339
Passwort vergessen

Spahns IT-Experiment

Noch im Zuhör-Modus

Noch im Zuhör-Modus

  • f&w
  • Technologie
  • 07.06.2019

f&w

Ausgabe 6/2019

Seite 564

Prof. Jörg Debatin ist Radiologe und war lange Jahre Vorstandschef der Uniklinik Hamburg-Eppendorf, die unter seiner Leitung als erstes Krankenhaus in Deutschland voll digitalisiert arbeitete. Nach einem längeren Abstecher zum Medtech-Giganten GE in die USA leitet er nun den Health Innovation Hub in Berlin-Mitte.

Prof. Dr. Jörg Debatin ist der Chef des Health Innovation Hub, den der Gesundheitsminister zwischen Selbstverwaltung und Ministerium installiert hat. Im Gespräch mit f&w verrät der ehemalige Klinikchef, was er in drei Jahren bewirken will.

Der Minister hat den Health Innovation Hub (hib) mit großem Bahnhof eröffnet. Ganz klar ist aber nicht geworden, was Ihr Team für einen Auftrag hat. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Ich würde unsere Aufgabe in drei Bereiche gliedern. Einerseits beschäftigen wir uns mit der Telematikinfrastruktur und der Frage, wie wir Digitalisierung in den vorhandenen Strukturen voranbringen können. Da geht es vor allem um die elektronische Patientenakte die zum 1. Januar 2021 eingeführt wird. Zweitens sind wir eine Anlaufstelle für Start-ups im Gesundheitswesen. Drittens sind wir Dialogplattform. Wir bringen die Player auf Veranstaltungen zusammen, und damit meine ich nicht nur Start-ups und Venture Capitalists. Es kann beispielsweise auch für Entscheidungsträger interessant sein, was gerade mit der automatisierten Bilderkennung in der Radiologie und Pathologie passiert. Wir stellen fest, dass Maschinen die Ärzte bei der Befundung von Bildern und Geweben zumindest unterstützen können und damit die Qualität erheblich steigern. Von solchen Beispielen gibt es viele. Wir wollen Querdenker zusammenbringen. Das Gute an so einem Hub ist, dass man Gespräche ganz anders führen kann. Wir wollen rausfinden, wo echte Schmerzpunkte liegen – und was nur vorgeschoben ist.

Das ist ein ganzer Batzen an Aufgaben. Haben Sie schon eine Herangehensweise – und einen Zeitplan?

Na, unseren Zeitplan können Sie sozusagen am neuen Digitalisierungsgesetz (DVG) ablesen. Derzeit befinden wir uns im Zuhör-Modus um herauszufinden, wer braucht was im Gesundheitswesen – unsere Antennen sind auf Empfang und wir sind auch jetzt schon dabei, berufene Akteure und Treiber zusammenzubringen und gemeinsame Pläne zu schmieden.

Sie haben lange in den USA gearbeitet. Was bringen Sie aus dieser Zeit ein, um die Strukturen hier zu verbessern?

In den USA ist die Digitalisierung in der Medizin deutlich weiterentwickelt. Treiber dieser Entwicklung sind übrigens auch viele Deutsche, die erfolgreich innovative Start-ups gegründet haben. Was wir nicht haben, ist ein Mangel an kreativen Köpfen. Wir haben – ich möchte sagen, wir hatten – einen Mangel an guten Rahmenbedingungen, der dazu führt, dass eben viele nicht wertschöpfend in Deutschland tätig werden. Das müssen wir ändern, ohne dabei die Dinge, die uns wichtig sind, wie die freie Arzt- und Versicherungswahl oder auch die zu Recht hohen Prüfhürden des G-BA, zu opfern.

Noch ist das DVG ja nicht beschlossen und wir müssen abwarten, was schlussendlich dabei auf die Straße kommt, aber die Ansätze darin lassen mich mit breitem Optimismus auf die vor uns liegende Arbeit schauen.

Haben Sie ein Budget, um Start-ups zu fördern?

Wir haben kein Geld, mit dem wir Unternehmen finanzieren, sondern wollen mit unserem Know-how in den verschiedenen Bereichen Innovatoren fit machen. Mit dem Rückenwind des neuen Gesetzes werden mehr Risikokapitalgeber bereit sein, mehr in die Gesundheitswirtschaft, mehr in die Zukunft zu investieren. Unser Ziel ist sozusagen, die alte Welt mit der neuen zu verheiraten.

Ein wichtiges Thema, bei dem derzeit Stillstand herrscht, ist die Interoperabilität. Der Gesetzgeber hat jetzt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) damit beauftragt, Standards zu entwickeln. Was ist die Rolle des Hub?

Die KBV hat den einen klaren Auftrag, aber sie muss jetzt auch liefern. Aus meiner Sicht ist das wahrscheinlich die letzte Chance der Ärzteschaft, die Digitalisierung selbstbestimmt zu gestalten, sonst werden wir gestaltet – das sage ich jetzt als Arzt. Die KBV weiß auch, dass dieser Auftrag ein dickes Brett ist. Wir können mit Expertise und Moderation an den Schnittstellen zum Erfolg beitragen.

Was wird aus Ihrer Sicht die disruptive Veränderung sein, auf die sich die Krankenhäuser einstellen müssen?

Die Datenspeicherung wird in Zukunft nicht mehr institutionsbezogen, sondern patientenbezogen sein. Das, was wir seit Jahrzehnten versuchen, die Überwindung der Sektorengrenzen, wird damit endlich möglich. Insofern bietet Digitalisierung die Chance, Medizin ganzheitlicher zu sehen.

Sie haben an der Uniklinik Eppendorf in Hamburg als erster Klinikchef Deutschlands ein papierloses Krankenhausinformationssystem (KIS) eingeführt. Welche Rolle spielen die KIS aus Ihrer Sicht in Zukunft?

Es wird immer ein KIS zur Dokumentation der Leistungen geben, die ein Krankenhaus erbringt. Sie werden dann aber zum Zulieferer für die darüberstehende patientenbezogene elektronische Akte. Diese digitale Patientenakte muss so offen gestaltet werden, dass alle Sektoren von stationär, ambulant bis zur Reha daran andocken können. Diese Entwicklung bedeutet auch, dass die Souveränität des Patienten gestärkt wird. Wir brauchen ein starkes Patientenportal, das das Bundesgesundheitsministerium ja bereits plant. Das wiederum heißt, die Medizin wird in Zukunft auch stärker vom Empfänger beurteilt werden.

Es heißt, Ihr Team soll auch im Ministerium wirken. Was kann man sich darunter vorstellen?

Wir machen beispielsweise Teamveranstaltungen mit den Mitarbeitern des Ministeriums, in denen wir zeigen, wo wir in Sachen Digitalisierung in fünf Jahren stehen könnten. Auf der anderen Seite interessiert uns, was die einzelnen Referate in Sachen Digitalisierung machen. Auch hier ist unser Ziel, Wissen – unseres und das des Ministeriums – zu vernetzen. Wir kommen nicht als Heilsbringer. Generell ist uns wichtig, dass wir als Unterstützer wahrgenommen werden. Vielleicht hilft dabei auch die Tatsache, dass unser Mandat Ende 2021, also zum Ende der laufenden Legislatur, ausläuft.

 

IT-Institut des Ministers

Der Health Innovation Hub soll in den kommenden drei Jahren die Digitalisierung befeuern. Dafür stehen Debatin und seinem Team 5,4 Millionen Euro für Personalausgaben zur Verfügung. Jens Spahn bezeichnet die Truppe als Expertengremium und betont gleichzeitig, dass es sich bei dieser neu geschaffenen Institution um ein Experiment handle. Eine nachgeordnete Behörde, so der Minister, soll der Hub nicht werden.

Autor

Unsere Zeitschriften

f&w

Pflege und Krankenhausrecht

Klinik-Newsletter

Abonnieren Sie unseren kostenlosen täglichen Klinik-Newsletter und erhalten Sie alle News bequem per E-Mail.

* Durch Angabe meiner E-Mail-Adresse und Anklicken des Buttons „Anmelden“ erkläre ich mich damit einverstanden, dass der Bibliomed-Verlag mir regelmäßig News aus der Gesundheitswirtschaft zusendet. Dieser Newsletter kann werbliche Informationen beinhalten. Die E-Mail-Adressen werden nicht an Dritte weitergegeben. Meine Einwilligung kann ich jederzeit per Mail an info@bibliomed.de gegenüber dem Bibliomed-Verlag widerrufen. 

Weitere Artikel dieser Ausgabe



Kontakt zum Kundenservice

Rufen Sie an: 0 56 61 / 73 44-0
Mo - Fr 08:00 bis 17:00 Uhr

Senden Sie uns eine E-Mail:
info@bibliomedmanager.de

Häufige Fragen und Antworten finden Sie im Hilfe-Bereich