskommission in ihrer achten Stellungnahme Vorschläge zur Umsetzung von Reformen in der Psychiatrie und Psychosomatik. Darüber wurde auf der Tagung heftig diskutiert. Aus Sicht der BDK erscheint es kritisch, dass die Parallelstruktur Psychosomatik in Deutschland als gesetzt betrachtet wird und dass für sie keine Begrenzung gefordert wird. Stattdessen gilt sie als fester integraler Bestandteil an Allgemeinkrankenhäusern und wird auch als überregionaler Schwerpunktversorger akzeptiert. 

Die Verbesserung der ambulanten Versorgung über PIA nach dem Bayerischen Modell, die auch intensiv aufsuchend arbeiten und damit die stationsäquivalente Behandlung (StäB) ergänzen, wird ausdrücklich begrüßt. Damit die PIA auch die Flächenversorgung mit Psychotherapie unterstützen können, braucht es aber mehr Kurzzeit-Therapien, die auch höherfrequent angeboten werden können. Außerdem muss Richtlinien-Psychotherapie erlaubt werden, auch im Hinblick auf das Psychotherapie-Direktstudium. Die psychotherapeutische Weiterbildung an den Kliniken macht die ambulante Weiterbildung in den PIA erforderlich. Dafür muss es ihnen aber möglich sein, Richtlinien-Psychotherapie anzubieten.

Höhepunkt: Vortrag von Friederich

Ein Höhepunkt der Tagung war der Vortrag von Hans-Christoph Friederich, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM). Er grenzte die Psychosomatik von der Psychiatrie durch das Vorhandensein mindestens einer somatischen Grunderkrankung oder einer somatisch manifestierten psychischen Erkrankung ab. Außerdem müssten einer stationär-psychosomatischen Behandlung mindestens fünf ambulante Psychotherapie-Sitzungen vorausgehen. Patienten mit höherer Akuität müssten gleich in der Psychiatrie aufgenommen werden, selbstverständlich auch, wenn Suizidalität vorliegt. Hoch interessant war seine Aussage, dass in der Psychosomatik im Grunde Patienten behandelt werden, die nur ein Psychopharmakon benötigen, das idealerweise noch während der psychosomatischen Behandlung abgesetzt werden kann. Brauchen Patienten mehr Medikamente, würde auf die Psychiatrie verwiesen. Eine Koexistenz mit der Notfall- und pflichtversorgenden Psychiatrie erscheint Friederich möglich. Allerdings dürften aus Sicht der BDK psychiatrisch versorgende Kliniken nicht auf die Notfall- und Akutversorgung Schwerstkranker reduziert werden, während Elektiv-Behandlungen immer mehr in der Psychosomatik stattfinden. Dadurch würde die Psychiatrie immer unattraktiver für das Personal. 

Friederich verwies in diesem Zusammenhang auch darauf, dass die DGPM darauf besteht, den Facharzt für Psychosomatische Medizin für die Weiterbildung sowie die Anrechnung von stationären Komplexcodes und ambulanten Leistungen der Psychosomatischen Institutsambulanzen (PSIA) beizubehalten. Dadurch verschärfe sich möglicherweise der Engpass in der fachärztlichen Versorgung.

Positiv: PPP-RL-Sanktionen ausgesetzt

Positiv bewerteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass die Sanktionen, welche die Richtlinie zur Personalausstattung in Psychiatrie und Psychosomatik (PPP-RL) bei Nichteinhaltung vorsieht, für zwei Jahre ausgesetzt worden sind. Die Kliniken bekommen dadurch mehr Zeit, die nötigen Umstrukturierungen vorzunehmen und die Versorgungslandschaft zu verändern. Vorschläge sollen dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) bis März 2024 unterbreitet werden. Die Ergebnisse der EPPIK-Studie zum Plattform-Modell für eine leitliniengerechte Personalbemessung sollen im März 2024 veröffentlicht werden. Sie könnten eventuell wegen zu hoher Personalforderungen Unglaubwürdigkeit hervorrufen. 

Insgesamt war die BDK-Herbsttagung in Engelthal eine diskussionsfreudige und von positiver Aufbruchsstimmung gekennzeichnete Veranstaltung. Die Kliniken sehen sich in der wichtigen Rolle, neben einer hoch effektiven stationären Versorgung auch suffiziente, ambulante und integrierte Strukturen vorzuhalten und weiterzuentwickeln. Modell-Vorhaben nach §64 b könnten dabei künftig von Bedeutung sein.

Derzeit arbeitet die BDK an einem Eckpunktepapier, das die Psychiatrie sowohl in der Rolle des wohnortnahen, sektorübergreifenden Grundversorgers sieht als auch in der des regionalen Schwerpunkt-Anbieters, beispielsweise für Menschen mit Intelligenzminderung, für Gehörlose oder für Patient:innen mit schweren Zwangserkrankungen oder Borderline-Persönlichkeitsstörungen. 

Autor

Prof. Dr. Thomas Krause

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